Lesetipp (Teil 12): „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ von Arthur Conan Doyle

Arthur Conan Doyle… ist das nicht der, der…
Genau der.

Der Autor aus Edinburgh, der sich durch seine Sherlock Holmes Romane Weltruhm verschaffte. Sein Reisetagebuch Heute dreimal ins Polarmeer gefallen ist hingegen recht unbekannt. Zu unrecht. Denn es bietet gleich mehrere Überraschungen:

  • Es fällt so ganz aus dem Œuvre Doyles heraus.
  • Doyle begann seine beruflichen Werdegang keineswegs als Schriftsteller sondern als Arzt. Präziser gesagt: Als Schiffsarzt. Noch während seiner Studienzeit heuerte er für eine Saison auf einem Walfangboot an und begleitete die Crew ins Nördliche Polarmneer.
  • Doyle hat seine Stürze ins Polarmeer allesamt überlebt – was zwar ein großes Wunder ist, aber eben keine Überraschung. Sonst nämlich wäre sein Name längst in Vergessenheit geraten.
  • Doyle hat es geschafft, aus wenig Stoff im Lauf seines Lebens enorm viel zu machen – und noch mehr der Herausgeber des Buches. Das Buch zeigt es.

Denn die Polarreise, die Doyle als Zwanzigjähriger 1880 unternahm und die ihn enorm beeindruckt haben muss, ist ein stets wiederkehrendes Thema. Zunächst findet sich in dieser Buchausgabe nach einer ausführlichen Einleitung Doyles Tagebuch, übersetzt von Alexander Pechmann. Es folgen als Faksimile viele Seiten aus dem Originaltagebuch Doyles, das der Autor in einer äußerst pitturesken Handschrift verfasst hat und mit zahlreichen Skizzen  und Zeichnungen illustrierte.Faksimile des Originaltagebuchs von Arthur Conan Doyle

Doyle selbst hat seine Erlebnisse hernach selbst immer wieder literarisch und auch wissenschaftlich verarbeitet. Ein Anhang im Buch, der etwa die gleiche Länge wie das Tagebuch selbst hat, führt all diese Werke auf. Da wäre ein Artikel für die Zeitschrift The Idler aus dem Jahr 1892, einer für das Strand Magazine aus dem Jahr 1897 und auch die Sherlock-Holmes Geschichte Der schwarze Peter, die Doyle ebenfalls im Strand Magazine veröffentlichte. Auch hier greift er auf seine Erfahrungen seiner Polarreise zurück.
Des weiterenergänzen eine kurze Lebenschronik und Essays der Herausgeber das Buch.
Und – um es gleich vorweg zu sagen : Es wird trotzdem nicht langweilig. Mag sein, dass der eine oder andere den Essay über die Tierwelt der Arktis am Ende des Buches nicht mehr liest. Vielleicht sind die Ausführungen Doyles über die vielen verschiedenen Walarten, die Robben und Vögel im Polarmeer auch detailliert genug.

Es macht Spaß, es ist interessant und es ist spannend, die Schilderungen Doyles von dieser Reise, die er von Februar bis August 1880,  zu erzählen – vom rauen, bisweilen kargen, bisweilen eintönigen, dann wieder gefährlichen Leben auf See. Als Teil einer 56köpfigen Crew war er zwar für die medizinische Versorgung der Mannschaft zuständig, was enorm erstaunt, wo er doch gerade erst 20 Jahre als war, aber natürlich musste er wie alle anderen sich auch am Walfang aktiv beteiligen. Das hat wenig von Abenteuer- oder Seefahrerromantik zu tun, nichts mit Melvilles Mobby Dick oder Jack Londons Seewolf. Da fehlt es an romanhafter Verdichtung, Ausschmückung und literarischem, dramturgischem Konzept. Aber so etwas kann ein Tagebuch auch nicht liefern. Also schildert Doyle nüchtern, wie es ist – das Aufspüren der Wale, die Enttäuschung, wenn sie entkommen, der Wettkampf mit dem konkurrierenden Schiff Eclipse,  die parallel zum Walfang stattfindende Jagd auf Robben und See-Elefanten, die bange Frage, ob das Schiff die richtigen Wahlfanggründe angesteuert hat und ob Wind und Wetter die Rückfahrt möglich machen oder das Schiff vom Eis eingeschlossen wird.

Faksimile des Originaltagebuchs von Arthur Conan Doyle
Es ist der Entstehungszeit des Buches geschuldet, dass Themen wie Tier-, Natur- und Umweltschutz keine Rolle spielen oder höchstens mal am Rande erwähnt werden, wie blutig das Geschäft des Walfangs ist, und dass ihn das letztlich doch erschüttert: Bei all der Aufregung – und niemand, der sich zu solch einem Anlass nicht schon einmal ein Ruder geführt hat, kann nachvollziehen, wie aufregend es ist – hat man mit dem armen, gejagten Tieren Mitleid. Der Wal hat ein kleines Auge, wenig größer als das eine Stiere; doch den stummen Protest, den ich in einem von ihnen las, als das Tier in Reichweite meiner Hand sein Leben aushauchte, kann ich nicht einfach vergessen.
Einmal muss Doyle als Schiffsarzt tätig werden, den erkrankten Walfänger Andrew  Milne kann er jedoch nicht retten und so wird dieser am 12. April 1880 im Polarmeer bestattet. Auch diese Episode schildert er exakt und unaufgeregt.

Einige Tage zuvor, am Sonntag, 04. April 1880  (um auf den Buchtitel zu kommen) notiert Doyle: Den ganzen Tag gearbeitet. Heute dreimal ins Polarmeer gefallen, doch glücklicherweise war immer jemand in der Nähe, um mich rauszuziehen.  Wie das geschehen ist, welche Gefahren diese Stürze bergen, wie knapp es gewesen ist, wieder auf festes Eis zu kommen, davon schildert er in einem Brief an seine Mutter in Edinburgh, datiert auf den 07.04.1880. Der Brief befindet sich als Abschrift ebenfalls im Tagebuch.
Es lohnt sich, das selbst zu lesen…

 


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Arthur Conan Doyle:  Heute dreimal ins Polarmeer gefallen: Tagebuch einer arktischen Reise

Gebundene Ausgabe
336 Seiten / Verlag: Mare / Erschienen am 03.03.2015 / Sprache: Deutsch, Faksimiles in englisch
ISBN-10: 3866482094 / ISBN-13: 978-3866482098
Gebundene Ausgabe: 28.00 €

Taschenbuchausgabe: 352 Seiten / Verlag: btb / Erschienen am 12. 12 2016 / Sprache: Deutsch, Faksimiles in englisch
ISBN-10: 344271432X / ISBN-13: 978-3442714322
Taschenbuchausgabe: 14,99 €



Alle Lesetipps:

Teil 1: Wir Wochenendrebellen von Mirco von Juterczenka
Teil 2: Rheines Wasser von Andreas Fath
Teil 3: Im Zelt von Wigald Boning
Teil 4: Wasser: Entdeckung des Blauen Planeten von Markus Eisl, Gerhard Mansberger und Paul Schreilechner
Teil 5: Wasser und andere Welten von John von Düffel
Teil 6: Der kleine Wassermann von Otfried Preußler
Teil 7: Im Wald: Kleine Fluchten für das ganze Jahr von Torbjørn Ekelund 
Teil 8: DVD/Blu-Ray: „Weit – die Geschichte von einem Weg um die Welt“ von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser
Teil 9: Mein Esel Bella oder Wie ich durch Deutschland zog von Lorenz Schröter
Teil 10: Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen von John von Düffel
Teil 11: Am Kanal von Brigitte Kraemer
Teil 12: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Tagebuch einer arktischen Reise von Arthur Conan Doyle

 

Teil 13 über „Dicker Mann auf dünnen Reifen“ von Ulf Henning folgt in einigen Wochen

 


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