Fotobomber Renate

Es wird Zeit, die Wahrheit zu erzählen, die Wahrheit über Fotobomber Renate. Ungeschminkt, ungeschönt, schonungslos ehrlich. Ohne romantische Verklärung.
This is the true story.

An sich gibt es Momente, die sind so unfassbar schön, dass man wünscht, sie würden niemals enden. Sie sind so voller Zauber, so voller Magie und Melancholie, dass man einfach nur da sitzt, schaut und hofft, das Ganze würde sich bis in alle Ewigkeit hinziehen.
Aber das tut es nicht. Denn das tut es nie.
Und doch: die Hoffnung bleibt.
So geschehen in der vergangenen Woche, am wohl letzten Hochsommertag des Jahres 2017.
So sitze ich nach einer Runde im Wasser am Ufer des heimischen Weihers und schaue zu, wie aus der Goldenen Stunde langsam die Blaue wird, wovon in meinem anderen Blog bereits zu lesen war.

Was dort aber nicht zu lesen war, ist, wie Fotobomber Renate sich alle Mühe gab, mir diesen Abend und diese ganz besondere Stimmung zu versauen.

Gesehen hatte ich sie bereits auf dem Weg zum Weiher. Sie fuhr mit dem Fahrrad vor mir die Straße zum Ostufer des Weihers entlang. Das allerdings tat sie so weit mittig, dass ich weder links noch rechts vorbei kam. Warum auch? Wir wissen doch, dass ihre Devise lautet: First comes Renate… and then the rest.
Erst spät bequemt sie sich, mich vorbeizulassen, was auch eher dem Trupp Mofafahrer geschuldet ist, der ihr entgegenkommt und dem sie zähneknirschend ausweichen muss. Das ist die Gelegenheit, mit einem kleinen Schlenker Renate hinter mir zu lassen.
Die bin ich los.
Von wegen.
Kaum habe ich den Platz auf der schmalen, abendlich noch sonnenbeschienen Wiese gefunden, kommt Renate. Sie schiebt ihr Rad an mir vorbei, fesselt es kunstvoll mit mehreren Stahlseilen an einem Baum an und räumt ihr Körbchen aus.
Verdammt, direkt hinter mir.
Aber ich bin zum Schwimmen hier. Und zum Fotografieren der Goldenen Stunde, der Weiher ist groß genug, dass ich ihr aus dem Weg gehen kann.
Nachdem Renate akkurat alles ausgepackt und ordentlich auf der Wiese drapiert hat, rupft sie plötzlich das Handtuch wieder hoch, schlingt es um ihren Leib und wechselt von der Freizeit- in der Schwimmgarderobe.
Soll sie, ich mache es auch nicht anders. Gerade binde ich mir die Unterwasserkamera ans Fußgelenk, als sie – noch im Prozess der Umkleidung begriffen – zu mir herüberruft, ob ich ihr vielleicht die Uhrzeit nennen könne.
„Moment“, antworte ich. Da ich keine Armbanduhren trage, lösen solche Fragen auch nicht den Reflex aus, aufs Handgelenk zu starren. Stattdessen bücke ich mich über die Tasche und krame nach meinem Handy.
„Sie müssen doch dafür nicht ihre Uhr suchen, schauen sie doch einfach auf ihr Ding da“, womit Renate wohl meine kleine Kamera meint. Ganz falsch ist das nicht, ich könnte jetzt ein Foto machen und anschließend auf dem Display das Bild mit allen eingeprägten Informationen anschauen. Dann sehe ich, wann ich auf den Auslöser gedrückt habe.
Viel zu umständlich, in der Zeit habe ich dreimal auf dem Handydisplay nachgesehen. Was ich auch mache, statt ihr zu erklären, dass ich in der Hand eine Kamera habe.
„18.43“
Sie bedankt sich, nicht ohne in einem schlagartig auftretenden Anfall von Hektik anzumerken, dass sie sich ja dann ganz schön beeilen müsse, warum auch immer.
Ich gehe schwimmen, sie auch. Ein paar kräftige Züge und ich lasse die Trockenhaarschwimmerin hinter mir.
So soll es sein, so soll es bleiben.
Tut es aber nicht.
Als ich zurück zum Ufer kraule, höre ich schon ihre Stimme.
„Also, nur dass Sie es wissen, wir sind auch noch da!“ ruft sie mir zu, was ungefähr so viel bedeuten soll, dass es eine Unverschämtheit ist, in ihrer Nähe zu kraulen, den Weg abzuschneiden, mit Spritzwasser die Haare zu benetzen und so weiter. Das übliche Gezeter derer, die sich permanent von ihren Mitmenschen bedroht fühlen, die etwas besser können als sie selbst.
Ich ignoriere ihr Gemaule, verlasse das Wasser, dicht nach mir Renate und ihre Freundin.
Auf dem einen Handtuch sitzend, das andere über die Schulter gehängt, beobachte ich, wie langsam die Sonne am gegenüberliegenden Ufer versinkt. Die verbliebenen Badegäste schauen ihr ebenfalls dabei zu, die meisten wortlos. Es ist eine kollektive Ergriffenheit, die sich breit macht.
Nur bei Renate nicht. Sie hat eine Bekannte getroffen und zerquatscht mit ihr allen Anwesenden Stimmung. Sie erzählt vom Urlaub, den Sonnenuntergängen am Meer, den Wanderungen, dem Essen, dem unfreundlichen Personal, den unzumutbaren Zuständen am Flughafen, den schlecht sortierten Geschäften, um hernach ausführlich Bericht von der ersten Woche, die sie wieder daheim sind, zu geben – eben all das, was ich nicht wissen will aber mit anhören muss, will ich meinen Platz nicht räumen.
Und das will ich nicht. Die Aussicht ist gar zu schön. Sie verlangt danach, bilddokumentarisch festgehalten zu werden. Schließlich braucht ein Blog Bilder, womit aber in diesem Fall der andere gemeint ist.
Auch Renate will Fotos machen, der Sonnenuntergang erinnert sie plötzlich an den Urlaub, da kann sie das Foto ihren neuen Bekannten aus Hildesheim schicken, die sich dort kennengelernt hat – so erzählt sie es zumindest der Freundin. Aber Renate hat keine Kamera dabei, nicht mal ihr Handy. Das nämlich nimmt sie nie mit, es könnte ja, während sie die muntere Nixe gibt, geklaut werden. Überall lauert ja mittlerweile Ungemach, nicht nur in den südlichen Ländern am Strand. Da wird ja sowieso geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber das ist ja mittlerweile auch hier bei uns so.
Das wäre der Moment, an dem die Sonne sich endgültig verzieht, klug wie sie ist – und wenig verständnisvoll gegenüber diesem dummen Gerede.

Renate, nun auch fotowild, leiht sie sich das Handy von ihrer Bekannten, die ihr nicht nur ausführlich erklärt, wie man das bedient, sondern auch, wie man den Fotografier-Modus „Sonnenuntergänge“ einstellt.
„Ach Inge, das weiß ich doch alles“, wehrt Renate die Belehrung ab, stapft los und nimmt die Sonne ins Visier, bevor sie ganz verschwunden ist. Natürlich, in dem sie sich genau vor mich stellt. War es bisher bequem sitzend auf dem Handtuch möglich, Bilder zu machen, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als auch aufzustehen. Ich wollt, ich wäre Diogenes: „Geh mir aus der Sonne, dummes Stück!“

Kaum hat Renate ihr Bilderwerk verrichtet und Inge angewiesen, ihr die Fotos per WhatsApp zu schicken.
„Die Nummer hast Du, oder soll ich sie Dir schnell geben“.
Inge bejaht, und ich, der ich mich schon gefreut hatte, gleich Renates Handynummer zu bekommen, mit der man bestimmt allerlei lustigen Schabernack treiben kann, bin der Geprellte.
Renate setzt sich gar nicht erst wieder, sondern entfesselt ihr Rad. „Ich muss dann mal los.“
Geschwind hat sie ihr Geraffel ins Körbchen gewuchtet und schiebt den Drahtesel von der Wiese runter auf den Weg.

„Achtung“, stößt sie einen Warnhinweis in meine Richtung aus, denn sie sieht, dass ich mich wieder hingesetzt habe und weitere Bilder machen will. „Ich fahr jetzt los. Nicht das ich Ihnen noch ins Bild komme.“

Da drücke ich den Auslöser. Mit voller Absicht.
Jetzt erst Recht, Renate.
Du kommst mit aufs Bild. Du Fotobomber. Fotobomber Renate

Glaubt ja sonst wieder keiner, was ich mit Dir durchmache…


Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, empfehlen Sie diesen Beitrag auch Ihren Freunden weiter – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Gern dürfen Sie den Artikel auch verlinken.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.

5 Kommentare


  1. …ist doch klasse. Renate sorgt für Gesprächsstoff. Sie ist sich keiner Schuld bewußt. Sicher gehört sie zu denen, die hinter sich ständig Scherbenhaufen hinterlassen ohne zu wissen was eigentlich geschehen ist. :-)))

    Antworten

  2. Tja, hätte Renate doch nur ihre Telefonnummer ausgeplaudert. Über den Link zu diesem Beitrag würde sie sich sicher sehr freuen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.