Blogparade ‚München‘: Dahoam is do, wo ma Autofahrn ko…

ironbloggerMUC-blogparade-muenchenDieser Beitrag ist Teil der Blogparade  der Iron Blogger München im Juli 2015: An 31 Tagen schreiben 31 Blogger – das sind 31 Beiträge über München. Das hier ist der neunte Beitrag. Hier finden Sie die Übersicht zu all den anderen.  Mein Beitrag folgt Doris Schuppes Tipps über Networking in München.  Auf meinen Text folgt der Beitrag von Alexander Broy über den Münchner Vikutalienmarkt. Ich habe die Gelegenheit genutzt und Alex gebeten, für mein Blog ein paar Fotos zu machen… damit ich nicht extra in’d Stod nei muss. Warum? Das lesen Sie im Folgenden:

Der Münchner ist der unumstößlichen Meinung, er sei ein guter Autofahrer. Hingegen die Deppen aus dem Umland, also die aus den Landkreisen STA, DAH oder FFB, die können das nicht. Noch schlimmer aber sind die Autofahrer aus dem Osten, und damit ist jetzt nicht etwa der Bewohner der neuen Bundesländer gemeint. So weit schaut der Münchner nicht. Er meint die Bauern aus dem Erdinger und dem Ebersberger Landkreis. Die nämlich können das überhaupt nicht.
Unsicher und hilflos tastet sich der Zipfeklatscher mit seim Watschngsicht,so tituliert vom Münchner, sofern dieser ein echter ist und nicht einer der Zuagroastn, durch den Großstadtverkehr, nachdem er zuvor seinen Uralt-Mercedes mit Traktoren-Diesel vollgetankt hat und sich dann in die Landeshauptstadt begibt. Greislich!

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Können könnt er schon, der Städter. Aber man lässt ihn nicht… denkt er zumindest

Dabei ist es genau umgekehrt. Der Städter, also der Münchner, kann nicht Autofahren. Das meint Freund Herbert und ich pflichte ihm unumwunden bei. Herbert ist im Erdinger Land aufgewachsen, lebt noch immer dort, pendelt aber seit Jahr und Tag nach München zur Arbeit. Wer, wenn nicht er, kennt sich also aus mit den Autofahrern aus Stadt und Land?
Und so hat er nach jahrzehntelanger Beobachtung eine unschlagbare Theorie entwickelt:
„Der Städter nämlich kennt sich nicht aus“, so Herbert. Das verwundert nicht und ist auch nichts Neues. Auf dem Land sieht ja alles so gleich aus: Felder, ein Wald, Bauernhäuser, Kirchen mit Zwiebeltürmen, eine Wirtschaft und irgendwo am Rand der Dörfer das kleine Industriegebiet mit dem Supermarkt,  dazu ein Autohaus oder ein Kfz-Meisterbetrieb mit Tankstelle und Waschstraße, eine Schreinerei oder ein Fliesenfachgeschäft. Wenn’s hochkommt, gibt’s noch einen KIK und einen Drogeriemarkt. Markante Orientierungspunkte wie das Grünwalder Stadion, das Perlacher Einkaufszentrum, das Ramersdorfer Kircherl, der MercedesTurm oder den Augustiner Biergarten gibt es nicht.
Und draußen auf dem Land heißt auch alles gleich: Grafing, Gräfelfing, Garching… oder Erding, Eching, Eitting, Edling, Esting… wer soll das bitte auseinanderhalten?
„Wer“, so fragt sich der Münchner, „kennt schon die ganzen Dörfer in Niederbayern?“  Mit dieser Frage versucht er, die Umlandbewohner, am tiefsten zu treffen, zum Anderen weist er nach, dass er selbst keine Ahnung hat, wo genau die Grenze zwischen Nieder- und Oberbayern verläuft.
Ohne Postleitzahl weiß der orientierungslose Stadtfrack auch nicht, ob er sich nach Buch am Buchrain oder Buch am Erlbach, nach Neufahrn oder Neufarn bewegen muss. Und das Navi ist erst recht keine Hilfe. Oft genug amüsieren wir uns, wenn der Städter mit seinem Edelgefährt auf einem vermatschten Feldweg steht, und der Huber Schorsch ihn mit dem alten Eicher-Traktor wieder herausziehen muss. Dabei hat das Navi doch gesagt, dass man hier abbiegen muss…
Wie gesagt: Kaum ein Stoderer kennt sich aus.
Zum Glück kommt es selten vor, dass sich einer der 1,5 Millionen Münchner in unsere Gegend verirrt. Wenn er nicht notgedrungen zum Flughafen muss oder der Therme ihren Besuch abstattet und sowohl im einen wie im anderen Fall viel Geld in unseren Landkreis trägt, dann meidet er das kiesige Hinterland östlich der Isarmetropole wie die Pest. Nicht umsonst nennen einige Münchner Lokalsender in ihren Verkehrshinweisen unsere Region in herablassend-unlustiger Hartnäckigkeit das Outback.
Warum in Herrgottsnamen sollte der Münchner also zu den Hinterwäldlern hinaus auf’s Land?
Dabei leben genau genommen doch die Münchner hinterm Wald, zumindest aus unserer Perspektive betrachtet.
Zwar ist auf mehreren Gebäuden im Freistaat Extra Bavariam non est vita et si est vita non est ita zu lesen, womit ganz Bayern gemeint ist. Aber heimlich hieß es doch immer schon im katholischen Brevier der Wittelsbacher Extra Monacum nulla salus, was den frommen Kirchenvätern entlehnt ist, die das damals noch auf die katholische Kirche verstanden wissen wollten. Der echte Münchner kann sich einfach nicht vorstellen, dass es außerhalb der Stadt noch ein Heil geben könne, allenfalls Leben, das schnöde nämlich. Da sind die Gebürtigen um keinen Deut besser als die zugezogenen Neubayern.

Will der Münchner was von uns,  dann haben wir gefälligst zu ihm zu kommen. Aber am Besten mit der S-Bahn, sonst verirren wir uns ja in der großen Stadt und finden nicht mehr rechtzeitig nach Hause, um beim Einbruch der Dunkelheit in unserem Dorf die Trottoirs hochzuklappen.

Dahoam is staufrei
Dahoam is staufrei… auch freitags um halbzehn

Aber muss der Münchner dann doch mal nach Dorfen oder Oberdorfen, Inner- oder Außerbittlbach, Ober- oder Niederding, dann schleicht er mit zaghaftem Tempo über unsere Landstraßen, dass ihn selbst die freilaufenden Hühner in unseren Ortschaften überholen könnten. Dann amüsiert er sich über die Ortstafeln von Bockhorn oder Tittenkofen, findet das anstößig und witzig, dass Orte so heißen und vergisst darüber ganz, dass die Tangastraße in München Trudering nun auch nicht gerade unzweideutig klingt.
Und so schleicht er weiter über unsere Straßen und blockiert die freie Fahrt der freien Landmenschen.
„Den Münchner“, so erklärt mir Johnny Hörmannsdorfer vom Erdinger Onlinemagazin, „erkennt man daran, dass er mit 60 hineinfährt in die geschlossene Ortschaft. Er fährt mit 60 durch die Dörfer und dann auch mit 60 wieder hinaus und einfach so weiter…“
Gasg eben hinter dem Ortsausgangsschild? Fehlanzeige.
Und Herbert weiß genau, woran das liegt. Hier kommt seine Theorie zum Tragen, die er mir an einem Freitag Nachmittag im Stop-and-Go auf dem Georg-Brauchle-Ring erklärt.
„Wir haben so wenig Ampeln auf dem Land. Also müsste der Städter ja zügig fahren. Aber das kann er nicht. Das ist er nicht gewohnt. Und dann muss er sich schnell entscheiden, ob er abbiegen will oder nicht, ohne, dass er an der Ampel steht und Zeit zum Überlegen hat. Damit ist der Münchner einfach überfordert…“
Komplexe Kreuzungen mit verwirrender Beschilderung, wenig sinnvoll geschalteten Ampelanlagen und engen Abbiegespuren sind allerdings auch dem Landmenschen ein Ärgernis. Darum fügt das Straßenbauamt sich harmonisch in den Verkehrsfluss integrierende Kreisverkehre ins Landschaftsbild. Das kennt der Münchner nicht, oder nur unzureichend seit der Effnerplatz untertunnelt ist. Und was bitte will der Giesinger, Pasinger, Feldmochinger, Schwabinger… schon im Kreisverkehr im  Karolinenplatz? Und zum Gärtnerplatz fährt der anständige Hauptstadtbajuware erst recht nicht. Soll ja komisches Volk dort hausen… Alles Zuagroaste. Alles Zuagroaste.
Dabei sollte er vielleicht mal hinfahren und das flotte Ein- und Ausfädeln in den Kreisverkehr üben.
Ich finde Herberts Theorie jedenfalls umwerfend.
Wer einmal den mittleren Ring umkreist oder morgens die Prinzregentenstraße von Osten kommend in die große Stadt genommen hat, der weiß, was ich meine. Und wer es wagt, den Altstadtring zu nehmen, der wird es spätestens am Viktualienmarkt bitter bereuen.

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Minga is, wo ma staufoarn ko – freitags um halb zehn.

Ampel- und staulos, wie wir Landeier nun mal sind, geben wir Gas, oftmals bis zum Führerscheinentzug. Das droht den Münchnern eher, wenn sie mal über eine rote Ampel fahren. Denn Gas geben kann der Münchner nicht. Wo hätte er das schließlich auch lernen können?
Dahoam is do, wo ma Autofahrn ko!
Für die einen ist das die Stadt, für die anderen das Umland.

Dank an Alex, dessen Beitrag zur Blogparade morgen folgt, für die Fotos aus der Stadt.
Dank an Herbert, Christine, Michele, Ina und Johnny für die Hilfestellung und die Einführung in die umland-bayerische Sicht auf die Dinge.

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6 Kommentare


  1. Motorisierter Individualverkehr ist ohnehin nur etwas fürs pendelnde Proletariat. Der kultivierte Mensch radelt, flaniert, oder bleibt dahoam, weil’s da eh am Schönsten ist. Und wenn er wie ich eine arme Sau ist, die zu einem Leben in der Kleinstadt-Peripherie-Provinz verdammt ist, fährt er mit der Bahn in die Stadt, um dann über den Viktualienmarkt zu flanieren, um für seine Freunde Stau-Photos zu schiessen …

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  2. Hahaha, die 60er Theorie ist ja fabelhaft. Auf dem Motorrad fängst Du Dir die 60 km/h fahrenden Bürgerkäfige am Auspuff ein, und fahren sie dir voraus zügig durch den Ort dann hast du auf jeden Fall eine gute Chance sie am Ortsausgang gemütlich mit 80 zu überholen. Bisher konnte ich das Phänomen nicht erklären. Vielen Dank!

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