Geheimtipps? Danke, nicht für mich

Diese Reisenden immer, die haben ja soooo viel zu erzählen. Wo sie waren, wie es dort war, was die dort erlebt haben und vor allem, dass sie auf jeden Fall noch mal dahin zurückwollen – und man solle doch selbst auch einmal…
Beredtes Beispiel sind die vielen Outdoor- und Travellingblogs, von denen ich mal in dem einen, mal in dem anderen etwas lese. Das mache ich vergnügt, still und heimlich, und bisweilen blogge ich sogar selbst aus oder über den Urlaub. Das Schöne daran ist nämlich, dass das One-Way-Communication ist. So soll es sein.
Gespräche über Urlaube aber vermeide ich – zumindest vorher. Da schweige ich wie ein Grab. Kein Wort kommt über meine Lippen, dass wir in den Urlaub fahren, geschweige denn wohin. Denn Sie können sicher sein: Sobald Sie Ihr Urlaubsziel preisgeben, treffen Sie auf einen, der schon dort war. Und dann geht es los mit Geheimtipps.Geheimtipps - Stachus
„Wenn Ihr da seid, ich kenne da ein wunderbares kleines Restaurant. Da MÜSST Ihr UNBEDINGT hingehen.“ Und in der Bucht XY badet es sich am besten, in Z gibt es einen tollen Weinladen, der hat die allerbesten Weine der Welt.“
Das kleine Museum, das keiner kennt: Ein echter Geheimtipp. Und in der Dorfkirche hängt ein echter Tintoretto, also wenn man sich den nicht anschaut – bla… bla… bla.

Natürlich: All das ist gut gemeint. Aber eben auch kolossal übergriffig. Denn wenn ich in die Ferien fahre, dann möchte ich meinen eigenen Entdeckergeist aufkommen lassen. Ich bediene mich vielleicht noch eines Reiseführers und das war’s dann aber auch. Bleiben Sie mir weg mit Ihren guten Tipps, vor allem den MUST SEE – MUST DO – MUST VISITs.
Sie versauen mir die Ferien, noch bevor ich losgefahren bin. Meine Frau und ich sind uns einig. Wir wollen uns ganz spontan durch den Urlaub treiben lassen und nicht eine Liste unbedingt besuchenswerter Sehenswürdigkeiten, Geschäfte, Restaurants etc., die wir mit auf den Weg bekommen haben, abarbeiten. Und schon gar nicht Ihre.
Woher wollen Sie schließlich beurteilen, dass der Wein, den sie so großartig finden, dass Sie meinem, wir müssten auf jeden Fall beim Winzer A vorbeifahren, auch mir schmecken wird? Nicht jeder Wein schmeckt jedem. Und Ihr Geschmack kann wohl kaum von sich behaupten, dass er allgemein verbindlich ist. Also Schluss damit.
Auch das Mosaik, dass Sie zu phänomenal finden, finde ich vielleicht entsetzlich langweilig. Und ich gehe auch nicht auf die Suche nach irgendwelchen besonderen Viechern, die es nur dort gibt, und die zu sehen und zu fotografieren einem Sechser im Lotto gleich kommt. Glauben Sie mir. Das stimmt nicht. Mein Finanzamt lässt sich jedenfalls nicht mit Bildern von irgendeinem Falter zufriedenstellen.

Das Schlimmste aber an diesen Ratgebern ist, denen nach dem Urlaub wieder begegnen zu müssen. Dann nämlich wird man abgefragt, ob man auch all den Geheimtipps gefolgt sei. Der liebenswerte, ratgegebenhabende Mensch möchte natürlich gelobt werden, wie großartig alles war, wie gut er sich vor Ort auskennt. Ein echter Insider. Vor allem aber möchte er endlos bedankt werden mit Bemerkungen wie: „Ohne Deine Tipps wäre der Urlaub nicht mal halb so schön gewesen!“
Man stelle sich vor, man antwortet auf die Frage „Warst Du da, dort, bei dem und bei dem? Wie fandest Du es?“ einfach mal mit „Nein waren wir nicht. Nein, interessierte uns nicht. Nein, war zu weit weg. Nein, der Wein vom Winzer war schlecht und die atemberaubende Aussicht auch eher durchschnittlich.“ Dann hat man doch gleich einen Freund für’s Leben weniger. Kann man doch auch nicht machen.
Ergo verrate ich niemanden, wo wir hin fahren. Und wenn doch einer drängt, lüge ich einfach und benenne einen Ort, an dem sicher niemand im Leben Urlaub macht. Korschenbroich in der rheinischen Tiefebene böte sich da zum Beispiel an. Ich war da nie und werde da vermutlich auch nie hinkommen. Aber so geht es vermutlich auch allen anderen, zuminddest meinen Gesprächspartnern. Das enttäuschte Gesicht des Gegenübers, mir keine Tipps geben zu können, spricht Bände.
Dumm nur, wenn der andere meint, von der Schwägerin die Tante, die wohnt da ganz in der Nähe. „Auch da oben am Rhein. Und die hat ein nettes kleines Restaurant. Weißt Du, ich ruf mal schnell meine Schwägerin an und frag nach dem Namen des Restaurants und wo genau das ist. Da MÜSST Ihr ja mal hingehen und schöne Grüße ausrichten von mir…“ Dass das Restaurant der Tante in Boppard liegt, also etwa 190km entfernt, tut ja nichts zur Sache. Rhein ist Rhein. Da muss man nicht kleinlich sein.

Am besten also, man bleibt zu Hause und besorgt sich vom Touristenbüro im Landratsamt die Broschüre mit hundert tollen Ferientipps für Daheimgebliebene. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Radtour?Geheimtipps
Man muss sich nur rechtzeitig mit dem Rad aus dem Haus schleichen. Denn die Nachbarin könnte einen ja sehen.
„Fahrt’s Radl? Schee. Übrigens: I kenn da oan‘ sensationellen Radweg bei Dorfen. Der is wunderschee. Und oan an der Isar. A Traum. Oiso, dass Ihr die no nie gfoarn seid’s… Das solltet’s scho a no tuan.“
Arrrrrrr.

4 Antworten

  1. Rita sagt:

    „von der Schwägerin die Tante, die wohnt da ganz in der Nähe“, das ist so ähnlich wie: „Du arbeitest bei der BASF? Kennst du den Sowieso?
    Schöner Beitrag! Eigentlich wollte ich dir noch einen brandheißen Typ für Kreta geben aber ich lass das jetzt lieber! ;-)

  2. Ulrike sagt:

    Grossartiger Beitrag! Und Urlaub wir generell überbewertet.

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