Gastbeitrag: Renate und das freche Würstchen

Schon einmal hat Esther Laue in meinem Blog einen Gastbeitrag veröffentlicht. Renate war ihr damals gehörig in der Dresdner Straßenbahn auf den Senkel gegangen.
Dieses Mal schildert sie ein ganz besonderes Renate-Erlebnis, das hier wiederzugeben sie mir ausdrücklich gestattet hat. Ein wenig stolz nehme ich erneut zur Kenntnis, dass „Renate“ mittlerweile für einige Menschen ein Etikett für eine ganz bestimmte Kategorie Mitmenschen geworden ist, die man einfach überall trifft…

Von Esther Laue

Ich bin ja nicht so das Hausfrauchen, welches einen halben Morgen am Herd steht, um für mich ein Mittagsmahl zu bereiten. Gern gehe ich einfach runter zu einem Koch in einer Blockhütte, die er ganz sicher mal vom Dresdner Striezelmarkt abgestaubt hat: Das freche Würstchen:
Das freche Würstchen
Extras sind zwei Stehtische und bei Sonne kramst er auch ein Klapptisch mit Stühlen raus, so auch heute.
Unf heute gibt es Leber, für mich ein MUSS, um essen zu gehen.
Mein Koch kennt mittlerweile meine bevorzugten Speisen, also sieht er mich, ich reiche nen 5er rein. Er meint: „Darf’s ein Stück Leber mehr sein? Denn passt das.“
Und schon habe ich meinen gefüllten Teller und steuere zielsicher einen von zwei Stühlen an.


Wenige Augenblicke später kommt Renate zum frechen Würstchen und nähert sich kurz darauf – gleichfalls mit einer Portion Leber – meinem Tisch.
Das, was ich reichlich auf meinem Teller habe, hat mein Koch bei ihr wieder eingespart, oder kommt es mir nur so vor, weil ihre Portion deutlich „aufgeräumter“ aussieht?
Renate belegt den zweiten Stuhl, Harald gerät in mein Blickfeld und ich bedaure, ohne Kamera zu sein. Ich sehe nackte Knie, blicke zu Boden auf Füße mit Söckchen in Sandalen.
Schnell konzentriere ich mich auf meine Leber. Genüsslich kauend gleitet mein Blick zu Harald aufwärts. Er trägt kurze Hosen, die oberhalb der Knie enden. Alternde Männerbeine sag ich nur. Ich sehe einen Kordelzug am Bund, fein artig zur Schleife gebunden. Das unterteilt den Bauch in zwei Ringe.
Harald trägt sein Shirt nicht etwa locker über den Bauch fallend, nein das muss in die Hosen gestopft werden.
Harald hat etwas in seinen beiden Händen, ich muss genauer hin schauen.
Kennt Ihr das, man hat so ein groteskestes Bild vor sich, kann nun einfach den Blick nicht mehr abwenden?
Ich meine, dass Harald nuckelt.
Oh nein, tut er nicht. Er hält eine Fischsemmel in der Hand. Und er saugt.
Vor lauter intensiver Betrachtung hätte ich fast Renate vergessen, doch sie wäre nicht Renate, wenn sie sich nicht in Szene setzen täte. Also verlangt sie, dass Harald sich setzen solle. Er aber bleibt stehen, hingebungsvoll an seiner Fischsemmel saugend. Renate wird fordernder, er soll sich endlich setzen.
Aber wohin?
Den einen Stuhl besetze ich und den zweiten Renate, die jetzt recht laut wird. Einen dritten Stuhl gibt es nicht.
Ich lege mir ein neues Stück Leber auf die Zunge, köstlich zart, nicht hart durchgebraten …….. hmmmm.
Mittlerweile registriere ich, dass es an den zwei Stehtischen recht ruhig wird. Renate hat was sie braucht: Die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
Doch was genau will sie erreichen? Harald kann sich nicht setzen, es sei denn…

Nun reitet mich der Teufel, es muss an der leicht blutigen Leber liegen. Ich schneide mir ein neues Stück ab, spieße es mit der Gabel auf, betrachte es scheinbar völlig abwesend und bevor ich erneut einen vollen Mund habe, frage ich laut:
„Möchten Sie ihren Kleinen auf den Schoß nehmen, oder soll ich?“

Oh hat es gerade gedonnert?
Renate schaut zumindest so, als sei sie vom Blitz getroffen und das bei fast blauem Himmel. Harald saugt nicht mehr an seinem Brötchen, hinter mir könnte man meinen, da stehen Salzsäulen.
Ich habe den Mund voll, würde ich schmatzen, bin ich sicher, es wäre überlaut.
Renate steht auf, sie hat noch nicht aufgegessen und welch ein Wunder: Sie räumt das Feld.
Nein, also doch keine typische Renate, denn die wäre nicht gegangen, sondern hätte getan als sei nichts, nur dass der dumme Harald einfach nicht das macht, was sie verlangt, nämlich sich hinzusetzen.
Jetzt donnert es doch?
Ach nein, die Handwerker am Stehtisch vom frechen Würstchen brechen in schallendes Gelächter aus.

Text und Bild: Esther Laue. Vielen Dank für die Genehmigung, dies hier veröffentlichen zu dürfen.

 

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