Bayreuth: Wenn vor dem Vorspiel schon die Walküre nervt

Die Bilanz des Abends vorweg:

  • Zwei Tote
  • Ein hoffnungslos zerstrittenes Paar
  • Eine vermisste Frau
  • Ein Haufen wild rasender Weiber
  • Ein Vater, der seine Tochter verbannt und „wegsperrt“

Also ein gelungener Abend, auch wenn es einigermaßen dauert, bis es die ersten Toten gibt. Sigmund und Hunding. Wenigstens sterben sie flugs in Wagners Oper Walküre und singen nicht noch lange gegen ihr Schicksal an, wie das bei Verdi oder Puccini der Fall ist. Überhaupt geht es weitaus weniger romantisch, dafür umso pathetischer bei Wagner zur Sache, auch – oder vor allem – in Bayreuth.
Womit gesagt sein soll, dass ich im Gralstempel der Wagnerianer, dem heiligsten aller heiligen Orte Zugang hatte: Dem Bayreuther Festspielhaus.
Von 16.00 Uhr bis 21.35 Uhr (minus zwei einstündiger Pausen, um dem benachbarten Steigenberger-Catering genug Umsatz zu generieren) zeigten die Walküren, was sie so drauf haben. Und das ist Gewaltiges, wie ich in der Wikinger-Ausstellung in Rosenheim bereits gelernt hatte.
Bayreuther Festspielhaus. Heute: Die Walküre
Und die Gäste zeigten, was sie nicht drauf haben: sich zum Beispiel dem Anlass angemessen zu kleiden.
Erschütternder aber als das Outfit ist das Betragen so mancher Festspielbesucher, wobei beides einer besonderen Würdigung wert wäre. Letztlich soll es aber hier nur um das grobe Fehlverhalten noch vor dem Vorspiel gehen.
Selbiges (das Fehlverhalten, nicht das Vorspiel) fand nämlich schon im Hotel statt. Ganz auf den Festivaltourismus ausgerichtet, bietet das Haus einen Bustransfer und Rücktransfer zum und vom Festspielhaus an, das Ganze für einen moderaten Preis. Und ein Gläschen Sekt vorab in der Hotellobby ist auch inbegriffen. Das ist ein wahres Schnäppchen, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Gläschen Sekt oben auf dem Hügel genauso teuer ist wie der Shuttle-Bus.
Also sammelt sich der Tross in der Hotellobby zum Vorglühen. Man stößt an auf das, was da kommen wird und schämt sich auch nicht, darauf zu trinken, eine der begehrten Karten bekommen zu haben. Man ist schließlich wer und die Wartezeit auf Wagner ist für Normalsterbliche lang – und so mancher sieht so aus, als warte er schon seit Eröffnung des Festspielbetriebs 1876 auf Einlass.
Munter mischen meine Frau und ich uns unter die Wartenden, weniger am Sekt als am Transfer zum Festspielhaus interessiert. Mitten in unser Geplauder dringt die aggressiv auffordernde Stimme eines Mannes. Er wolle, so lässt er mich wissen, ein paar Erinnerungsfotos für und von sich und seiner Frau. Also der klassische Adabi, der nur mit Foto beweisen kann, dass er auch dabei war.
Hier im Foyer, das Sektglas in der Hand. Und ich wäre doch sicher so nett, diese anzufertigen.
Das ist keine Frage, die ihm da über die Lippen kommt sondern eine Anweisung, die nur als Frage getarnt ist. Der Mann ist es gewohnt, Order zu geben, sicher ein Unternehmer, ein Vorstandsbanker, Leiter einer Handelskammer oder etwas Vergleichbares. Er redet mit mir, als sei ich sein Büttel.
Als er mir sein bereits auf Fotografie gestelltes iPhone in die Hand drückt, fragt er mich allen Ernstes, ob ich mich damit auskenne, wartet aber gar nicht erst auf die Antwort, sondern erklärt mir, was ich jetzt zu tun hätte. Dabei redet er mit mir, als erkläre er einer Büromaus, wo sie auf der Tastatur das Dollarzeichen findet, und warum sie dieses statt des Paragraphen-Zeichens verwenden solle. „Und achten Sie drauf, dass die Füße mit im Bild sind“.
Er hält mich vermutlich für beschränkt.
Mag daran liegen, dass ich nicht gleich auf seinen herrischen Tonfall angesprungen bin und begeisternd kreischend ein „Ja, natürlich, sehr gern Herr Direktor, sofort“ geantwortet und die Hacken zusammen geschlagen habe, als er mich zum Fotografieren abkommandierte. Oder es mag daran liegen, dass er überwiegend mit Menschen verminderter Intelligenz zu tun hat, ich weiß es nicht.
Zu überrumpelt, um überhaupt noch irgendetwas zu sagen, nehme ich das Handy entgegen.
Der Mann stellt sich in Pose, gruppiert seine Gattin neben sich und beide greifen zum Glase. Das Opernprogramm klemmt er sich betont zwanglos in die Hand wie Skiläufer dies mit ihren Brettern tun, damit man nur ja hinterher die Sponsorenlogos sieht. In Windeseile entstehen zwanzig Fotos. Mal schauen sich die beiden an, mal nicht, mal prosten sie sich zu. Je größer die Auswahl, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bild entsteht, auf dem sich beide gefallen.
Der Mann zeigt sich völlig überrascht über die Menge an Fotos, als ich ihm sein Handy nach einer Minute zurückgebe. „Da haben Sie dann etwas Auswahl“, antworte ich, verzichte aber auf den Zusatz, dass ja meist einer der Portraitierten findet, dass er kolossal dämlich auf dem Bild aussieht. Und wie ich die dauergrinsende Frau einschätze, wird die es sein, die sich nicht gefällt.
Dass sie sich nicht nur womöglich kolossal dämlich aussehend findet, sondern tatsächlich kolossal dämlich ist, beweist sie umgehend. Als die beiden die Bilderausbeute begutachten, regt sie sich auf, dass ich ja wohl überall auf den Fotos die Köpfe abgeschnitten hätte und wie unfähig ich denn sei, ein Foto zu machen. Ich höre das im Weggehen, denn sie schlägt eine Lautstärke an, die durchaus beabsichtigt, dass ich das hören soll.
Ist die Frau wirklich so blöd oder tut sie nur so?
„Das ist erst die Vorschau zur Bilderauswahl“, erklärt der Mann und bedeutet ihr, den Mund zu halten. Dann öffnet er das Foto und scrollt durch das Album.
„Aber ohne Jacke“ wäre doch schöner“, mault die Frau und ich kann mich nicht schnell genug entfernen, als dass er noch einmal auf mich zukommt. Es täte ihm leid, er müsse mich noch mal behelligen, seine Frau wolle auch Fotos, auf denen sie keine Jacke trägt.
Also gut. Noch einmal mache ich ein Dutzend Fotos und überlege mir, was der Typ wohl erwidert hätte, wenn ich ihm geantwortet hätte, dass ich das für keine gute Idee halte. Mag sein, dass die Frau sich selbst lieber im ärmellosen Kleid sieht, der neutrale Betrachter aber würde sicher auf den Fotos die dürren, kunstgebräunten, hautlappigen Arme der hohlbirnigen Gattin im Ärmel ihrer Jacke versteckt bevorzugen.
Aber ich kann mich ja benehmen, halte mein ansonsten vorlautes und von erfrischender Direktheit geprägtes Mundwerk. Ich habe ja mein Blog, um, mich abzureagieren.
Jetzt heißt es allerdings, darauf zu achten, dass ich diesem Deppen nicht noch mal begegne. Sonst muss ich die womöglich vor und im Festspielhaus auch noch fotografieren. Denn das wird der Mann sicher wollen: Ein Foto in der Hotellobby mit einem Glas Sekt in der einen und einer welken Walküre in der anderen Hand beweist gar nichts.
Oben, auf dem grünen Hügel, machen wir selbst ein paar Selfies mit dem Festspielhaus im Hintergrund. Wir sind ja auch Adabis und wollen damit angeben, hier gewesen zu sein.
Und dann kommt ein Mann auf uns zu und bietet an, uns zu fotografieren. Gleich mehrere Bilder will er machen, damit wir Auswahl haben. Und er weiß auch, wie man mit einer Handy-Kamera umgeht. Nichts muss man ihm erklären. Es gibt eben auch normale Menschen in Bayreuth…


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