Gestern im Baumarkt: Einmal mit Schaum bitte

Geschäftstermine gelingen besser, wenn man dem Anlass angemessen und dem Geschäftspartner angepasst gekleidet ist. Das falsche Gewand am falschen Ort schafft Unbehaglichkeit, sei es, dass man sich selbst kolossal falsch angezogen fühlt, oder einem das Gegenüber komplett „over-“ oder „underdressed“ vorkommt. Bei wichtigen Terminen fahre ich im dunklen Anzug ins Büro, selten mit Krawatte, aber es kommt doch vor.
Nach einem langen, arbeitsreichen Tag voller Herausforderungen, was die hohe Kunst der Diplomatie, Manipulation und Beherrschung gegenüber dem Absurden angeht, drängt es mich nach Feierabend in den Baumarkt. Erdung vornehmen.
Der Besuch ist gut vorbereitet. Schnell füllt sich der Einkaufswagen mit allerlei Nützlichem, wenn auch wenig Bedeutungsvollem:  Die Heizung muss entlüftet werden, der kleine Schlüssel ist unauffindbar. Da ist ein Scharnier verbogen und muss ausgewechselt werden. Etwas Fugenweiß, eine Rolle Tesamoll, ein paar weitere unspektakuläre Nullnummern und die Futtertiere für die Fröschlein. Ein Einkaufswagen voller Dinge, die mich nicht gerade als Profi-Heimwerker ausweisen, und dann noch im Anzug…

Auch nichts für Anzugträger…

Da fällt mir ein: Die Fugen auf dem Speicher wollte ich doch schon lange schließen. Die Wunderwaffe aller, deren handwerklich Fähigkeiten begrenzt sind, ist Montageschaum.
Also lenke ich den Einkaufswagen in die entsprechende Abteilung. Allein: Nachdem ich einige Male die Regalreihen abgewandert bin, irritiert mich dann doch, dass Obi keinen Bauschaum im Sortiment hat.
Verunsichert nach ausgiebiger Suche wende ich mich an einen sympathischen Herrn in Orange, der hinter einem Tresen steht. Da groß „Information“ darüber angeschlagen ist, wird er mir schon helfen.
Artig entschuldige ich mich, dass ich ihn bei seiner Arbeit am Computer störe und frage, wo ich denn den Bauschaum finde.
Das ist offensichtlich ein Fehler. Er starrt mich an, als wolle ich ihn vereimern. „Na hier“, antwortet er und zeigt auf einen überdimensionalen Glasschrank hinter sich.
Und richtig: Da reiht sich Dose an Dose. Mir ist neu, das Bauschaum aus einem Giftschrank heraus verkauft wird. Das kenne ich bisher nur von Mäusegift und Großflächenunkrautvernichter. Der Verkäufer hält mich wohl angesichts meines Outfits für etwas unpraktisch veranlagt.  „Wofür brauchen Sie den denn?“ fragt er und sein Tonfall unterdrückt nur schwach ein Erstaunen.
Hoppla. Seit wann muss man sich rechtfertigen, wenn man Bauschaum kaufen will? Oder will er mich fachlich beraten?
Ich erkläre, dass ich eine Fuge im Gemäuer auf dem Speicher damit schließen werde. Umständlich kramt er einen Schlüssel hervor. Auch das noch. Bauschaum ist mittlerweile Verschlusssache.
„Und welcher soll es sein?“
„Wie? Gibt’s da Unterschiede?“
Das war der zweite Fehler. Umgehend folgt eine Belehrung über die unterschiedlichsten Arten Bauschaum. Das interessiert mich nicht die Bohne, mir sind Hersteller und Farbe völlig egal. Innerlich schalte ich ab und überlege, warum PU-Schaum nicht mehr frei verkäuflich ist. Früher bin ich einfach ans Regal gegangen, habe die Dosen auf Preis und Füllmasse überprüft und die günstigste gekauft. Warum muss ich jetzt fragen und mich erklären?
So sehr ich auch überlege, ich kann mich nicht erinnern,  dass irgendwer einen Sprengsatz aus Bauschaum gebaut, einen Zug zum Entgleisen gebracht oder einen Flieger entführt hat. Am Gefährdungspotential kann’s ganz gewiss nicht liegen. So manches Beil in der Werkzeugabteilung liegt so verdammt gut in der Hand, und damit ließen sich bestimmt verdammt breite Scheitel ziehen. Und die stehen auch nicht in einer Vitrine…
Auch ist mir nicht bekannt, dass man aus Bauschaum irgendwelche Drogen fertigen kann. Die Angst vor einem Diebstahl kann’s auch nicht sein. Fast alles im Markt ist frei zugänglich und so teuer ist Montageschaum nun nicht, dass man gern mal ein Döschen mitgehen lässt. Will sagen: Wenn man vorhat, bei Obi etwas zu klauen, dann gibt es Wert- und Sinnvolleres. Zum Beispiel? Tja, in der Werkzeugabteilung diese netten,  kleinen, dicken…
Plötzlich überrascht mich die Stille. Der Verkäufer schaut mich erwartungsvoll an. Mist. Er hat eine Frage gestellt, wartet auf Antwort und ich weiß nicht mal, was er gefragt hat.
„Machen wir’s kurz. Ich nehme die kleinste Menge. Das wird schon reichen.“ Ich hoffe, die Antwort passt halbwegs zur Frage. Sonst hält der Gute am Ende alle Menschen im Anzug für vollkommen unzurechnungsfähig. Aber das tut er sowieso, weil alle Dosen die gleiche Füllmenge haben.  „Oder nein. Geben Sie mir einfach die Billigste. Das passt dann schon, und wenn was überbleibt, ist das auch kein Problem.“

Frei verkäufliche Männerspielzeuge, auch für Anzugträger…

Der dritte Fehler. Denn nun muss ich mir eine weitere Belehrung gefallen lassen, nämlich, was man mit halbvollen Bauschaumdosen alles machen darf, und was auf gar keinen Fall.
Ich nicke pflichtbewusst und bekomme – endlich!!! – eine Dose überreicht. Aber wohl ist dem Verkäufer dabei nicht, das merke ich ihm an, was jetzt aber wirklich nicht mehr mein Problem ist.  Es wird Zeit für uns beide, den Kaufakt abzuschließen. Eine Durchsage hat schon zum zweiten Mal darauf hingewiesen, dass der Markt gleich geschlossen wird.
Übrigens: Glauben Sie bitte nicht, dass ich irgendetwas davon behalten hätte, was ich mit dem Rest in der Dose machen muss. Noch heute steht die halbvolle Dose im Schuppen, weil ich keine Ahnung habe, wie man das fach- und sachgerechtentsorgt.
Hätte ich mal besser zugehört. Jetzt muss ich mir die Antwort wieder bei Google holen. Wüssten Sie es? Ja? Dann haben Sie aber schön brav aufgepasst. Und ich war wieder mal nicht bei der Sache. Aber das war immer schon meim Problem…
Was sagten Sie gerade?

1 Antwort

  1. Antje Ebner sagt:

    Guten Tag Herr Zwetschgenmann,

    Komplimnet zu Ihrem gelungenen und sehr amüsanten Blog. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren beruflich mit PUR-Schaum und möchte Ihre Wissenslücken bezüglich der „Sicherheitsverwahrung “ und der Entsorgung Ihrer Dose schließen. Hinter Gitter müssen die Dosen, seitdem das deutsche Gefahrstoffrecht an die Richtlinien der EU angepasst wurde. Wegen der Treibgase in Verbindung mit den flüssigen Restinhaltsstoffen, die Haut, Augen und Atemwege reizen können, sind gebrauchte PUR-Schaumdosen als Sonderabfall zum Recycling eingestuft. Sie gehören deswegen entweder zur Schadstoffsammelstelle Ihrer Kommune oder sie geben sie einfach im Baumarkt zurück. Weitere Rückgabemöglichkeiten können Sie auch über eine Suchmaschine auf http://www.pdr.de recherchieren. Hier gibt es auch noch jede Menge Infos zu dem Produkt und zur stofflichen Verwertung der zurückgegebenen Dosen. Ausgehärteter Schaum ist übrigens umweltneutral.

    So viel zum Schaum. Weiterhin viel Vergnügen in Ihrer Schreibwerkstatt.

    Herzliche Grüße

    Antje Ebner

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