Lieblingswörter

Die deutsche Sprache verfügt über eine wunderbare Vielfalt an skurrilen Wörtern. product_29695adc-749a-49d7-9ec6-9704a565829f_shadowViele davon stammen aus diesem merkwürdigen Bedürfnis, für alles und jedes möglichst korrekte Fachbegriffe zu entwickeln und diese zu verwenden. „Verbeamtete oder verwissenschaftlichte Begrifflichkeit“ eben. Hier nun stelle ich meine ganz persönlichen Traumwörter zusammen. Ein Wort zauberhafter als das Vorangegangene. Jedes Einzelne begeistert mich immer wieder. Bitte lassen Sie sich diese Ausdrucke auf der Zunge zergehen. Sie sind so klangvoll wie poetisch und doch exakt, verbogen und doch präzise. Nehmen Sie sie ruhig in Ihren aktiven Sprachschatz auf. Es lohnt sich, führt zu fragenden Blicken im Gespräch und hilft, diesen Traumwörtern ihr Überleben zu sichern. Hier also eine sich immer wieder erweiternde Auswahl. So etwas Schönes findet sich eben nur bei uns:

Alternative Fakten
Das muss wohl nicht mehr erklärt werden, es ist salonfähig bis in allerhöchste Regierungskreise. Ich werde mir angewöhnen, in Zukunft alles als alternative Fakten zu bezeichnen, was mir nicht in den Kram passt. Ich bin ja lernfähig.

Belebungsbecken
Das Wort kenne ich aus der früheren TV-Show „Genial daneben“. Hella von Sinnen, Bernhard Hoecker und ein paar andere mehr oder weniger witzige dafür um so lautere Zeitgenossen versuchten zu ergründen, um was es bei diesem Wort geht. Lässt man der Phantasie freien Lauf, kann man sich unter einem Belebungsbecken alles Mögliche vorstellen, vor allem viel Schönes. Die Wahrheit ist profaner: Es ist das Kernstück einer biologischen Kläranlage.

blümerant
Kennen Sie dieses wunderbar altmodische Wort? Jemandem ist blümerant zumute? Dieses Wort wird vermutlich aussterben. Wie das Blau von dem es erzählt, denn das sterbende Blau „bleu mourant“ liefert die Wortwurzel für diese Gefühlsbeschreibung. Bitte benutzen Sie dieses Wort. Es ist so gediegen.

Bratze / Bratzen
Es klingt so wunderbar viel Abwertendes, Geringschätzung und Vernichtendes in diesem Schimpfwort mit, dass es völlig zu Unrecht viel zu selten beuntzt wird. Dabei wüsste ich ad hoc kaum, wem ich das im normalen Leben entgegenrufen könnte. Aber diverse Fernsehsender zeigen ja tagtäglich solche. Das muss reichen.

erkiesen
Das Verb ist leider schon tot. Schon über 200 Jahre. Das ist betrüblich, denn es ist so passgenau. Viel schöner als: auserwählen. Ein Rest lebt im Partizip II weiter: erkoren. Vielleicht sollten wir erkiesen reaktivieren. Es fehlt mir.

gediegen
Das sagt heute auch fast niemand mehr. Schade eigentlich.

gegreenlighted
Nein, dieses absurde Beispiel einer Denglish-Phrase gehört nicht hier hinein. Dass ich es trotzdem aufführe, hat nur damit zu tun, dass ich das vor längerer Zeit mal in einem Meeting mit den Werbeleuten des Fernsehsenders Pro7 wortwörtlich so gehört hatte. „Wir können das so machen, sobald unser Chef das so gegreenlighted hatte…“ (O-Ton). Früher haben Chefs einfach ihre Zustimmung gegeben, oder von mir aus Grünes Licht gegeben.
Ich möchte das einfach nicht vergessen wissen, zu welchen sprachlichen Lächerlichkeiten Menschen, die sich für wichtig halten, fähig sind.

Gamifizierung
Habe ich das richtig im Radio gehört? Hat der Herr Professor im Zuge seiner Schilderung über die Therapie von Borderlinern ernsthaft das Wort verwendet? Das ist ja ganz großes Kino – und Denglish noch dazu. Demnächst bitte noch Spielification… Was das ist? Die Anwendung spieltypischer Elemente in einem spielfremden Kontext. Ich mag Spiele nicht, aber ich gamifiziere jetzt trotzdem alles.

Gondelkopfplatzierung
Das klingt schon im Deutschen toll, vollends poetisch wird’s im Italienischen: posizionamento sulla testata di gondola. Und so etwas kennen Sie nicht? Dabei laufen Sie bei jedem Einkauf Super-, Bau- oder Verbrauchermarkt zig mal daran vorbei. Verkaufsgondeln, die bei den Regalen vor Kopf stehen. Beste Platzierungen für besondere Verkaufsaktionen. Schon um des Wortes willen lohnt es sich, Produkte aus der Gondelkopfplatzierung zu kaufen.

Haltewunschtaste
Sie möchten die Regionalbahn, den Linienbus o.ä. bei der nächsten Bedarfshaltetelle (auch ein wunderbares Wort) verlassen, also dort, wo das ÖPNV-Gefährt nur hält, wenn Ein- oder Aussteigebedarf herrscht? Dann betätigen Sie bitte die Haltewunschtaste.
Früher hieß das einfach: „Knopf drücken – Bus hält.“

Hausfrauentest
Wie schön, dass das Marketing noch immer mit ein paar deutschsprachigen Wörtern aufwarten kann. Was das ist, lesen Sie hier. Denn in diesem Blogpost habe ich das Wort benutzt und erklärt.

Kostennote
So etwas schicken nur Anwälte. Sie könnten natürlich auch einfach Rechnungen schicken. Aber nein: Bei Ihnen heißt das Kostennote. Sonst noch wo? Ich weiß es nicht. Egal. Liebe Anwälte, macht weiter damit. Also nicht, Kostennoten zu verschicken, sondern diese zu zu benennen. Sonst würde dieses entzückende Wort irgendwann sterben.

Krebbel
Bei uns daheim hießen sie Berliner. Dort, also in Berlin, heißen sie Pfannkuchen. Da wo ich jetzt lebe heißen sie Krapfen. Aber nirgendwo ist der Name für dieses Gebäck schöner als im Hessischen. Da heißen sie Krebbel. Ein Mitnehmsel aus unserer Zeit in Wiesbaden, dass ich die Berliner Ballen oder Berliner Pfannkuchen, wie das Hefegebäk offiziell heißt, noch immer Krebbel nenne. Und nicht Kreppel. Wie es in Wikipedia steht.

Kundenstopper
Stopp, Kunde. Stehen bleiben. Oder nein: Nicht stehen bleiben. Kommen Sie in unseren Laden. Da gibt es gerade…
Sie kennen diese lustigen Dinger auf den Gehwegen vor den Geschäften? Haben vielleicht schon mal eines umgerannt, sind vielleicht dabei gestürzt. Dann hat der Kundenstopper Sie wirklich gestoppt. Das war aber dann auch zu viel des Guten.

Langschnauzenseepferdchen
Hippocampus reidi heißt das possierliche Tierchen, und das gibt es wirklich. Es lebt im tropischen Westatlantik. Kann man Tieren mehr Zärtlichkeit entgegenbringen, als dass man ihnen so wundervolle Namen gibt? Ich will sowas. Sofort.

Leibesertüchtigung
Das klingt viel bürokratischer als das schnöde Turnen oder bayerische Sporteln. Hier haben wir ein typisch deutsches Amtsstubenwort für eine – wie ich finde – eher unangenehme Sache. Es riecht nach Turnhalle, nach Schweiß, nach stickiger Luft, Talk und Linoleum. Nach Kunststoffbällen, Tartanbahn und Sprunggrube. Und es riecht nach Zwang: Nach dem strengen Sportlehrer im Adidas-Synthetik-Trainingsanzug mit Stoppuhr, Klemmbrett und Notenbüchlein. Viele unangenehme Erinnerungen und Assoziationen. Dabei kann doch das Wort gar nichts dafür…

possierlich
Das Wort habe ich heute noch im Ohr, es schallt aus meiner Kindheit herüber, seit ich es auf der Abenteuerschallplatte Der Schatz im Silbersee gehört habe. Dort schießt der Westmann Tante Droll auf einen schwarzen Panther, den er vorher als possierliches Tierchen bezeichnet hat. Traumhaft.

Reichweitenausgleichfreispot
Werber haben für ihr Metier eine ganz eigene Sprache entwickelt, zumeist durchtränkt von englischen Wörtern. Hier aber hat sich ein urdeutsches Wortungetüm entwickelt. Spots, die der Werbetreibende vom Sender gratis bekommt, weil die zuvor gebuchten Spots nicht die erwartete Zuschauermenge erreicht hat. Hach wie schön… ein weiteres Bandwurmwort.

Rieselhilfe
Salz ist nur Salz, Zucker nur Zucker. Hab ich bisher gedacht. Falsch. In beiden gibt es eine Rieselhilfe, damit sie besser aus dem Streuer kommen. Also Zucker und Salz.  Aber es kommt noch besser: Fachleute nennen das Zeug: Antiagglomerationsmittel. Brauch ich auch. Für den Kalk. Der rieselt nämlich auch ganz langsam…

Schallwiderstandsanpassung
Im Radio erklärt ein Physiker, wie Trompeten und Hörner funktionieren. Er erzählt was von Schallwiderstandsanpassung für die bessere Akkustik. Physiker eben. Muss man nicht verstehen. Das Wort ist einfach nur deutsch und verschwurbelt.

Scheuertouren
Wie oft muss man mit einem Finger über ein Stück Stoff, z.B. einen Sofabezug hin und her reiben, bis die Faser Schaden nimmt? 60.000mal oder 100.000mal? Alles eine Frage der Scheuerbeständigkeit. Und die wird in dieser wunderbaren Maßeinheit der Scheuertouren definiert.

semiadult
Dieses Fremdwort hat es mir einfach angetan. Denn ein semiadultes Individuum ist biologisch gesehen in der Zwickmühle. Nicht mehr juvenil, noch nicht subadult und schon gar nicht adult. Halberwachsen wäre vielleicht eine halbwegs angemessene Übersetzung. Gut, dass es das für Menschen nicht gibt. Da spricht man von pubertär…

streichzart
Gibt es eine schönere Zustandbeschreibung für Butter als diese? Ich kenne keine. Also #freebutter und #freenutella. Raus mit Euch aus dem Kühlschrank.

umschwänglich
Ich bin erschüttert. Die Autokorrektur von Word kennt das Wort nicht. Das digitale Synonymwörtbuch bietet mir „umgänglich“ an. Auch Google schlägt mir vor, lieber „erschwinglich“ zu suchen. Was für ein Unfug. Nur, weil Ihr das Wort nicht kennt, heißt es nicht, dass es das nicht gibt. Ich werde das jetzt öfter benutzen. Bis ihr das versteht, dass es dieses Wort durchaus gibt und seine Daseinsberechtigung hat. Das könnte ich jetzt umschwänglich erklären, tu ich aber nicht.

Verrichtungsbox
Wenn Sie wissen, was das ist, ok. Wenn nicht, dann googeln Sie es. Aber man kann dem Beamten, der vermutlich dieses wunderbar uncharmante Wort erfunden hat, nur gratulieren. Wie sonst hätte man diese ebenso uncharmanten Bretterveschläge nennen sollen?

Verschwurbeln
Ja gerne: Sätze, Texte, Sprache. Verwirbeln, verdrehen, durcheinanderbringen, verkünsteln – eben verschwurbeln.

Vorzugsfahrtschlüssel
Haben Sie schon mal eine Vorzugsfahrt genossen? Das klappt nämlich nur, wenn Sie diesen Schlüssel besitzen. Mit diesem können Sie die Außensteuerung der Aufzüge blockieren. Der Fahrstuhl fährt dann nur auf die Etage, auf die Sie vorher in dem selbigen gedrückt haben. Zwischenstopps gibt’s  nicht. Lehnen Sie sich also entspannt zurück und genießen Sie Ihre Vorzugsfahrt.
Wunderbar.

Wickelfalz
Bitte verwechseln Sie nicht Wickelfalz mit Altarfalz, Leporellofalz, Kreuzfalz oder Fensterfalz. Sie müssen Ihr Papier schon richtig knicken, wenn Sie es auf eine kleinere Größe falten wollen. Dazu gibt’s so viele Techniken… und jede hat ihren Namen. Am schönsten aber klingt in meinen Ohren Wickelfalz.

wohlfeil
Benutzt dieses Wort heute noch jemand? Versteht das überhaupt noch wer?

Zeitigung
Sie meinen, es ist ein ig zu viel in dem Wort? Es müsse Zeitung heißen? Nein. Die Zeitigung ist der Reifeprozess, in dem etwas entsteht und wächst: Zum Beispiel ein Ei in einem Tier. So hat eben alles seine Zeit und manches seine Zeitigung.

Zipfeklotscha, Zipfeklatscha…
oder wie immer man das versucht, in Buchstaben zu pressen. Denn alle paar Kilometer wird das Wort etwas anders ausgesprochen. Gemeint ist natürlich der Zipfelklatscher – was wohl eines der schönsten bayerischen Schimpfwörter darstellt. Nicht erst seit dem Schuh des Manitu. Was das nun konkret bedeutet, wenn einer auf den Zipfel, Zipfi, Zipfe klatscht, klotscht… das überlasse ich ganz Ihrer Phantasie.

 


 

Diese Liste wird nach und nach mit weiteren Traumwörtern gefüllt, wenn ich wieder mal eines höre oder lese.

PS: Die Erklärungen der Wörter sind sicher dürftig. Aber Google können Sie sicher alleine benutzen. Sie sind ja schon groß.

2 Kommentare


  1. HAllo Lutz, ich mag das Wort “ flux“ so gerne…kennst du das?
    lg MAscha

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