Honig oder Estragon

Natürlich könnte man sagen, dass es Renates größter Wunsch ist, Recht zu bekommen. Manchem Leser mag sich hier der Verdacht aufdrängen.
Aber das ist falsch.
Denn Renate bekommt nicht erst Recht, sie hat es bereits. Immer und überall. Und automatisch. Das ist eine Selbstverständlichkeit, um die sie sich nicht leidenschaftlich bemühen muss. Das ist Gesetz. Harald weiß das und akzeptiert das. Das hat er immer schon getan – vom ersten Tag an.
Es kommt also eher selten, dass die beiden sich auf Augenhöhe begegnen.Genau so etwas aber geschieht, als sie im Edeka im Nachbardorf vor dem Senfregal stehen. Und ich bin glücklicher Zeuge.

Meine Frau, die mittlerweile auch ein hochprofessioneller Renate-Spotter und -spötter ist, entdecktund enttarnt Renates sofort. Und sie weist mich dankenswerterweise darauf hin.
„Siehst Du die Frau dort in der roten Jacke? Auch so eine Renate. Steht mit ihrem Mann vor dem Kühlregal und streitet sich herum, ob es Sauerrahm oder Saure Sahne heißt und ob beides das Gleiche ist…“
Das ist genug Grund, aus der Routine des Wochenendeinkaufs auszuscheren, das Sammeln und Jagen einen Moment auszusetzen. Ich werde mal wieder Renate im Supermarkt observieren. Merkwürdigerweise trifft man sie hier am meisten.
Ich eile zurück zum Kühlregal. Aber die rotbejackte Renate und ihr Harald sind verschwunden. Vor dem Senfregal finde ich sie wieder.senf

„Scharf oder Extrascharf?“ höre ich Harald fragen. Klug, wie er ist, vermeidet er eine Entscheidung, die am Ende doch die Falsche ist, und fragt lieber seine Gattin, was er in den Einkaufswagen legen soll. Man(n) kann ja sooo viel falsch machen. Das weiß er aus leidensvoller Erfahrung – man erinnere sich nur an das Theater um die Salatnudeln.
Es war trotzdem falsch, was der arme Mann damals gemacht hat, aber er hat seine Lehre daraus gezogen. Und die heißt: Erst fragen, dann handeln.
Aber auch das ist falsch.
„Kannst Du mich nicht einmal was Leichteres fragen? Wenigstens ein einziges Mal?“, schnauzt ihn die Gattin in einem Ton und einer Lautstärke an, dass es selbst der Pizza unter dem Senf in der Tiefkühltruhe fröstelt.
So aggressiv erlebt man Renate selten. Es scheint, dass ihr die Diskussion um Sauerrahm ein wenig auf die Nerven gegangen ist.

Unsicher greift Harald bei der Feinkost ins Regal und nimmt ein Glas Senf in die Hand.

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„Senf mit Honig…“ liest er vor, was auf dem Etikett gedruckt steht. „Also Sachen gibt’s…“, schüttelt er ungläubig sein graues Haupt.
„Wie das wohl schmeckt?“
„Vermutlich ekelhaft – so was kann doch kein normaler Mensch gut finden“ erwidert Renate gereizt. „Und überhaupt… warum greifst Du eigentlich nach em. Muss es denn immer der gleich das Teuerste sein?“
Harald, der gar nicht vorgehabt hatte, den Senf zu kaufen, sondern lediglich neugierig war und das Ettiket studieren wollte, stellt das Glas missmutig zurück ins Regal.

„Dann können wir doch den hier nehmen“, schlägt er zaghaft vor, nimmt einen Senf und hält ihn Renate vor die Nase.
„Bist Du wahnsinnig?“ faucht sie. „Der ist doch mit Estragon. Lies doch gefälligst mal, was auf dem Ettiket steht.“
Harald starrt sie ob des harschen Tons verschüchtert an. „Ja und? Was ist damit? Auch zu teuer?“
„Mensch, Harald! Estragon. Weißt Du überhaupt, wie das schmeckt?“

Noch bevor der abgebürstete Harald antworten kann, weist Renate ihn an, auch den Estragonsenf zurück ins Regal zu stellen.
„Estragon-Senf auf einem Leberkäse. Also sowas… Du spinnst doch wohl.“
Renate läuft wieder mal zu Hochform auf. Sie poltert nicht mittel-, sondern extrascharf: „Wie kann man nur auf so eine dämliche Idee kommen. Sowas hab ich schon lange nicht mehr erlebt. Manchmal frage ich mich echt, was ich da geheiratet habe.“
Dann beendet sie die Diskussion um den Senf.
„Schluss jetzt. Wir nehmen den Mittelscharfen. Da kann man nichts falsch machen.“
Spricht’s und tut ein Glas in den Einkaufswagen.
„Schau mal, und das Glas ist auch ganz hübsch. Wenn der Senf alle ist, können wir es noch als Trinkglas hernehmen. Müssen ja nicht immer die guten Gläser sein, die gehen sowieso viel zu schnell kaputt. Vielleicht nehmen wir gleich zwei Gläser. Dann haben wir beide so ein Glas.“

Derweil die beiden noch über Senf und Trinkgläser sinnieren, denke ich einen Augenblick daran, eine kleine Bombe zu zünden. Ich könnte Renate und Harald eine von Schuhbecks Gewürzmischungsdosen, die direkt gegenüber von dem Senf im Regal stehen, in den Einkaufswagen schmuggeln. Anschließend muss ich mich nur ans Kassenband stellen und auf die beiden warten.
Ich erwarte ein fulminantes Showdown, wenn Renate die Waren aus dem Wagen auf das Band räumt, und das Zeug in die Finger bekommt…
schuhbeck

Das rumpst bestimmt. Großartig! Demnächst mehr davon.

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3 Kommentare


  1. Senf und Honig (oder Marmelade oder einfach Zucker) sind großartig zu Räucherlachs!

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  2. Ja, Ja bitte mach das!!!!
    Ich will Renate und Harald mit dem Sexgewürz!!!!
    Bitte, bitte, bitte!!!!!

    P.S. ich mag übrigens sehr gerne Estragonsenf auf dem Leberkas

    Antworten

    1. Sie wird mich töten, wenn sie dahinter kommt, dass ich das war.

      Antworten

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