Blogparade: ‚Kleine Rituale‘: Zählen, zählen, zählen

Heute starte ich mit meiner Blogparade Kleine Rituale.
Worum es geht und wie Sie, falls Sie als Blogger mitmachen wollen, das tun können, lesen Sie hier. Für Leserinnen und Leser, die kein eigenes Blog betreiben aber gerne einen Beitrag beisteuern wollen, biete ich die Möglichkeit eines Gastbeitrags an.
Veröffentlichte Beiträge liste hier auf. Die Seite wird regelmäßig aktualisiert und bleibt während der Blogparade oben in meinem Blog angeheftet.

Mein Beitrag:

Ok.
Ich gebe es zu. Ich habe ein Problem mit Zahlen. Nicht aber mit Zählen. Seit frühester Schulkindheit, seit ich den Zahlrenraum 100 aufgeschlossen habe, zähle ich zum Beispiel Stufen. Treppenstufen.
Nicht einmal, nein ich zähle sie immer wieder. Es gibt kaum eine Treppe, auf der ich nicht die Stufen zähle, wenn ich sie hinauf oder hinab steige. Und da ich Aufzüge tunlichst vermeide, kommt da ganz schön was zusammen. Nun ist es nicht sol dass ich mit Aufzügen ein Problem habe. Aber in den meisten Fällen und ohne Gepäck ist die Überwindung einiger Etagen ein netter Beitrag zur Leibesertüchtigung – will sagen: ein kleines sportliches Intermezzo im überwiegend sitzend verbrachten Tagesablauf. Also treppauf, treppab.

Auf rund 10 und 16 Etagenänderungen bringt es so ein Bürotag, der damit anfängt, von der Garage hinauf in den ersten Stock zu laufen und mit dem umgekehrten Weg endet. Zwischenzeitlich geht es in den zweiten Stock oder ins Erdgeschoss, mittags eins runter und dann eins wieder rauf…
Aber ich zähle nicht allein die Treppengänge. Ich zähle eigentlich die Stufen. 54 sind es übrigens von ganz oben nach ganz unten, und – wer ahnt es nicht? – genauso viele auf dem Weg zurück.
15 Stufen waren es früher im Elternhaus, das werde ich nie vergessen. Ich weiß nicht, wie oft ich sie gezählt habe. Im Prinzip immer, zumindest dann, wenn ich nicht wie ein Irrer die Treppe runter rannte, mehrere Stufen mit einem Schritt machte und auf das Mittelpodest sprang, was nicht ohne Geräusche abging und meinem Bruder (er machte es auch oft) und mir manche Rüge einbrachte. Aber sonst wurde gezählt. Auch Jahre später, als ich längst ausgezogen und gelegentlich Gast im Elternhaus war, zählte ich bei jedem Gang in den Keller die Stufen.
Stufen zählen. ImmerIm Grunde genommen ist es Unfug, es werden nicht mehr und nicht weniger. So oft ich sie auch zähle. Und wenn doch, dann hätte ich die bauliche Veränderung mit Sicherheit mitbekommen.

Und warum das Ganze?

Vielleicht zähle ich sie, weil ich gewappnet sein will. Nicht selten wurde ich als Kind von meiner Oma überrumpelt, die, kaum, dass wir nach einem Treppengang oben angekommen waren, fragte: „Na, wie viele Stufen waren es denn?“
Sie hatte natürlich gezählt. Ich nicht. Sie wusste es, ich nicht. Und ich war der Dumme.
Wer will das schon?
Also zähle ich: Bei S- und U-Bahnhöfen, in Geschäften, bei Kirchturmbesteigungen, bei Treppen auf Wanderwegen… egal, wo. Seit Jahrzehnten fragt mich niemand mehr, wenn ich irgendeine Treppe gelaufen bin, wie viele Stufen es waren. Ich könnte also damit aufhören.
Aber ich tue es nicht.
Es ist ein Ritual.
Vielleicht bringt das Zählen einen Schrittrhythmus mit sich, der beim Treppensteigen von Vorteil ist. Nicht nur, was das rein Körperliche betrifft, auch das Mentale profitiert vom rhythmischen Schritt, wie man ja weiß.
Also wird gezählt… und gezählt… und gezählt.

Nicht nur Stufen

Beim Schwimmen mache ich es ja auch nicht anders. Stupides Bahnen- oder sogar Zügezählen hilft, im Hallenbad auf 25m langen Strecken selbige 120, 140 oder 160 mal abzuschwimmen. Davon ist in meinem anderen Blog oft genug die Rede.
Dass Stufen nicht das Einzige sind, was man zählen kann, ist kein Geheimnis. Man kann die Fliesen auf dem Fußboden der Toiletten zählen, was mit gewissen rechnerischen Fähigkeiten schnell gemacht ist. Man kann, wenn man an einer Bushaltestelle steht und wartet, die vorbeifahrenden Autos zählen (und zwar parallel in beiden Fahrtrichtungen), man kann die Zahl der Alleebäume zählen, wenn man durch eine solche hindurch fährt oder eben die Anzahl der Waggons eines vorbeifahrenden Zuges, wenn man an einem Bahnübergang steht und wartet.
Gerade letzteres ist ein schier kindisches Vergnügen, was ebenfalls hinüberzuretten in mein Erwachsenenleben ich geschafft habe.
Privilegiert bin ich, weil sich zwei Dörfer weiter ein beschrankter Bahnübergang befindet, auf dem nicht nur die Regionalzüge von München Richtung Mühldorf, Burghausen oder Simbach vorbeifahren (die sind schnell gezählt), sondern auch der Güterverkehr aus oder ins Chemiedreieck Burghausen rollt. Und da gibt es verdammt viel zu zählen. Kesselwagen, Containerwaggons… ein Traum. Wie früher, wenn die Kohle-Waggons durch die Heimat rollten und wir an der Bahnschranke in Hagen-Haspe stehen bleiben mussten. Leider kam das viel zu selten vor, denn oft kamen wir nicht in den Stadtteil. Und wenn, dann bemühte sich mein Vater, die nervige, dauergeschlossene Schranke zu umfahren. Sehr zu meinem Leidwesen. Umso cooler war es, dass zwischen Bushaltestelle und Gymnasium auch ein beschrankter Bahnübergang war. Und da der urinduftgeschwänkter Tunnel keine Option war, blieben wir eben auf dem Schulweg stehen und warteten. Und ich zählte.
Und das mache ich heute auch noch so. Vorausgesetzt natürlich, ich stehe in der Autoschlange in der Pole Position oder habe zumindest freien Blick auf den vorbeifahrenden Zug.
Ist Treppenstufenzählen noch mit einem gewissen Nutzwert verbunden, lohnt es sich bei Zügen nicht, die Anzahl der Waggons zu behalten. Also vergesse ich sie schnell wieder, es wäre die Anhäufung vollkommen unnützen Wissens. Niemand will wissen, wie viele es waren, niemand anderes hat mitgezählt. Man kann mit niemandem darüber reden Es lohnt auch nicht, die Daten in Excel-Tabellen zu übertragen. Also: Zählen und Vergessen. Und bei nächster Gelegenheit wieder zählen. Einfach überall, wo Züge die Straßen kreuzen.
Und enttäuscht sein, wenn es wieder nur so ein popeliger, kleiner Nahverkehrszug ist, bei dem es einfach nichts zu zählen gibt.
Waggons zählen
Eins – zwei – fertig. Das lohnt sich nicht. Was soll das?


Alle Beiträge zur Blogparade finden Sie hier aufgelistet.


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2 Kommentare


    1. Nicht alles, was man zu einem Altagsritual ausbaut, muss gleich eine Zwangsstörung sein.

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