Ein Tweet und viele Fragen

Gelegentlich stolpere ich bei Twitter über einen Tweet, der eine erstaunlich nachhaltige Wirkung bei mir verursacht. Leider überwiegen dabei die negativen Gefühle wie Frust, Ärger Unverständnis, Empörung.
So stieß ich vor ein paar Tagen auf den Tweet der Berliner ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann. Ein paar Zeilen nur; die aber haben es in sich. Ich habe mir erlaubt, einen Screenshot davon zu machen und ihn als Aufhänger für einen Blog-Beitrag zu verwenden, der so gar nicht satirisch oder humorvoll sein kann. Und es auch nicht sein will:

Hallo, kleiner Mann,

vielleicht haben Deine Eltern irgendwann mal das Wort „Pharmalobby“ aufgeschnappt. Und von einer groß angelegten Verschwörung irgendwo auf einer obskuren Seite im Internet gelesen. Vielleicht glauben sie noch immer, dass Impfen allerlei Krankheiten auslösen kann – so zum Beispiel Autismus, wo doch längst nachgewiesen ist, dass die Studie des englischen Arztes Wakefield eine Fälschung war. Der Arzt hat daraufhin seine Approbation verloren, darf also nicht mehr behandeln. Seitdem tingelt er mit seinen wirren Thesen durch die Weltgeschichte und wettert gegen Impfungen. Und Du bist einer der Leidtragenden.
Jetzt sind Deine Möglichkeiten, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, enorm eingeschränkt. Weil Deine Eltern dem Unfug anderer Menschen geglaubt haben und Dich nicht haben impfen lassen. Aus Überzeugung. Die Folge: Du wirst nichts mehr hören können.

Nichts mehr:

Nicht die fulminanten Gitarrensolos eines Gary Moore, nicht die Songs der Beatles und der Rolling Stones.
Kein „Hallelujah“ von Leonard Cohen und kein „Hallelujah“ von Georg Friedrich Händel.
Nicht das Dröhnen einer Kirchenorgel, nicht den sanften Strich eines Bogens über Violinenseiten.
Das Rauschen des Windes in den Weiden wird Dir ebenso fremd bleiben wie das in den dürren Zweigen des Schilfs oder im Herbstlaub auf der Wiese.
Kein Lachen Deiner Freunde erreicht Dein Ohr, keine Fangesänge im Fußballstadion. Nicht das tiefe Brummen eines Didgeridoo, nicht das leise Summen der Bienen.
Wenn Möwen am Himmel sich heiser schreien, die Brandung tost und das Meer an die Hafenmauer klatscht, wirst Du das zwar sehen – aber das ist noch lange nicht alles. Der liebestolle Gesang einer Amsel in den Zweigen an einem Frühlingabend – was ein Konzert.
Nie wirst Du Dich in Stimmen verlieben können, nie wirst Du ein gehauchtes „Ich liebe Dich“ hören, nie das gleichmäßige Atmen eines Menschen, der neben Dir liegt und schläft.
Das Schnurren der Katzen und das Bellen der Hunde werden für Dich nur Wörter sein, den Zauber, Gedichte, die durchs Vortragen lebendig werden, wirst Du nicht spüren. Das Gluckern und Gurgeln eines Baches – wirst Du Dir jemals vorstellen können, wie sich das anhört?

Das Murmeln, ein Tweet
Legendäre Filmsätze, wenn jemand jemandem in die Augen schaut, einer die die Narren zum fliehen aufgefordert werden, oder einer immer wartet, wenn der Blitz den Blonden beim Scheißen treffen, Vasiliy nur ein einziges Ping geben soll oder, wenn jemand eine Melone getragen hat… wirst Du nie hören – und nie so zitieren können, wie es die Leinwandhelden gesagt haben.
Du hörst weder das warnende Hupen eines Autos noch das einer Fahrradklingeln, weder das Glockengeläut der Kirchen noch das aufgeregte Rufen der Marktschreier in einem fremden Land, wenn sie ihre Waren anbieten…

Und warum?
Wenn Du älter wirst, dann frag Deine Eltern, warum Du nichts (mehr) hören kannst. Frag Sie – immer wieder. Lass Dir von Ihnen erklären, was sie unter ihren Aluhüten gedacht haben, dass Sie Dich aus Überzeugung nicht gegen Masern haben impfen lassen. Sie werden es Dir sicher erklären können. Sie hatten ja gute Gründe…

 


Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich, wenn Sie ihn Ihren Freunden weiterempfehlen – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Gern dürfen Sie meine Artikel auch verlinken.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.

4 Antworten

  1. Vor kurzem habe ich nach einer Impfung, die ich selbst bekommen habe, nochmal dazu im Internet gesucht. Genaugenommen suchte ich den Beipackzettel des Präparats, das ich bekommen hatte, um darin etwas nachzulesen. Und ich war schockiert, was die Suchmaschine da alles auf den vordersten Plätzen auflistete. Ich hatte das bisher für Spinnerei einiger Esoteriker gehalten, aber da läuft eine regelrechte Desinformationskampagne.

    • Bibo59 sagt:

      Das Problem bei Suchmaschinen ist ja leider, je nachdem was Du suchst, werden die Pseudowissenschaftler als erste ausgegeben. Ich lande z.B. bei der Suche nach bestimmten Themen immer wieder bei PETA obwohl ich da überhaupt nicht hin will, ganz im Gegenteil.

  2. Belana Hermine sagt:

    Es ist tragisch, was aus falsch verstandener Überzeugung so angerichtet wird. Leider kann man dagegen wohl nur wenig unternehmen – außer Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.
    Aber – und das schreibe ich nicht als Entschuldigung für die Eltern, sondern als Hoffnung für den Jungen – er wird andere Möglichkeiten finden, all das, was Du aufgezählt hat, zu empfinden. Und er wird sicherlich mit den anderen Sinnesorganen die Welt in einer ganz anderen Qualität wahrzunehmen lernen als wir (vermeintlichen Normalos) das tun. Es kann ihm die Welt in einer ganz besonderen Weise eröffnen.
    In jedem Unglück steckt auch eine Chance. Ich hoffe, der Junge bekommt ausreichend Unterstützung, um die ihm möglichen Potenziale voll auszuschöpfen.
    Danke für Deinen Beitrag, der ein sehr brisantes Thema anspricht.

  1. 23. Januar 2018

    […] über Ein Tweet und viele Fragen — Zwetschgenmann […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.