Renate ante lacta

Früher war nicht alles besser. Aber manches einfacher. Nehmen wir zum Beispiel die Milch.

Die kam aus der Kuh, etwas seltener aus der Ziege und noch seltener vom Esel oder einer Pferdestute. In letzterer badete gerüchteweise Kleopatra um ihre sprichwörtliche Schönheit zu erhalten, aber Milch war schlussendlich Milch und fertig.
Wer heute Milch kauft, hat die Qual der Wahl. Neben den Produkten in grünen Tetrapacks gibt es das Gleiche in Blauen und die günstige Hausmarke. Man muss sich für regionale Erzeuger oder Konzerne entscheiden, kann Milch in Flaschen kaufen, Vollmilch, fettreduzierte oder gefärbtes, weißes Wasser – ultrahocherhitzt oder frisch. Es gibt lactosefreie Milch und dieses Zeug aus Soja, das laut EU nicht mehr Milch heißen darf. Schließlich soll der von den Regulatoren grundsätzlich für dämlich gehaltene Verbraucher nicht irrtümlich eine Milch kaufen, die gar keine ist. Das hat er zwar schon bei Kokosmilch nicht gemacht, von der er wusste, dass es das Fruchtwasser (sagt man so?) der Kokosnuss ist und mitnichten aromatisierte Kuhmilch. Jeder wusste, dass sie Kokossaft enthält und keine Kuhmilch. Und auch Sonnenmilch, die bekanntlich weder Sonne noch Milch enthält, wurde weder zum Kaffeeweißen noch zum Kuchenteig verwendet. So blöde war der Verbraucher nicht, heute bin ich mir da allerdings nicht mehr so sicher. Man könnte darüber kräftig sinnieren und schwadronieren, käme man nur dran an das Zeugs. Also an die Milch.

Kommt man aber nicht. Also ich nicht!

Denn Renate, die ihre Freundin Heidrun im Supermarkt getroffen hat, schwadroniert gerade – und das direkt vor der Milch und andere verwandte Produkte im Kühlregal. Zwar redet sie nicht über Nahrungsmittel, aber dafür umso mehr über die vergangenen zwei Wochen. Sie ist nämlich gerade aus dem Wanderurlaub zurückgekommen, will die heimischen Vorräte auffüllen und schickt den stets bemitleidenswerten Harald kreuz und quer durch den Supermarkt, Salatnudeln und allerlei andere Waren zusammensuchen. Zumindest die, bei denen er nichts falsch machen kann und keine Entscheidung zwischen Honig oder Estragon treffen muss, darf er holen. Derweil verplaudert sie sich mit ihrer Busenfreundin, die sie gerade getroffen hat. Und jeder Supermarktbesucher weiß: Prächtig parlierte es sich in den Gängen der Märkte, vor allem an Engstellen, vor allem, wenn dort zusätzlich noch Sonderverkaufsdisplays herumstehen. Zwei Leute, zwei Einkaufswagen, viel Geschnatter und nichts geht mehr. Niemand kommt mehr vorbei: Links nicht und rechts auch nicht. Ein Phänomen, das gerade in den kleineren Supermärkten auf dem Land gut zu beobachten ist. Zu der Enge kommt, dass die Wahrscheinlichkeit, ein bekanntes Gesicht zu treffen, größer ist als in den Supermärkten zu Füßen der Wohntürme in den Trabantenstädten. Nicht, dass auf dem Land jeder jeden kennt, aber eben fast jeden. Und samstags trifft man sich. Während sich ein Teil der Männer (die, die nicht mit einkaufen gehen) beim Wertstoffhof über den Weg läuft oder die Füße fährt, bei der Entsorgung von Altglas (unbedingt farblich trennen und Deckel abmachen!), Grünschnitt, alten Batterien und Weinflaschenkorken über die Bundesligaspiele am Nachmittag und die neuesten Sonderangebote im Baumarkt fachsimpelt, trifft sich der Rest der Landbevölkerung nach streng festgelegter Ordnung erst beim Bäcker, dann beim Metzger (Beeilung, der macht mittags zu!) und dann im Supermarkt. Ganz Verwegene wagen einen Zwischenstopp beim kleinen Schreibwarenladen mit Postagentur, bei dem man so herrlich lange anstehen muss, wenn man sein Päckchen mit den zuvor bestellten Schuhen zurückschicken muss.
Renate ist das nicht anders. Sie ist auf Heidrun gestoßen, die sie „eine gefühlte Ewigkeit nicht gesehen hat“. Zeit wird’s also, die Wochenerlebnisse auszutauschen, sich über die Baustellenampel zu erregen, über die neuzugezogenen Nachbarn zu lästern, weil die nicht grüßen können und sich zu versichern, man müsse unbedingt das neue Restaurant im Nachbardorf zu testen (Bevor es wieder zumacht. Mein Gott, ein Vietnamese, wer von den Landeiern hier soll den dahin gehen?) – oder eben über den abgeleisteten Urlaub ausführlich zu erzählen.
Renate also schwadroniert und schwadroniert. Heidrun ist klug genug, lediglich ein „A ha“ oder „So so“, einzuwerfen. Sie hat nicht ewig Zeit, sich das Geschnatter anzuhören, das Essen muss auf den Tisch. Ihr Mann ist kein Harald, der trifft klare Ansagen. Bis um 2 Uhr muss gegessen sein, dann geht er wieder in den Garten. Aber abwürgen will sie Renate auch nicht, sollte es ihr denn gelingen. „Du, ich muss mal weiter, war schön, dich getroffen haben, wir sollten uns mal auf einen Kaffee treffen…“ geht vielleicht bei höherzivilisierten Lebewesen, aber nicht bei Renate.

Mir geht es wie Heidrun. Ewig Zeit habe ich auch nicht, ich will nur schnell an das Kühlregal, Butter ist im Angebot. Außerdem brauche ich Joghurt, verschiedene Käse und Buttermilch. Aber da steht eben Renate davor. Niemand kommt an ihr, an Heidrun oder den beiden Einkaufswagen vorbei an das Regal. Das interessiert Renate aber nicht. Sie nimmt gar nicht erst wahr, dass es auch andere Menschen neben ihr (First comes Renate), Heidrun und Harald im Geschäft gibt.
Gerade scheint das Gespräch zum Erliegen zu kommen, die beiden Frauen weiterzuziehen und mir endlich den Weg zum Joghurt freizumachen, da macht Heidrun den fatalsten aller Fehler. „Ja, da waren wir auch schon mal!“ Und schon fängt Renate an, Heidrun abzufragen, ob und was sie denn alles besucht und besichtigt, erwandert und erkundet hätten. Zwischendurch bekommt Harald neue Hol-Aufträge und trabt wieder los.
„Ja, ja, ich bin schon noch hier“, bestätigt sie ihm, dass sie sich nicht vom Fleck rührt. Nicht, dass er am Ende orientierungslos mit seinem Glas Schlesischer Gurkenhappen auf der Suche nach seiner Frau durch den Supermarkt irrt. Außerdem gibt es ja sooo viel zu erzählen.
Weiter geht’s mit Heidrun. Wo sie überall war interessiert Renate zwar nicht wirklich, aber als Heidrun endlich „Nein, das haben wir damals nicht geschafft“ antwortet, ist das Stichwort gefallen.
„Das hättet ihr aber unbedingt, weil…“ Und Renate holt mündlich zu beschreiben nach, was Heidrun sich anzusehen versäumt hat. Es folgt eine äußerst detaillierte Schilderung dieses netten Mittelalterstädtchens.
Da heißt es warten oder weitergehen. Denn ein „Entschuldigung, dürfte ich mal kurz…“ wird genauso geflissentlich überhört wie Heidruns Räuspern, dass sie jetzt aber wirklich.

Niemand stoppt diese Frau. Niemand.

So oder so: Essig ist’s mit dem Käse, und Essig mit dem Joghurt. Mit der Milch sowieso. Niemand kommt an die Waren, niemand kann sie betrachten, auswählen und dann danach greifen. Ich auch nicht. Es sei denn, ich riskiere ein Handgemenge.
Soll ich?


 

Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich, wenn Sie ihn Ihren Freunden weiterempfehlen – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Gern dürfen Sie den Artikel auch verlinken.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.

5 Kommentare


  1. Lieber Lutz!Die heutige Jugend weiß nicht wie eine frische Kuhmilch schmeckt.
    Das ist traurig! Mehr will ich dazu nicht sagen.Gruß Alois

    Antworten

  2. Du bist ja wirklich mutig! Handfotos im Supermarkt – das ist bei unserem Bottroper Edel-Edeka-Filialisten, der sich stets für den bestens Edeka Deutschlands hält, STRENGSTENS verboten! Wehe, Du wagst es, dort irgendetwas zu fotografieren, und sei es nur, um es beispielsweise der Dame des Hauses zu „whatsappen“, versehen mit dem Text: „Sind das die richtigen Gurkenhappen?“ Schwupps, hat Dich der Verkäufer am Wickel und weist Dich resolut auf das absolute(!) Fotografierverbot hin, das auch außen mittles eines großen Schildes am Ladeneingang angezeigt wird. Da hilft kein Diskutieren, Argumentieren und auch nicht der gesunde Menschenverstand. Wer weiß – vielleicht ist dieser unser Bottroper Edel-Edeka eine wichtige militärstrategische Einrichtung und für die Truppenversorgung im Kriegsfall zuständig?

    Antworten

    1. Das Fotografierverbot in Geschäften ist nicht unüblich. Das gilt übrigens bedingt auch für Schwimmbäder. Es gibt allerdings drei Arten, damit umzugehen.

      1. Die Deutsche: Sich sklavisch an alle Regeln und Vorgaben halten
      2. Die Praktische: Sich einfach darüber hinwegsetzen, Stoßzeiten vermeiden und solche Schmuckbilder in Läden machen, die man normalerweise nie aufsucht (damit nervendes Personal, peinliche Momente und ggf. Hausverbot) nicht sonderlich stressen.
      3. Die Kreative: Sich im Laden in die Ecke setzen, zittern, stammeln, schreien. Von einer Tourette-, Autisms-, bipolaren, Borderliner-, o.ä. Diagnose reden und den Verkäufer lauthals wegen Behindertenfeindlichkeit und Diskriminierung beschimpfen. Der Nachteil: Man sollte einen entsprechenden Diagnosebefund von seinem Neurologen, Psychologen, Psychiater bei sich haben. Das finde ich persönlich zu anstrengend.

      Also fahre ich einfach auf dem Weg zur Arbeit an einem der vielen Supermärkte vorbei und mache dort meine Schmuckbilder 😉

      Antworten

  3. Aber klar doch, riskiere mal was.
    Oder schlag(tritt) zurück. Ich mach das so. Wenn meine Bitte, mich durch zulassen, absichtlich überhört wird, trete ich gnadenlos auf die Füße. Natürlich mit einem lauten “ Oh Entschuldigung“ Und ehe ich „na so ein Rüpel“ höre, bin ich weg. Renates verstehen keine Sprache, also geht´s nur so.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.