Unterwegs mit Putzteufeln

Zugegeben – es ist das Problem eines Alpha-Männchens. Überall muss es sein Revier markieren, Duftmarken hinterlassen, Territorien abstecken und seine Anwesenheit dokumentieren. Da geht es mir nicht anders. Egal, ob man daheim ist oder unter rund 4.000 Leuten auf einem Kreuzfahrtschiff. Womit ich gestehen will: Ja, ich habe eine Kreuzfahrt gemacht. Und Nein: Ich habe mein Revier in Form einer Liege auf dem Sonnendeck nicht mit einem Handtuch verteidigt.

So eine typisch deutsche Unart kommt mir doch nicht in den Sinn. Die Sache ist subtiler. Ein Heer dienstbarer Geister aus aller Herren Länder ist angeheuert worden, damit ich mich wohl fühle. Tue ich aber nicht. Denn diese Legionen an Personal tun alles, um meine Anwesenheit ungeschehen zu machen. Und das mögen wir Alpha-Tiere nicht.

Ein Beispiel: Verschwitzt und einer feinen Patina aus Sonnencreme und Landstaub (Staub gibt es auf See wohl nicht) bedeckt, betrete ich einen dieser verspiegelt- und verchromten Aufzüge. Und wie man das so macht. Man stützt sich am Handlauf, streckt sich und – rumps – knallt mit dem Schädel gegen einen der Spiegel. Tut dem Spiegel nicht weiter weh, hinterlässt aber einen hässlichen Schmier auf dem selbigen. Kennt man von zu Hause. Kaum jedoch entsteige ich dem Gefährt, nehme ich aus dem Augenwinkel einen jener uniformierten Putzteufelchen wahr. Mit dem Kästchen in der einen und dem Feudel in der anderen, zwängt er sich in den Fahrstuhl und wischt während der nächsten Fahrt meine Hinterlassenschaft beiseite.Von dem Moment an werde ich skeptisch: Kein Handlauf, der nicht im Halbstundentakt oder bei Bedarf auch öfter, mit Lappen und Sprühdesinfektion gereinigt wird. Und jetzt erst fallen mir überall Desinfektionsmittelspender auf. Ich bin hier nicht Gast, ich bin eine potentielle Gefahr für alle Mitreisenden.

“Gut”, denke ich mir. “Wenn nicht auf diesem Weg, dann auf einem anderen” und malträtiere mein Bett nachts dermaßen, dass nicht viel übrig bleibt als ein halber Meter Kissen, Laken und Decken, zusammengeknäult und achtlos auf den Teppichboden geworfen. Nach dem Frühstück – fast schon habe ich es erwartet – lächelt mich das Bett jungfräulich an, als sei nie ein Berserker über die liebevoll arrangierte Kissenlandschaft hinweg gefegt. Unnötig zu erwähnen, dass auch die Handtücher im Bad frisch sind, als seien sie nie zuvor um die halbe Welt geschippert. Wozu eigentlich dieser Aufkleber, dass man helfen soll, die Umwelt zu schonen? Egal, wo man die Handtücher platziert, sie werden sowieso gewechselt.Mit einem „Ha, mit mir nicht, Freunde“ zerwühle ich noch vor dem Landgang die Kissenlandschaft erneut. Allein, es nutzt nichts. Bei Rückkehr ist es so, als sei ich nie auf dem Bett gelegen. Und auch alle weiteren Versuche, tagsüber Betten und Handtücher Spuren meiner Anwesenheit abzuringen, ist zum Scheitern verurteilt.

Dann eben subtiler. Ich presse, was das Zeug hält, den Shampoo-Spender und schaffe es immerhin, bei einem Duschgang, den Füllstand merklich zu senken. Aber auch hier wird meine Tat bemerkt. Die Spuren sind schon am selben Tag beseitigt. Bei jedem Duschen, und sei es mehrfach am Tag, ist der Spender bis oben gefüllt.Gleiches wiederholt sich beim Essen. Egal ob Buffet oder seated dinner. Jeder Krümel wird hinter einem weggefegt, kaum dass man ihn hat fallen lassen. Jeder Teller – und sei er noch so vollgeräumt – wird vom Frühstückstisch abgeräumt, kaum dass man ihn einen Moment aus dem Auge lässt. Kaffee holen geht schon gar nicht, denn dann ist alles weg, was man sich gerade erst liebevoll aufgetürmt hatte. Immer muss einer am Tisch bleiben und den Kellern mitteilen: „Da gibt’s jemanden an Bord, der das gleich essen möchte…“

Kaum zu glauben, aber ich habe doch noch eine Spur meiner Anwesenheit hinterlassen, die – zumindest während der Reise – nicht bemerkt und beseitigt wurde. Das stellt an sich schon ein Paradoxon dar: Wozu Spuren hinterlassen, um seine Existenz zu beweisen, wenn sie keiner bemerkt? Ein Stück Plastik ist an dem Halter der Fernbedienung abgebrochen. Ich habe es mit nach Hause genommen als Beweis, dass ich an Deck war. Garantiert ist der Halter längst durch einen Makellosen ersetzt worden. Aber ich war da.

Und jetzt hatte ich fast vergessen: Am letzten Abend lag plötzlich in der Kabine eine vom Personal gelegte Spur, die mir unmissverständlich klar gemacht hat, dass ich auch auf dem Dampfer war: Die Kreditkartenabrechnung. Tja: An Deck sieht man die Spuren nicht – auf dem Konto dafür um so mehr…

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