Mir Wurst…

„Das ist doch mir Wurscht“, sagt Nachbar H. Er formuliert das im tiefsten Oberbayerisch des Erdinger Landes, was mich als Blogger vor die schier unlösbare Aufgabe stellt, das dialektgesprochene Wort korrekt in ein geschriebenes zu transferieren. Heißt es geschrieben „mia Wuascht“, denn so klingt es, oder „mir Wurscht“? Oder vielleicht sogar „mia Wurscht“ oder „mir Wuascht“? Wie auch immer: Es ist ihm Wurst. Und Recht hat er.
Diese Grundeinstellung hat er perfektioniert. So kommentiert er die weltpolitische Lage und die großen gesellschaftlichen Herausforderungen ebenso, wie er auf ganz und gar privater Ebene klar macht, was er denkt, was am nächsten Tag zum Essen geben soll.
Ich finde das bewunderns- und ein wenig beneidenswert, denn es hilft, den mehr als lästigen Druck sinnvoller Entscheidungen abzubauen. Als Alternative bietet er zudem sein nahezu sprichtwörtliches „Das geht do mi nix o“, an, was soviel bedeutet, dass es ihn auch nichts angeht – wie immer es auch korrekt bayerisch geschrieben sein mag, was letztlich nun wiederum mir Wurscht ist – oder so ähnlich.
H. verkürzt den Entscheidungsfindungsprozess einfach dadurch, dass er sich aus diesem ausklingt und ihn anderen überlässt – was ihn allerdings nicht daran hindert, seinen Unmut immer dann kund zu tun, wenn er mit einer Entscheidung und dessen Folgen nicht einverstanden ist. 20150911_120421
„Das ist doch mir wurscht“ ist nämlich die perfekte Antwort auf so viele Fragen.
Bestplatziert wäre sie zum Beispiel im Fachgeschäft für Damenoberbekleidung auf die Frage der gefühlt 67 verschiedene Garderobenstücke anprobierenden Gattin „Soll ich die dunkelblaue Bluse nehmen?“, während die Verkäuferin immer mehr und mehr heranschleppt. Gleichzeitig sitzt der wartende Gatte auf einem Klappstuhl und stellt frustriert fest, dass es in dem Ladenlokal kein offenes WLAN gibt. Letzteres, liebe DOB-Fachgeschäftsführer wäre mal eine echte Innovation. Das hält den Mann bei Laune, wenn durch die Beton-Decken der Zugriff ins Netz via UMTS irgendwie nicht funktioniert oder der geizige Deutsche im Ausland Roaming-Kosten sparen will. Derweil also zahlreiche andere Kundinnen zur Umkleide kommen und längst wieder fort sind und der Ehemann sich langsam sorgt, dass man ihn bald als potentiellen Spanner verdächtigt, weil er immer noch dort herumlungert, schleicht die Zeit im Schneckentempo zäh dahin. Mit WLAN aber kann man gar nicht so schnell alles Relevante kommentiert haben, bis die Frau die 48te Bluse anprobiert hat, die auch nur einen winzigen Tick heller ist als die vorangegangene – oder dunkler. Dabei wollte sie doch nur schnell eine Hose anprobieren. Eine: Das drückt sich mathematisch mit der Ziffer 1 aus. Ohne 0 dahinter.
Nun ja: Auf die blaue Bluse würde der surfende Gatte kurz vom Display aufschauen und es maximal auf ein „Das ist doch mir Wurscht“ bringen. Und schon tritt die Verkäuferin freudig erregt mit einer weiteren Bluse wedelnd hinzu: „Ich habe hier auch noch eine flaschengrüne“.
Aber da der Gatte zu Untat verurteilt ist und entsprechend zunehmend ungehaltener wird, obwohl ansonsten Geduld sein zweiter Vorname ist, wird er eben nicht mit „…Mir Wurscht“ antworten Da könnte ihm ein „Flaschengrün. Passt ja irgendwie besser…“ aus den Lippen flutschen – womit er wohl eher Flasche als grün meint und die Bemerkung auf die Verkäuferin abzielt, die er durch ihre Umtriebigkeit als Hauptverursacherin seiner Abgeklemmtheit von den großen Geschehnissen der Welt ansieht – also den Vorgängen auf Facebook oder Twitter. Folglich kann er zu dem, was ihm gerade nicht Wurscht ist, auch nicht seinen Senf geben – und das macht gritzig.
Und schon ist die nächste große Krise heraufbeschworen. Da kann man sicher sein.
wesentlich entspannter verhält es sich mit der Frage, ob man erst zum Metzger und dann zum Supermarkt fährt oder besser anders herum.
„…Mir Wurscht“ – ganz einfach. Für beides gibt es Pro und Contra – gute Argumente, die nach exakter Abwägung sicher zu einer sinnvollen Entscheidung führen. Nur ist der Weg bis dorthin ein mühseliger. Also belässt man es dabei, dass es einem Wurscht ist und man es so macht, wie man es immer gemacht hat.
A propos Metzger:

Das ist der einzige Ort, an dem diese geniale Phrase als Antwort zwar unfreiwillig genial-wortwitzig ist, aber nicht weiterhilft.
Als wir also beim Metzger stehen (wie immer, bevor wir zum Supermarkt fahren!)  und warten, dass wir bedient werden, werde ich Zeuge, wie die Kundin, die vor uns bedient wird, 100 Gramm Gelbwurst bestellt. Und als die Verkäuferin fragt, ob es denn diejenige mit oder diejenige ohne Petersilie sein solle, antwortet die Frau. „Das ist mir Wurscht“.wuarscht
Ja, da hat sie Recht. Es in der Tat Wurst. Und zwar gelbe, die aber eigentlich eher rosa ist.
Egal, ob mit oder ohne flaschengrüner Petersilie.

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1 Antwort

  1. 1. Oktober 2015

    […] – über diese gesunde Grundeinstellung habe ich gerade erst Anfang der Woche auf meinem Zwetschgenmann-Blog, etwas veröffentlicht, da holt mich heute die Nachricht, es sei Weltvegetariertag aus der […]

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