Blog goes Ballade: Ich kam von meinem Wege ab…

Christiane, die den Blog „Irgendwas ist immer“ betreibt, veranstaltet dieses Wochenende eine wunderbare Aktion Blog goes Ballade (auf das Bild klicken, wer mehr wissen will):

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„Macht mit beim Balladenwochenende!“ schreibt Christiane. „Füllt drei Tage lang eure Blogs mit Balladen! Postet eure Lieblingsballaden bei euch, stoßt ein Fenster in andere Welten auf, erzählt, warum ihr diese Ballade besonders liebt oder hasst oder was euch mit ihr verbindet!“

Lutz Görner rezitiert eine Ballade
Lutz Görner bei einer Rezitationsveranstaltung anlässlich eines Ostermarsches.

Vielleich gehöre ich zu den wenigen, die während ihrer Schulzeit mit Balladen nur wenig Berührung hatten, also auch nicht übermäßig abgeschreckt wurden. Was heißt: Es war der fast schon obligatorische Erlkönig und der Knabe im Moor, die ich verpflichtend auswendig lernen musste. Alles andere blieb mir zu lernen erspart – von einigen Gryphius-Sonetten abgesehen.
Derart privilegiert, weil nicht verschreckt und zusätzlich ermuntert durch den Oberstufen-Deutschlehrer habe ich mich zu Schülerzeiten gern mit Lyrik beschäftigt, avancierte zum „Dauervorleser“ im Leistungskurs („Lesen Sie das mal vor, Sie können das wenigstens richtig“) und häufte in meiner Büchersammlung Gedichtbände von Rainer Kunze, Erich Fried und anderen Lyrikern an, die damals hoch im Kurs standen.
Das Interesse hielt an, auch nach dem Abitur – wie auch die Freude am Lesen, vorlesen oder vorlesen lassen.
goerner-02_bearbeitet-1Ich kaufte (völlig untypisch und unverständlich für viele meines Alters) Schallplatten mit Balladen von Brecht, vorgetragen von Therese Giese, und wurde ein großer Fan des Rezitators Lutz Görner, dessen Veranstaltungen ich immer besuchte, wenn er in der Gegend war. Görner hat es mit seinen Programmen Lyrik für alle geschafft, Staub und Pathos aus der Dichtkunst zu entfernen und die Verse mit ungemeiner Lebendigkeit zu füllen. Und er bewies, dass Rezitationen von Gedichten keineswegs langweiliges Aufsagen von Versen ist. Er führte mich von der Lyrik des 20. Jahrhunderts tief hinein in die Balladenwelt.
Zum Abitur hatte ich bereits die klassische Gedichtsammung Deutsche Gedichte von Echtermeyer/von Wiese bekommen, dazu gesellten sich Der ewige Brunnen und allerlei andere Balladensammlungen. Auch Walter Killys Deutsche Lyrik, die wohl umfangreichste zehnbändige Anthologie, steht im Regal, wenig gelesen, was ich zugeben muss.
Neben Görner verdanke ich meine bisher ungebrochene Liebe zu Balladen allerdings einem ganz anderen Künstler: Achim Reichel.
Reichel hat auf zwei CDs deutsche Balladen eingesungen. Ich besitze sie beide und kann mich bisweilen nicht satthören an dieser Musik: Egal ob die Regenballade oder Wilder Wassermann. Seine Begeisterung für die Balladen, die er vertont hat, ist phantastisch: Der Zauberlehrling, John Maynard, Belsazar, der Erlkönig und viele mehr, die man beim Zuhören schnell auswendig lernt.
Über Reichel bin ich auf die Regenballade von Ina Seidel gestoßen, einer Lyrikerin, über die man geteilter Meinung sein und viel Kritisches sagen darf, insbesondere durch ihre Nähe zum Nationalsozialimus.
Ihre Regenballade aber zählt für mich nach wie vor zu den schönsten deutschen Gedichten, die jemals geschrieben wurden.
Hier der vollständige Text (und weiter unten die gesungene Version von Reichel):

Ich kam von meinem Wege ab,
weil es so nebeldunstig war.
Der Wald war feuchtkalt wie ein Grab,
und Finger griffen in mein Haar.
Ein Vogel rief so hoch und hohl
Wie wenn ein Kind im Schlummer klagt –
Und ich stand still – ich wusste wohl,
was man von diesem Walde sagt!

Dann setzt ich wieder Bein vor Bein
Und komme so gemach vom Fleck,
und quutsch‘ im letzten Abendschein
schwer vorwärts durch Morast und Dreck.
Es nebelte, es nieselte,
es roch nach Schlamm, verfault und nass,
es raschelte, es rieselte
und kroch und sprang im hohen Gras.

Auf einmal, eh ich’s mich versehn,
bin ich am Strom, im Wasser schier.
Am Rand bleib ich erschrocken stehn,
fast netzt die Flut die Sole mir.
Das Röhricht zieht sich bis zum Tann
Und wiegt und wogt so weit man blickt,
und flüstert böse ab und an,
wenn es im feuchten Windhauch nickt.
Da saß ein Kerl! Weiß Gott, mein Herz
Stand still als ich ihn sitzen sah!
Ich sah ihn nur von hinterwärts,
und er saß klein und ruhig da,
saß in der Nebeldämmerung,
die Angelrute ausgestreckt,
als ob ein toter Weidenstrunk
den dürren Ast gespenstig reckt.

„He, Alter!“ ruf ich, „beißt es gut?“
Und sieh, der Baumstamm dreht sich um
Und wackelt mit dem runden Hut
Und grinst mit spitzen Zähnen stumm.
Und spricht – doch nicht nach Landesart,
wie Entenschnattern, schnell und breit
kommt’s aus dem algengrünen Bart:
„Wenn’s regnet, hab‘ ich gute Zeit!“
„So scheint es“, sag ich und ich schau
in seinen Bottich neben ihm.
Da wimmelt’s blank und silbergrau
Und müht sich mit zerfetzten Kiem,
Aale, die Flossen zahrt wie flaum,
glotzäugig Karpfen mittendrin –
ich traue meinen Augen kaum! –
wälzt eine Natter sich darin.
„Ein seltenes Fischlein, Alter, traun!“
Da springt er forsch behebend empor:
„Die Knorpel sind so gut zu kau’n!“
Schnattert er listig mir ins Ohr.
„Gewiss seit ihr zur Nacht mein Gast!
Wo wollt ihr heute auch noch hin?
Nur zu, den Bottich angefasst,
genug ist für uns beide drin!“

Und richtig watschelt er vorauf,
patsch, patsch, am Uferrand entlang.
Und wie im Traume heb ich auf
Und schleppe hinterdrein den Fang.
Und krieche durch den Weidenhang,
der eng den Rasenhang umschmiegt,
wo, tief verborgen selbst am Tag,
die schilfgebaute Hütte liegt.

Da drinnen ist nicht Stuhl, nicht Tisch,
der Alte sitzt am Boden platt,
es riecht nach Aas und totem Fisch –
ich wird vom bloßen Atmen satt.
Er aber greift frisch in den Topf
Und frisst die Fische kalt und roh,
packt sie am Schwanz, beißt ab den Kopf
und knirscht und schmatzt im dunkeln froh.
„Ihr esst ja nicht, das ist nicht recht!“
Die Schwimmhand klatscht mich fett aufs Knie.
„Ihr seid vom Trockenen Geschlecht,
ich weiß, die Kerle essen nie.
Ihr seid bekümmert, sprecht doch aus,
womit ich euch erfreuen kann?“
„Ja“, klappre ich: „ich will nach Haus
aus dem verfluchten Schnatermann!“*

Da hebt der Kerl ein Lachen an,
es klang nicht gut, mir wurde kalt.
„Was weißt denn Ihr vom Schnatermann?“
„Ja“, sag ich stur, „so heißt der Wald!“
„So heißt der Wald?“ nun geht es los,
er grinst mich grün und phosphorn an:
„Du dürrer Narr, was weißt du bloß
vom Schnater-Schnater-Schnatermann?!“
Und schnater-schnater, klitsch und klatsch,
der Regen peitscht mir ins Gesicht.
Quatsch durch den Sumpf, hoch spritzt der Matsch,
ein Stiefel fehlt – ich acht‘ es nicht.
Und schnater-schnater um mich her,
und Enten-Unken-Froschgetön,
Möwengelächter irr und leer
Und tief ein hohles Windgestöhn . . .

Des andren Tags saß ich allein,
nicht weit vom prasselnden Kamin,
und lies mein schwer gekränkt gebein
wohlig vom heißen Grog durchziehen.
Wie golden war der Trank, wie klar!
Wie edel war sein starker Duft!
Ich blickte nach dem Wald – es war
Noch sehr viel Regen in der Luft.

Und hier die Fassung von Achim Reichel:

 


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3 Kommentare


  1. Hallo Lutz,

    du hast eine meiner Lieblingsballaden erwischt und ich teile mit dir die Begeisterung für Achim Reichel und sein Balladenprojekt. Ich hatte geschwankt, ob ich sie auf meinem Blog vorstellen sollte, da mir Achim Reichel mit seiner Interpretation ungeheuer unter die Haut gegangen ist, habe dann aber davon abgesehen. Die Gründe:
    1. Ina Seidel ist zwar inzwischen ziemlich vergessen, stand aber bei den Nazis auf der „Gottbegnadeten-Liste“, und zwar sogar auf der Liste der „Unersetzlichen Künstler“ (auf der waren für Literatur sechs Schriftsteller). Ich weiß nicht, ob und wie stark es ihre Entscheidung war, so prominent zu werden, aber ich halte das für mehr als nur „Nähe“ zu den Nazis.
    2. Das Urheberrechtsproblem. Ina Seidel ist 1974 gestorben, das heißt, sie ist noch lange nicht die vorgeschriebenen 70 Jahre tot, und ich weiß nicht, wie die Erben (wer auch immer), es mit der Einhaltung des Urheberrechts halten. Sprich: Du verletzt mit dem Zitieren auf jeden Fall irgendjemandes Rechte, es sei denn, du hättest die Erlaubnis. Klar, wo kein Kläger, da kein Richter, und ich finde diese Regelung komplett bescheuert, denn das führt dazu, dass man eine Menge Dichter und Dichterinnen nach jener Zeit erst mühsam wiederentdecken muss. Es wäre einfacher, wenn man eine maßvolle Nutzung zuließe …

    Ich habe übrigens ein ähnliches Problem wie du, ich habe mein Herz an eine Ballade von Agnes Miegel verloren, und auf die treffen Punkt 1 und Punkt 2 ebenfalls zu. 🙁

    Dir noch einen schönen Sonntag und vielen Dank, dass du mitgemacht hast!

    Liebe Grüße
    Christiane

    Antworten

    1. Hallo Christiane,

      Dein Kommentar bedarf einer Antwort:

      Zu 1.: Das Identifizieren mit dem Nationalsozialismus war bei Ina Seidel sicherlich deutlich vorhanden, was aber nicht verhindert hat, dass sie später das Große Bundesverdienstkreuz bekommen hat. Ich habe mich nicht sehr intensiv mit ihrem Werk und ihrer Biographie auseiander gesetzt und gedenke das auch nicht zu tun – dieses eine Gedicht jedoch ist großartig und über den Verdacht einer politischen Aussage erhaben.

      Zu 2.: Sicher – ich hätte de Text weglassen und einen Link in das Gutenberg-Projekt, wo der Text steht, oder auf eine Seite wie songtexte.com setzen können, die „Lyrics“ von Reichel sind auf Dutzenden von Seiten. Das erschien mir letztlich aber zu albern, nachgerade lächerlich – und darum zitere ich hier einfach den Text.

      Antworten

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