Ein Wurm ist ein Wurm ist ein Wurm… Notizen aus dem Lenbachhaus (Teil 2)

wurm2.jpgGeben Sie es ruhig zu… Von Erwin Wurm haben Sie bisher noch nie etwas gehört. Stimmt’s?
Also ich zumindest nicht.
Das hat sich schlagartig geändert, als wir vor einiger Zeit im Lenbachhaus in München waren. Dieser Künstler verdient meinen vollen Respekt. Denn er schafft etwas, was nur wenige können: Mich gleichzietig zu faszinieren, zu begeistern und auf’s Beste zu amüsieren.
Nicht, dass das ein Kriterium wäre, um das es geht. Welchen Kunstschaffenden von Weltruf und musealem Wert interessiert es schon, ob sich ein kleiner unbedeutender Blogger für sie begeistern kann oder nicht.  Ich tue es trotzdem.

Bei Wikipedia lese ich: Der 1954 geborene österreichische Künstler Erwin Wurm arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten an einem vielschichtigen Werk, das sich mit der Erweiterung der Begriffe Plastik/Skulptur umschreiben lässt. Sein Werk umfasst Materialskulpturen, Aktionen, Videos, Fotos, Zeichnungen und Bücher…. Erwin Wurm zählt heute zu den erfolgreichsten Gegenwartskünstlern.
Adorno.jpgWenn ich mich für etwas begeistere, möchte ich es besitzen. Das geht sicher vielen Menschen so. Am liebsten würde ich die Kunststücke aus dem Museum mit nach Hause schleppe. Das ist natürlich komplett unrealistisch, ebenso, sich auf die Suche nach halbwegs erschwinglichen Repliken zu machen. Noch nie gab es in einem Museumsshop Nachgüsse berühmter Plastiken – zumindest nicht hier im ernsthaften und bildungsbeflissenen Museumsbetrieb. Von den kitschigen Gips-Statuen eines „David“ von Michelangelo müssen wir ja nicht weiter reden.
Erwin Wurms Kunstwerke sind  ür den „Alltagsgebrauch“ im Privathaushalt nicht unbedingt geeignet, das muss ich einschränkend zugeben. Da wäre das Beuys’sche Schaf aus Teil 1 schon eher passend. Seine Figuren sind dann doch etwas ausladender.
Gurke.jpgAlso machen wir das, was wir in solchen Fällen immer tun, wenn wir uns diesen Meister habhaft machen wollen. Wir stürmen den Museumsshop und machen uns auf die Suche nach einem Bildband. Den gibt es auch, er ist nur einigermaßen schwer zu finden und natürlich ist es kein günstiges Buch aus dem Taschenverlag sondern ein dicker Wälzer für knapp 50 Euro: Ein Ausstellungskatalog, erschienen im DuMont-Verlag. Das Cover ziert die im Lenbachhaus ebenfalls ausgestellte Plastik „Ohne Titel“ – eine Gurke aus Acryl, die ich bereits fotografiert habe (Bild rechts).
Beim Durchblättern des Buches müssen wir mehrfach lachen. So genial, so humorvoll und so böse ist Erwin Wurm.
So doppeldeutig seine Figuren, so brillant der Sprach-/Bildwitz, mit dem er seine Kunst betreibt. Auch wenn Wurm sich nicht als Humorist versteht (nach Wurm sei Humor eine Waffe), sind seine Arbeiten doch von einem gelegentlich ins Satirische gehenden skurrilen Humor getragen lese ich später bei Wikipedia und liege also mit meiner Einschätzung nicht ganz daneben.
Ok… diese phallische Gurkenplastik, die könnte ich natürlich schon daheim in einer kleinen Vitrine unterbringen. Aber ich zweifle daran, dass das Museum sie wird hergeben wollen.
kerl.jpgVorerst beschränke ich mich darauf, sie zu fotografieren und das Foto als Avatarbild für diverse Netz-Auftritte im Web 2.0 zu benutzen.
Erwin Wurm ist eine Gurke. Nein, das soll nicht der Sündenfall einer unzulässigen Personalisierung sein, in der Werk und Urheber in ein unheilvolles Durcheinander geraten. Wenn wir sagen, dass Wurm eine Gurke sei, dann nur aus Ehrerbietung gegenüber dem Künstler selbst, der die Pflanzenfrucht für charakteristisch genug hielt, um ihn auf dem Ausstellungsplakat der just eröffneten Lenbach-Schau zu repräsentieren. Wurm sympathisiert auffällig … mit dem Kürbisgewächs. Was ist der Mensch? Ein Wurm. Pardon, eine Gurke. Alles, was er tut, ist absurd. Das aufzuzeigen, hat der ordentliche Professor für Bildhauerei, Plastik und Multimedia sich zur Aufgabe gemacht.
Gurken können aber auch bitter sein, zum Beispiel wenn der Sekundärmarkt in die fein ausbalancierte Welt aus wuchernder Absurdität und künstlerischer Kontrolle eindringt.
lese ich auf artnet.de als ich versuche, mich über die Plastik „Ärgerbeule“ kundig zu machen. Das ist jene Skulptur, die in ganz besonders herausragend ist.
Aergerbeule.jpgSie stammt aus dem Jahr 2007 wurde von einer Münchner Galerie 2010 für € 95.000 zum Kauf angeboten. Heute steht sie im Lenbachhaus.
Dort fristet der koflose Kerl mit dem rosafarbenen Pullover und einer deutlich sichtbaren Ausbeulung seiner Hose ein eher unscheinbares Dasein, ein wenig abgeschoben im Treppenhaus zwischen Altbau und neuem Trakt.
Vielleicht ist es besser so. Bevor die Ärgerbeule noch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ganz aus dem Kunstbetrieb entfernt wird.
Schließlich gehen ja auch Kinder ins Museum.
Falls die mal weg muss, (Sie kennen ja den Satz: Ist das Kunst oder kann das weg…), wäre ich bereit, der Ärgerbeule Asyl anzubieten. Aber ganz sicher nicht für den Galeriepreis. Im Zweifel müsste der Herr seine Dauererrektion andernorts zur Schau stellen…

Eine erste Notiz aus dem Lenbachhaus ist bereits erschienen, eine weitere folgt in Kürze.

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