Herr P schreibt ein Buch und lässt es verlegen

Erledigt – denkt Herr P. und drückt auf Senden. Der Text ist raus, die Kugel ist aus dem Lauf. Nun liegt das Schicksal von Herrn P.s Zweitgeborenem (womit ein Buch gemeint ist) nicht mehr in seinen Händen. Aber noch kann er eingreifen. Denn Herr P. hat das fertige Manusskript seinem Verleger geschickt, der es seinerseits an eine Lektorin weiterreichen wird.
Jetzt wartet Herr P. mit Spannung darauf, welche orthographischen, lexikalischen und grammatikalischen Fehler die Lektorin finden und ausmerzen wird. Und mit großer Sorge fürchtet er, die Gute wird auch stilistisch eingreifen. Sie wird vielleicht seine verschwurbelten Sätze kritisieren und zerhacken. Denn kurze Sätze sind seine Sache nicht. Er mag es gern lang – denn er weiß: Size matters. Auch wennn andere nicht müde werden, in anderen Zusammengängen das Gegenteil zu behaupten: Auf Länge käme es nicht an. Ach ja?

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Dings, langes

Herr P. fühlt sich im Mittelfeld beheimatet. Er schreibt weder im Kurzsatzstil der Bild noch Thomas Manns Manier ein Satz = eine Seite. Trotzdem darf ein Satz gern mal 20 Wörter oder mehr haben.
Herr P. fürchet sich auch davor, dass seine Lektorin ihm Begriffe verändert, die er mit Bedacht gewählt hat, aber möglicherweise nicht jedem verständlich sind.
Dabei hat Herr P. doch schon ganz früh gelernt, als er erste Texte für den Lokalteil einer regionalen Zeitung in seiner Heimatstadt geschrieben hat, dass man seine Leser nicht für dümmer ansehen soll, als sie sind.
„Nicht immer an der Unterkante entlang, die Leute sind nicht so dumm…“ haben ihm der Reuter, der Hecker und der Heiser beigebracht. Daran hat er sich gehalten.

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Ruhe, stoische

Wie er sich überhaupt viel zu Herzen genommen hat aus dieser Zeit, so dass ihm heute noch Kommentatoren auf seinem Blog empfehlen, sich ins lokaljournalistische Niveauloch schieben: „Bei der örtlichen Lokalpresse wären Sie auch gut aufgehoben, da gibts meist auch einen /eine, die für derlei launige Geschichten über die Frühjahrsbepflanzung, die reparierte Parkbank oder den entflogenen Wellensittich berichten.“ Mehr hier
Herrn P. stört das nicht. Er begegnet dem mit stoischer Ruhe, wenn selbst erklärte Elfenbeinturmbewohner auf ihn herabschauen. Weiß er doch, dass Hochmut vor dem Fall kommt, und je höher der Turm, um so blutiger die Nase beim Aufprall dieser Pseudointellektuellen.
Herr P. wird weiter schreiben, was ihn und seinen Lesern gefällt, im Blog oder im Buch. Und er wird seine Texte auch nicht mit Fremd- und Fachwörtern aufladen.

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Tierchen, poussierliches

Anderderseits ist Herr P. eitel genug, dass er seine Texte so mag, wie sie sind, womit sich seine Sorge vor unbotmäßiger Stilkorrektur durch Lektoren begründet. Wenn er von stoischer Ruhe oder possierlichen Tierchen schwadroniert, dann möchte er eben von stoischer Ruhe und poussierlichen Tieren reden – und nicht von irgendetwas anderem. Für poussierliche Tierchen übrigens hat Herr P. ein ganz besonderes Faible, sei es, dass es sich für Kleine, Blaugeringelte Kraken handelt, sei es, dass er vor einem Aquarium Langschnauzenseepferdchen bei der Futteraufnahme betrachtet. Außerdem hat Herr P. eine besondere Leidenschaft für Wörter und Formulierungen, die ein wenig aus der Mode gefallen sind oder viel an Skurrilität zu bieten haben.

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Seepferdchen, langschnäuziges

Was hat das nun mit seinem Buch zu tun? Scheinbar wenig – und doch viel. Herr P. nämlich hat nach dem Hausfrauentest seinem Verleger ein Pdf seines Skripts geschickt. Der Verleger will schließlich wissen, wie es um den zukünftigen Titel ausschaut. Und er muss wissen, was geschrieben wurde – nicht nur, um zu prüfen, ob es überhaupt in sein spezielles Programm passt, sondern auch, weil er die auch Verantwortung übernimmt, Bücher in die Öffentlichkeit zu bringen.
Letztlich muss er auch abschätzen, wie hoch die Startauflage sein soll, er muss kalkulieren, einen Verkaufspreis festlegen und dem Autor ein Honorarangebot machen, das im besten Fall so unmoralisch ist, dass es der Buchstabenverbinder nicht ablehnen kann.

Schon zwei Tage später bekommt Herr P. sein Skript zurück – versehen mit einigen Fragen, Anmerkungen, Verbesserungsvorschlägen, Korrekturhinweisen und einem Kommentar, der Herrn P. das Herz im Leibe hüpfen lässt. Ich darf zitieren:
„Das Manuskript trifft absolut meine Erwartungen bzw. liegt sogar noch höher.
Es ist einfach herrlich, deine Texte zu lesen. Der besondere Schreibstiehl (ja, STIEHL ist extra so geschrieben) und der Humor sind echt klasse. Ich
stelle mir sogar vor, dass dies so von Leuten aufgenommen wird, die dich nicht kennen. Das ist ja auch immer ein wichtiger Faktor. Also nochmal;
rundum sehr gelungen. Ich freue mich sehr auf das Projekt.“

Ich auch mein Lieber, ich auch. By the way: Wo bleibt der Vertrag?

Herr P. schreibt ein Buch:
Teil 1: Herr P. schreibt ein Buch und sagt „Fertig!“
Teil 2: Herr P. schreibt ein Buch und macht den Hausfrauentest
Teil 3: Herr P. schreibt ein Buch und lässt es verlegen

Alle Fotos von Herrn P. aufgenommen im Haus des Meeres in Wien.

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1 Antwort

  1. AT sagt:

    Herrlich. Wer kennt das nicht, immer diese Kurzsätzer. ;-) ich selbst liebe Schachtelsätze! Viel Glück!

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