Blogparade ‚Kulturblick‘: Der homo academicus musealis

Sicher. Sie können mich jetzt zusammenfalten, immer kleiner und das Ganze so lange, bis ich in eine Schublade passe. Dann kleben Sie bitte das Label darauf Bildungsbeflissener Kulturkonsument aus der bürgerlichen Mittelschicht. Das passt dann schon. Ziemlich gut sogar, denn ich erfülle zumindest in meiner Selbstwahrnehmung dieses Klischee aufs Vortrefflichste.
Weil ich Kultur konsumiere. Was heißt: Ich gehe in Museen und Ausstellungen, schaue mir moderne Kunst und antike Artefakte an, lausche im Theater gelegentlich einer Oper und habe es damit immerhin bis auf den grünen Hügel Bayreuths geschafft. Gelegentlich ist ja in diesem Blog davon schon die Rede gewesen.
Ich lese Bücher, erfreue mich Programmen tingelnder Kabarettisten, die man aus dem Fernsehen kennt, besuche nicht nur Blockbuster-Filme sondern auch Programmkinos und im Urlaub schaue ich mir sogar tote Steine an, wenn sie nur jahrtausendelang irgendwo schweigsam herumliegen.
Kulturblick auf antike Säulen

Und warum erwähne ich das?
Weil ich einen Beitrag für die Blogparade des Archäologische Museum Hamburgs, die von Iron-Blogger-Kollegin Tanja Praske betreut wird, verfassen möchte: „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“ | #KultBlick


Das Problem ist: Ich habe nichts verloren und demzufolge gibt es auch nichts wiederzufinden. Ok, es gab Abschnitte in meinem Leben, da war der Kulturkonsum etwas eingeschränkt. Wenn man zum Beispiel kleine Kinder hat, ist ein ausgedehnter Rundgang durch eine Ausstellung Moderner Kunst etwas gewagt- zumindest, wenn man vermeiden will, dass die Kinder mit Anlauf und Bauchlandung auf einem Stapel Filzmatten springen. So ähnlich nämlich wird das beim Turnen im Kindergarten gemacht. So haben sie das gelernt, woher sollen sie wissen, dass sie das nicht dürfen, nur weil Joseph Beuys persönlich die Matten gestapelt hat? Womit ich nicht sagen will, dass mein Kulturblick zu kurz wäre, um in Beuys einen großen Künstler zu sehen. Sein Schaf zum Beispiel begehre ich immer noch.

Neben der Kultur aber habe ich tatsächlich bei unseren Museums-Besuchen etwas wunderbar Neues entdeckt: Den bildungsbeflissenen Kulturkonsument aus der bürgerlichen Mittelschicht.
Den homo academicus musealis.
Ein Wesen wie ich selbst. Und auf diese Spezies richtet sich gelegentlich mein Hauptinteresse, mein #Kultblick, wenn der Kunst-Overload droht. Also fällt mein #Kultblick auf Menschen, die auf Kultur blicken.
Viele dieser Kulturkosumenten sind eigene, höchst interessante Studienobjekte. Denn – und darin unterscheide ich mich grundlegend von ihnen – sie können nicht still und ergriffen vor Exponaten und Schautafeln stehen, im Theater im Programm lesen oder in den Kabarettpausen ihre Apfelschorle schlürfen. Sie fühlen sich berufen und sachverständig genug, zu allem und jedem ihre Expertise abzugeben. Sie schwängern die Luft dermaßen mit Bildung, dass man zwangsläufig zum Lauscher und ebenso zwangsläufig zum Nacherzähler dieser Begegnungen wird- Sie stehen zum Beispiel in der Münchner Pinakothek der Moderne und stellen für alle unüberhörbar fest, wie gut sich doch Colanis Rauminstallation auch im eigenen Treppenaufgang machen würde.
Wie brillant, wie originell, wie witzig.
Der ist so gut, der könnte von mir sein…

Was also ist so verwerflich daran, zu lauschen und zu lernen? Immerhin verdankt dieses Blog ihren Ursprung in genau diesem schändlichen Tun: Auf dem Prager Hradschin einer deutschen Trekkingsandalen-Touristin bei in ihrem vollkommen absurden Treiben zuzuschauen. Es war seinerzeit die Geburtsstunde unser aller gehass/-liebten Renate.

Fast schon wehmütig wünsche ich mir zum Beispiel an einem sonnigen Sonntag im Bonner Mathematicum ein paar weitere Museumsbesucher herbei, die mich unterhalten können.
Gottseidank hat es meine Frau geschafft, mich zu überreden, dieses kleine, feine Museum zu besuchen, aber ich vermisse Menschen, die nicht nur die vielen wunderbaren Rechenmaschinen bewundern, sondern ihren Begleitern unaufgefordert ihre Funktion und ihre historische Relevanz erklären.
Gäbe es jetzt etwas Schöneres, als einem pensionierten leitenden Regierungsdirektor zu lauschen, der seiner ebenfalls pensionierten Lehrerinnengattin eine im Mathematicum ausgestellte Enigma aus dem Dritten Reich erklärt und unverhohlen von der Bedeutung und Genialität dieser Verschlüsselungsmaschine schwärmt? Ja: Wenn ein bezopfter Germanistikstudent herantritt und all das zunichte macht, in dem er seiner Freundin nacherzählt, was er die Woche vorher im Fernsehen im Spielfilm The Imitation Game gelernt hat – wie Alan Turing dem Mythos ein Ende machte und die Codes knackte. Dass sie den Film selbst gesehen hat und zwar neben ihm auf dem Sofa, tut in solchen Momenten nichts zur Sache.
Kulturblick auf eine Enigma
Stattdessen stehe ich alleine vor der Maschine, niemand, der mein Halbwissen hören will, niemand der mir dabei bewundernd an den Lippen hängt und sich vor lauter Respekt keine Nachfrage erlaubt, die mein Dilettieren sofort entlarven würde. Es ist so ungerecht. Auch ich habe Ihe Imitation Game gesehen und könnte jetzt mit Wissen trumpfen.
Anschließend könnte ich mich erschöpft in den Rot-Blauen Stuhl von Gert Rietveld niederlassen, nicht ohne anzumerken, dass man uns am Eingang extra darauf hingewiesen hatte, dass man alle ausgestellten Sitzmöbel auch besetzen darf. „Ha ha ha… besetzen. Ein Designobjekt. Einen Stuhl besetzen.  Welch brillantes Wortspiel!“
Anders übrigens als die Matten von Beuys in Darmstadt, die man weder besetzen noch beliegen darf – und schon gar nicht bespringen. Nicht mal begrabschen.
Kulturblick auf den blauroten StuhlUnd dieser Stuhl, so könnte ich mein flugs angelesenens Wikipedia-Wissen abspulen, ist eben in seiner Urform genau 100 Jahre alt, besteht aus 14 Vierkanthölzern und zwei Brettern. Varianten des Stuhls kann man noch heutzutage kaufen, sie kosten so um 2.000 Euro. Richtig bequem sind sie nicht, wie ich bei einer Sitzprobe feststelle, aber für Kenner ist das natürlich ein hervorragendes Accessoire in der häuslichen Stube – ähnlich wie eine kleine Bronze-Skulptur von Bruno Bruni auf dem Schreibtisch im Arztzimmer. Was eben so ein homo academicus musealis unbedingt zum Leben braucht.
So selten sind die übigens gar nicht, also die Stühle und Brunis Zahnarztkunst auch nicht. Die Enigma übrigens auch nicht, wie uns ein Museumsmitarbeiter erzählt hat. Alan Turings Decodiermaschine hingegen schon. Die würde ich gerne mal sehen. Mann, was könnte ich alles darüber erzählen…

Was also nützt mein schönes Wiki-Wissen, wenn niemand da ist, den ich damit blenden kann?
Und da soll man nicht mürrisch werden.
Halt… Warum?
Ich könnte doch einfach darüber bloggen.
Also: Hab ich eigentlich schon erzählt, dass dieser Stuhl da, also Sie wissen schon, der von Rietveld… Wie, den kennen Sie nicht, das doch dieser Designer, der… also, was ich eigentlich darüber anzumerken hätte…


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8 Kommentare




  1. Moin!
    Ein wunderbarer #Kultblick! Etwas verspätet möchten wir uns auch hier auf dem Blog noch einmal herzlich für die Teilnahme an der Blogparade und den Einblick in deine Gedankenwelt und die des „academicus musealis “ bedanken! 🙂
    Wir schreiben gerade eine Zusammenfassung der Blogparade und stöbern daher noch einmal intensiv in allen Artikeln – so erfrischend, tiefgründig und facettenreich! Herrlich!
    Viele Grüße aus dem Archäologischen Museum Hamburg
    Katrin Schröder

    Antworten



  2. Hach, lieber Lutz,

    made my day! Aber sowas von „bildungsbeflissenen Kulturkonsument aus der bürgerlichen Mittelschicht“ zu „homo academicus musealis“ – feine Begrifflichkeit. Fällt dir noch etwas zu Kulturinstitutionen ein. @mikelbower rief in seinem Beitrag zum #KultBlick zu einer Begriffschallenge auf.

    Ich mag es, wenn du uns böse sezierst, um uns tatsächlich wieder aufs Wesentliche zurückzuführen, auf den Kulturgenuss alleine oder mit anderen!

    Herzlich,
    Tanja Praske

    Antworten

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