Mediatipps (Teil 20): „71/72 – Die Saison der Träumer“ von Bernd-M. Beyer

Was für ein Jahr (bzw. zwei halbe), was für eine Saison: 1971/72. Uli Hoeneß war 19, spielte beim FC Bayern, offiziell als Amateur für 700 Mark von der Deutschen Sporthilfe und weiteren 2.000 vom Verein, die allerdings nicht für seine Leistung als Fußballer sondern für das Bedienen der Frankiermaschine, wie Vereinspräsident Wilhelm Neudecker süffisant verriet. Damit war Hoeneß als Amateur teilnahmeberechtigt bei den Olympischen Spielen 1972.
Um die Meisterschaft stritten Borussia Mönchengladbach mit Netzer und Heynckes, die Bayern mit Breitner, Müller und Beckenbauer und – man glaubt es heute kaum noch – der FC Schalke 04 mit Klaus Fischer, den Kremers-Zwillingen, Reinhard „Stan“ Libuda und Norbert Nigbur im Tor.

1971/72 war aber auch die Saison, zu deren Beginn der Präsident der Offenbacher Kickers Hans-Gregorio Canellas eine Kugel aus dem Lauf ließ, die die Bundesliga in ihren Grundfesten erschütterte: Er gab den Anstoß zur Enthüllung eines Bestechungsskandals unfassbaren Ausmaßes, in dem die Vereine anderen Spielern Unsummen zuschoben, um Spielergebnisse zu manipulieren. Drehscheibe war Arminia Bielefeld, betroffen waren Dutzende Spieler, viele davon wurden vom DfB-Sportgericht lebenslang gesperrt.

Im gleichen Jahr erhielt Willy Brandt den Friedensnobelpreis, gründete Rio Reiser Ton, Steine, Scherben, deren Manager Nikel Pallat in einer WDR Talkshow vor laufender Kamera in einer Live Sendung das Mobiliar mit einer Axt traktierte. Noch heute auf YouTube anzusehen.

In Berlin gründet sich neben der RAF, die eine blutige „Mai-Offensive“ startet, eine weitere Terrorgruppe, die Bewegung 2. Juni. In Derry in Nordirland kommt es zum Bloody Sunday. Rainer Barzel strebt danach, Kanzler Brandt zu stürzen und scheitert kläglich damit, das BaföG wird eingeführt, aber auch der Radikalenerlass.

Bundestrainer Helmut Schön sammelt anonyme Zuschriften, in denen Deutschlands Fans sich über die Frisuren von Günter Netzer und Paul Breitner echauffieren und die Spieler der Nationalmannschaft als langhaarige Affen und Untermenschen beleidigen. In gleicher Tonalität erschienen in diversen Zeitungen Dutzende Leserbriefe.

Was für eine Saison. Dies alles und noch viel mehr ist nachzulesen in Bernd-M. Beyers Buch 71/72 – Saison der Träumer. Es ist ein wunderbares Buch über die Saison, in der die Bundesliga ihre Unschuld verlor. Noch tief verhaftet war sie im Denken der 50er und 60er (siehe die Diskussion um Spielerfrisuren oder Frauenfußball). Ungehindert konnten Altnazis wie Dr. Karl Lamker in die Geschicke von Vereinen eingriffen. Zugleich war ein Hauch von dem, was kommen würde, zu spüren: Breitner und Hoeneß rebellierten gegen die ihrer Meinung nach Unterbezahlung, Netzer fuhr schwere Autos, Breitner sperrte sich bei Länderspielen gegen das Singen der Nationalhymne – und es wurden Spiele in großer Zahl verschoben. Alles in allem fast wie heute?

Beyer zitiert Breitner, der sich nicht scheute, mit dem Fußball viel Geld zu verdienen, aber gleichzeitig vor Che-Guevara-Postern zu posieren, dass er die Bundesliga für „Kapitalismus in Reinkultur“ hielt und für einen „modernen Zirkus“ – Kunststück, dass er die biedere deutsche Seele damit aufschreckte, die ihrem Ärger in Schmähbriefen gegen seine Haarpracht Luft machte.

Nichts Neues also unter der Sonne. Über Fußballer-Frisuren wird auch heute noch mehr als notwendig debattiert.

Und die Schale? Jeder Statistiker oder Google-Fan kann mit einem Blick herausbekommen, wer sie in dieser Saison nach Hause holte. Lattecks Truppe natürlich. Wie gesagt: Alles schon mal dagewesen.

Beyers Buch erzählt all das detailliert und sachkundig recherchiert, den heutigen Leser teils zum Schmunzeln teils zum Staunen bringend. Man muss kein Zeuge der Zeit sein, nicht die halbstündige Sportschau gesehen haben, in der erstmals das Tor des Monats ausgelobt wurde und die Moderatoren stocksteif hinzer einem Pult saßen. Aber wenn man diese Zeit erlebt hat, dann klingen plötzlich wieder die Stimmen von Ernst Huberty, Joachim Rauschenbach und anderen Sportreportern im Ohr, längst vergessene Namen sind plötzlich wieder präsent: Jürgen Grabowski, Wolfgang Overath, Dietmar Danner, Horst Köppel auf dem Platz, Hennes Weisweiler, Herbert Burdenski, Max Merkel am Spielfeldtand. Alles Fußballlegenden.

Und der von mir so sehr geschätzte BVB? Der donnerte in der Saison in den Abstieg in die Regionalliga. Denn eine zweite Bundeliga gab es noch nicht. Mit 11:1 wurden die Schwarzgelben unter Witzler beim Auswärtsspiel in München von den Bayern im Grünwalder Stadion (in dem heute wieder die 60er spielen) vom Platz gefegt. Denn das Olympiastadion gab es auch noch nicht, es wurde gerade erst für die Olympischen Spiele auf dem Oberwiesenfeld fertiggestellt und sollte im Frühsommer seine Einweihung mit dem Spiel der DFB-Elf gegen die UdSSR erleben; danach dann als erstes Bundesligaspiel FC Bayern gegen Schalke 04 und schließlich die Olympischen Spiele mit dem schrecklichen Terroranschlag mit 16 Toten. Was ein Jahr, bzw. zwei halbe.

Besonders angetan hat es mir dieses im Buch wieder abgedruckte Zitat von Max Merkel. Das könnte man manchem Spieler auch oder gerade heute ins Poesiealbum oder auf seinen Instagram- bzw. Twitteraccount schreiben:

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Bernd-M. Beyer: 71/72 – Die Saison der Träumer

Gebundene Ausgabe / 352 Seiten / Verlag: Die Werkstatt / Erschienen 10.02.2021 / Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3730705407

Preis: 22,00 €


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1 Antwort

  1. Ich war dabei. Na ja: ich kann mich an diese Jahre jedenfalls noch sehr gut erinnern. 1972, das war der schönste Fußball, den ich je gesehen habe. Und die Haare der Fußballer waren die schönsten. Sowieso. Abgesehen von Beckenbauer natürlich. Aber sogar der konnte spielen. An Beckenbauer habe ich zwei wunderbare späte Erinnerungen:
    Einmal, das muss so um 1990 gewesen sein, war ich auf der CeBIT Standleiter bei Microsoft. Da kam die Pressechefin von NEC aufgeregt rüber und kündigte an, dass sie mir in zehn Minuten den Beckenbauer für eine Stunde vorbei bringen würde. Sie habe ihn für einen Tag eingekauft und wisse nicht wohin mit ihm. Nun hatte ich aber auch nichts vorbereitet: keinen Gesprächspartner, keine Presse, gar nix. Also wurde mir der Kaiser übergeben und ich hatte ihn am Hals. Meine Vermutung, dass er sich für Computerdinge nicht sonderlich interessierte, erwies sich als richtig. Also schlug ich ihm vor, dass wir dann ja auch nicht so tun müssten also ob und ich schlug ihm vor, dass wir beide uns dann auch für eine Stunde mit einem Bierchen in einem Besprechungsraum verstecken könnten. Dieser Vorschlag kam seinen Interessen sehr entgegen und so geschah es auch. Es wurde eine eher fade Stunde, aber immerhin …
    Jahre später war ich nachts in einem Kaff in Lettland unterwegs und wurde von einer Horde besoffener Russen mit „Heil Hitler“ angehalten und angepöbelt. Sie meinten „Deutschland gutt. Heil Hitler“. Ich mit spontaner Eingebung: „Ich Bayern München. Nix Hitler.“ Sie plötzlich sehr freundlich: „Munchen. Bekkenbauer. Gutt. Prost Towarisch“. Aber was erzähl ich hier. Das sollte ich wohl eher auf meinem eigenen Blog erzählen. Dort hab ich ja auch dieses wunderbare Buch besprochen: https://www.czyslansky.net/rezension-7172-die-saison-der-traeumer-der-traum-ist-aus/.

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