Der mit der Kuh spricht

bike2Leben auf dem Land ist eine feine Sache.
Wenn ich Lust habe, dann schwinge ich mich auf’s Rad und fahre einfach hinaus in die Natur, bzw. das, was der Stadtmensch für eine solche hält: In weniger als fünf Minuten bin ich entweder im Wald oder zwischen Weiden oder Feldern verschwunden. Von diesem luxuriösen Problem habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben.
Im Wald riecht es feucht und erdig. Der Mais steht hoch auf den Feldern.
Die Bauern sind überall zu Gange, das Getreide zu ernten. Strohballen liegen auf den Feldern und warten, eingesammelt zu werden.
Die Sonne steht tief.
Landleben – Landliebe – Landlust.
Pur, authentisch und unenlich weit entfernt von dem, wie es in gleichnamigen Hochglanzmagazinen mit Kitsch überladen inszeniert und für eine kaufkräftige Klientel  publiziert wird, die keine Ahnung davon hat, was es wirklich heißt, in einem Dorf zu leben.

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Ich komme an einem Bauernhof vorbei.
Ein paar Kühe liegen auf einer Wiese am Wegesrand. Spontan entscheide ich mich, eine kleine Pause zu machen und etwas zu trinken. Die Kühe glotzen kurz zu mir herüber. Dann tun sie weiter völlig unbeteiligt. Sie benehmen sich so, als wären sie einfach nicht da. Oder eher andersherum: Als wäre ich nicht da.
Kühe eben. Vielleicht sind sie nicht ganz so blöde wie Tauben, aber Kühen spricht man ja im Gegensatz zu Raben und Delphinen auch nicht gerade große Intelligenz zu. Hatte nicht Alfred Tetzlaff seine Frau Else in der genialen Fernsehserie Ein Herz und eine Seele fortfährend „Dusselige Kuh“ genannt?
Dusselige Kuh) Eher nicht.
„Servus“, rufe ich den Viechern zu. Aber sie antworten nicht. Entweder sind sie wirklich zu blöde, oder zu arrogant.
„Servus! Sag ich“, ranze ich die Kühe an. Mittlerweile ein wenig gereizt und deutlich lauter. Sie schauen nicht mal herüber. Offensichtlich reden sie nicht mit jedem und schon gar nicht mit Fremden. Höflichkeit: Fehlanzeige. Dabei ist die Antwort auf eine Grußformel das Minimum, was man an gutem Benehmen erwarten kann.
Eine Kuh wedelt kurz mit dem Schwanz, nicht aber freudig erregt, wie das Hunde bisweilen tun, die jemanden begrüßen wollen. Sie macht das nur, um ein paar lästige Fliegen zu vertreiben.
Dann ignoriert sie mich hartnäckig weiter. Ich muss an die Neuzugezogenen im Neubauviertel am Dorfrand denken. Die glotzen genauso überrascht und dämlich, wen man sie grüßt. Dabei grüßt im Dorf noch ein jeder jeden, wen man ihn auf der Straße trifft. Aber das wissen die Ex-Stoderer natürlich nicht. Wenn sie mit ihren Pinshern Gassi gehen oder in TCM-Funktionskleidung emsig nordic-walking-mäßig die Dorfstraße entlang stapfen und ihnen jemand ein „Servus“ oder „Grias God“ entgegenschmettert, dann schauen sie wie vom Donner gerührt.
„Igitt – fremde Menschen sprechen mich an…“
Landleben eben. Muss man mögen. Sonst sollte man sich sein Bausparkassenreihenhäuschen mit Handtuchgarten vielleicht lieber woanders bauen
„Hey Kuh“, versuche ich es noch einmal.
Keine Reaktion.
Wie war das noch mit den glücklichen Weidekühen?
Das Klischee kennt man ja: Almidyll und Kitsch pur. Nun sind wir hier nicht auf der Alm, aber immerhin liegen die Kühe im Freien auf der Wiese und stehen nicht in irgendwelchen Boxen zu hunderten im Stall.
„Bist Du glücklich?“ frage ich spontan die Kuh. Jetzt will ich es wissen.
Keine Antwort. Nur Glotzen.
„B-I-S-T    D-U   G-L-Ü-C-K-L-I-C-H?“ wiederhole ich meine Frage und spreche dabei ganz langsam…
Das muss sie doch verstehen. So blöde kann selbst ein Rindviech nicht sein.
Die Kuh aber glotzt nur mit einem stupiden Gesichtsausdruck in die Gegend und bewegt stoisch ihren Kiefer.
Mag ja sein, dass es ein ganz liebes Tier ist, das wird der Bauer, dem sie gehört, ganz sicher bestätigen. Aber Trotzdem: Ein wenig mehr Höflichkeit kann doch nicht schaden, oder?
Sie könnte doch wenigstens kurz mal nicken oder den Kopf schütteln, je nachdem, ob sie nun glücklich ist oder nicht.
Tut sie aber nicht.
„Kuh-hu?“ versuche ich säuselnd, ein wenig Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Gern hätte ich sie ja mit Namen angesprochen, den aber weiß ich nicht.
Aber einen Versuch ist es wert.
„Resi?, Vroni? Liesl?, Isabell? Fannerl?“ Verdammt, wie hat der Bauer das Mistviech getauft?
„Ku-hu?“
Die Kuh schweigt. Ist sie ein Stoiker?
Ich gebe es auf, steige wieder auf’s Rad, taste mich mit dem ersten Fuß in den Pedalkorb und will gerade antreten, da höre ich hinter mir von der Weide etwas brummen.
„Und Du? Bist Du glücklich?“
War das die Kuh oder spielt mir meine Phantasie einen Streich?

Dumm war die Frage nicht. Und die Kuh ist es offensichtlich auch nicht.
Die nächsten Kilometer kreuz und quer über Land kann ich ja mal darüber nachdenken. Spontan hätte ich gesagt:
„Ja… in diesem Augenblick ganz sicher.“
Aber ich antworte nicht. So wie die Kuh mir ja auch nicht geantwortet hat.

Aber ich vermute, dass sie auch glücklich ist… denn der penetrante Typ mit den blau-weiß-schwarzen Kunststoffklamotten und dem alten gelben Rad ist endlich verschwunden und sie hat ihre Ruhe. Welch Glück.
Ich habe verstanden.
Ab jetzt werde ich einfach das Land genießen – schweigend. Und ohne klugen Kühen blöde Fragen zu stellen.
In die Stadt ziehen?
Im Leben nicht. Da kann man ja höchstens mit blöden Tauben oder vor Supermärkten angeleinten depressiven Hunden quatschen…

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4 Kommentare


  1. Hallo Lutz
    Du hast die falsche Kuh erwischt!
    Ich habe das mal bei einer Kuh gemacht, die sich dann als Stier herausstellte. Als ich ihn ansprach, war er verflucht schnell auf den Beinen. Ich dann aber auch…
    Gruß Kurt

    Antworten

    1. Pferde sind mir zu komplex.
      Am liebsten rede ich ja mit „niederen Wirbeltieren“.

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  2. Da wäre ich gerne dabei gewesen; Lutz spricht ( mit ) zu den Kühen.
    Und wenn ich mir erst das Gesicht vorstelle, als die Kuh doch noch geantwortet ( gebrummt ) hat.

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