Vergelt’s Gott

Dienstags ist, davon in meinen Blogs und meinem Buch mehrfach zu lesen, die Arschlochdichte besonders hoch. Gestern war Dienstag.

Ungern verlasse ich an solchen Tagen das Haus, denn die Gefahr, einem Arschloch zu begegnen und sich gallig zu ärgern, ist dienstsgs ganz besonders hoch.
Es hilft nichts. Ich habe etwas in Erding zu erledigen. Da meine e-Mail-Anfragen um ein Interview für das Online-Magazin unbeantwortet blieben, fahre ich eben heute selbst in die Stadt, marschiere in den Laden und dann werden wir ja sehen… oder auch nicht.
Der Parkplatz am Mühlgraben ist gesteckt voll. Man fragt sich, wo all die Leute herkommen, was die alle in Erding wollen und ob die keine Arbeit haben. Nach der ersten Runde mit suchendem Blick winkt mir ein Mann hilfsbereit mit seinem Autoschlüssel. Ich solle ihm folgen, er werde den Parkplatz jetzt verlassen. Die Lücke könne ich ja dann sofort wieder füllen.
Na bitte – geht doch. Dienstag ist eben nicht nur ein Tag für Arschlöcher.
Noch überraschter bin ich, als eine Frau neben mir anhält,während ich zum Parkautomaten gehe. Sie habe, so erwähnt sie hinter dem Lenkrad sitzend, in den Automaten ihren Parkschein unten wieder hinein gelegt. Eine halbe Stunde sei noch drauf. Wenn’s mir reicht, dann solle ich den doch nehmen.
Artig bedanke ich mich. Ich bin verwirrt. Ungewöhnlich ist das Verhalten nicht, das passsiert öfter mal, aber heute ist doch Dienstag. Wo kommen all die netten Leute her?
Eine halbe Stunde reicht. Und ich spare enorm etwas.
Zögernd nehme ich den Schein aus dem Automaten und lege ihn in mein Auto. Ich weiß, dass das eine Ordnungswidrigkeit ist. Alle machen das, das macht es allerdings nicht besser. Immerhin verlangt die Kommune den aberwitzigen Betrag von 0,50 Euro pro Stunde. Das sind Parkpreise, von denen der Münchner nur träumen kann. Aber der fährt ja nicht nach Erding sondern zahlt lieber das Siebenfache für die gleiche Zeit in seiner verkehrsverstopften Landeshauptstadt. Egal.

Nach 20 Minuten kehre ich zu meinem Auto zurück. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Merkwürdige Geschäfte haben merkwürdige Öffnungszeiten – das gilt auch in Erding. Die Türen sind verschlossen, so komme ich nicht weiter. Und ich werde das erste Mal aufmerksam, wie viele Bettler in der Innenstadt auf der Straße sitzen. Entweder ist das neu, oder ich habe es bisher nicht bemerkt.
Ich ändere meinen Tagesablauf, fahre zum Sport, um anschließend noch einmal mein Glück zu versuchen.
10 Minuten später stehe ich an der Kasse des Erdinger Schwimmbads (Parken vorm Loch ist umsonst, wo gibt’s das heute noch?) und zahle zärtliche 140 Euro Eintritt. Viel Geld, ok. Dafür darf ich dann aber heute ins Wasser und noch 49 weitere Male wieder kommen. Das macht pro Schwimmbadbesuch 2,80 Euro. Das ist ein fulminantes Schnäppchen. Ich bin stolz, Geiz ist geil wieder perfekt umgesetzt zu haben, und nehme mir vor, in bester Loriot-Manier demnächst 10 Paletten Senfgläser zu kaufen. Man kann ja so viel sparen.
Als ich zum zweiten Mal auf den Parkplatz am Mühlgraben fahre, zahle ich 50 Cent und maschiere in die Stadt. Zwar haben die merkwürdigen Geschäfte jetzt auf, aber reden tut trotzdem keiner mit mir, denn der Eigentümer, den ich interviewen möchte, ist im Urlaub.
Also setze ich mich am Kleinen Platz ins Cafe und nehme ein verspätestes Mittagessen für 6,90 Euro zu mir. Schon wieder ein Schnäppchen. Da kann ich mir ja noch eine Rhabarberschorle gönnen. So geil, wie günstig das alles ist.
Ich sitze vor dem Cafe, die Schirme sind nicht aufgespannt, die Sonne scheint mir direkt aufs Haupt und tief hinein ins Gemüt.Vergelt's Gott
Sie wärmt mich, mir geht es gut. Richtig gut.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz komme ich zum vierten Mal bei dem alten Mann vorbei, der vor der Bücherei auf der Erde sitzt und bettelt.  Er streckt mir seinen verknautschten Hut entgegen und grüßt mich, so wie er jeden grüßt, der an ihm vorbei geht.
Die 50 Cent, um die ich die Stadt geprellt habe, sollen die seinen sein. Die Stadt Erding wird es aushalten können. Falls nicht, kann sie sich ja bei mir melden.Und ich lege noch was drauf.
„Vergelt’s Gott“, murmelt der alte Mann kaum verständlich aus seinem fast zahnlosen Mund, als ich mich herunterbücke und ihm das Geld in die Mütze lege. Er schaut auf, lächelt kurz, dann blickt er wieder zu Boden. Das ist beschämend. Für mich.
„Vergelt’s Gott“, hat er zu mir gesagt.
Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, der mir das vergelten wird. Aber ich weiß: Geiz ist nicht geil. Geiz ist scheiße. Er wärmt nicht.
Und noch etwas: Dienstags sind nicht nur Arschlöcher unterwegs, auch ganz normale Menschen.

PS: Wenn Sie noch mehr von meiner schwer verdaulichen Gutmenschlichkeit lesen wollen, dann empfehle ich meinen Beitrag in meinem Schwimmblog zur Aktion „Blogger für Flüchtlinge„). Dann muss ich das nicht hier wiederholen.

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