Zu süß für James Bond… und für Renate

OberpollingerSocken, Schlips, Schal für die einen.
Duft für die anderen.
Schenken kann so einfach sein. Vor allem vor Weihnachten. Wen einem nichts mehr einfällt: Etwas zum Beduften und Verschnüffeln geht immer.

Das weiß auch Renate. Mit ihrem Göttergatten Harald, dem stets Gequälten und Leidgeprüften an ihrer Seite, rauscht sie hinein in die Filiale einer nicht näher zu benennenden Parfümierie-Kette. Ein Geschenk soll es sein und so bringt sie, derweil Harald hilflos und völlig deplatziert daneben steht, die fachberatene Verkäuferin erst auf Trapp, dann in Wallung, schließlich an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Für den Mann ihrer Freundin Gudrun braucht es noch eine Kleinigkeit zu Weihnachten. Und da Gudrun ihr gesagt hat, es könne ruhig mal ein neues Aftershave-Balsam sein, sucht Renate nun das Passende aus.
Denn Gudrun hat sich beschwert, sie könne den Duft ihres Mannes langsam nicht mehr riechen, seit Jahr und Tag verwendet er ein Rasierwasser, dass riecht, als sei im Backofen ein Bratapfel explodiert.
„Du weißt schon was ich meine“, hat sie ihrer Freundin gesagt. „Und wenn Du nichts Passendes finden, dann kannst Du Dich ja beraten lassen.“ Dabei hat sie so spitzbübisch gezwinkert, dass Renate klar wurde: Hier ist eine Verschwörung im Gange und sie ist ein Teil davon. Und wer, wenn nicht sie, kann Gudrun helfen? Harald wohl kaum. Aber vielleicht, so denkt insgeheim, kann sie bei der Gelegenheit auch gleich dafür sorgen, dass Harald sein Pitralon endlich mal gegen eine gediegenere Herrenpflegeserie austauscht, vor allem gegen eine dezentere.
Die Verkäuferin, so werde ich also Zeuge des Dramas, das sich zwischen Calvin Klein, Chanel, Davidoff, Laura Biagiotti und Jean-Paul Gaultier abspielt, nimmt es anfangs gelassen. Immer mehr Duftstreifen schleppt sie heran und gibt fachkundig Auskunft über neue Duftserien, was gern gekauft wird, was eher fruchtig und was eher herb riecht.
Renate wedelt, schnüffelt, wedelt, schnüffelt und verliert den Überblick. Ich schaue zu, denn ich habe ja bereits eine Auswahl getroffen, welcher Duft kommende Woche unterm Christbaum landen wird.
„Mensch Harald“, fährt Renate ihren Mann an, der Löcher in die Luft starrt. „Jetzt sag doch auch mal was. Steh doch nicht einfach nur rum sondern hilf mir bei der Auswahl.“

Parfumabteilung Renate
Harald zuckt zusammen, erwacht aus dem Tagtraum und lässt sich einige Duftstreifen unter die Nase halten.
„Na ja“, brummt er gleich beim ersten. „Das ist doch gut. Das können wir doch nehmen.“
Renate lässt das nicht gelten. „Du hast doch noch gar keine anderen gerochen.“ So einfach kommt er ihr nicht davon. „Findest Du nicht, dass das viel zu süß ist?“
„Zu süß?“ fragt er zurück, als habe er sie nicht verstanden. Und das stimmt wohl auch. Denn er hört schon lange nicht mehr wirklich zu und das kann ich ihm nicht verdenken.
„Na ja, so… so…“, Renate sucht nach Worten. Mir liegt da Einiges auf der Zunge, was ich ihr als Charakterisierung des Duftes vorschlagen könnte. Es riecht nach Seife, etwas zu blumig, wie ein Oma-Parfüm… und es ist penetrant. Aber ich mische mich nicht ein. Ich bin ja nur stummer und beobachtender Zeuge.
Mir geht ein Satz aus dem James-Bond-Film Diamantenfieber duftch den Kopf. Bond hat es immer wieder mit den beiden Killern Mr. Wint und Mr. Kidd  zu tun. Als diese ihm am Ende des Films wieder nach dem Leben trachten und Bond den einen der beiden am Geruch erkennt, entfährt es hm: „I’ve smelt that aftershave before, and both times I’ve smelt a rat“.
Ungleich derber heißt es in der deutschen Fassung als Bond einen Wein in Gegenwart der beiden Killer entkorkt: „Riecht ziemlich kräftig. Nicht der Korken. Ihr Aftershave, zu süß und zu schwul…“ Ha ha ha… Connery, Du bist Gott!

„Sie meinen sicher ,zu lieblich‘“, hilft die Verkäuferin. Renate nickt abwinkend. Während ich noch bei Bond verharre, ist sie  längst mit den Gedanken beim nächsten Duft. Was waren das noch für Zeiten, als James Bond noch markige Sprüche machte: Eine Zeit, als die Political Correctness noch nicht überall ihre Wurstfinger hineingestopft hat. Renate aber will jetzt fertig werden. So wenig, wie Harald ihr als Hilfe zur Seite steht und da die Verkäuferin immer neue Test-Flacons anschleppt, kann sich das hinziehen. Das gilt es jetzt zu verhindern.
„Das nehmen wir jetzt“, verfügt sie und bugsiert ihren Mann Richtung Kasse. „Vor lauter Duft wird man hier ja ganz kirre im Kopf. Am besten stellst Du Dich schon mal an. Ich komme gleich.“
Während Harald sich Richtung Kasse bewegt, macht Renate der Verkäuferin klar, dass sie an Stelle der Produktpröbchen für Männer gefälligst ein paar Duftröhrchen für Frauen einpacken soll. „Schlielich bin ich ja diejenige, die hier…“ den Satz lässt sie unvollendet.
„Ein schlauer Fuchs“, denke ich, derweil ich mich auch schon mal an der Kasse anstelle, das zu verschenkende Duschgel im Warenkorb. Harald steht in der Schlange links neben mir. Doch kaum ist Renate bei ihm, werden sie zum Kolonnenspringern.
„Warum stehst Du denn in dieser Schlange?“ kritisiert sie ihn lautstark. „Du siehst doch, dass hier nichts vorwärts geht.“ Damit ist eigentlich nicht Harald angesprochen sondern die Kassiererin. Die aber lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Renate zerrt am Ärmel ihres Mannes, wie ich im Augenwinkel sehe. Er soll die Schlange wechseln.
Ich lasse mich auch nicht aus der Ruhe bringen als Renate und Harald hinter mir stehen, ich spitze nur die Ohren. Die beiden haben meinen Warenkorb überprüft und für relativ leer befunden. „Dann geht das bestimmt flott“, flüstert Renate ihrem Mann zu und deutet dabei auf meine Ausbeute. Was sie nicht weiß, aber gleich erleben wird: Meine Frau kommt auch zur Kasse. Sie hat mich schon vorgeschickt (Frauen machen so etwas – alle!) und hat schnell noch ein paar Kleinigkeiten zusammengesucht: Was für die Töchter, was für’s Patenkind, was für sich selbst… was auch immer. Der Korb quillt über. Renate, das war ein Fehler, die Schlange zu wechseln. Fast wünsche ich mir, dass mindestens einer der Artikel weder ausgezeichnet ist noch einen Barcode zum Scannen azufgedruckt hat. Das hält so wunderbar auf. Und ich habe ja Zeit. Erstens ist es Wochenende und zweitens erst der vierte Advent. Weihnachten ist also noch ganz schön weit weg. Als meine Frau alles in meinen Korb gelegt hat, was sie zusammengesucht hat, wechseln Harald und Renate wieder die Schlange. Das heißt: Sie springt und zerrt ihn erneut hinter sich her – zurück an ihren vorherigen Platz.
Nun stehen sie wieder links neben mir. Ihr Pech: Die Frau, die jetzt gerade bezahlen will, hat sich vergriffen.
„Sie können das hier nicht kaufen“, sagt die Kassiererin freundlich. „Das ist ein Tester“.
„Oh“, sagt die Kundin. Bevor die Kundin reagieren kann und anbietet, noch mal loszugehen, tritt die Kassiererin auf den Plan.
„Warten Sie, ich hole ihnen das richtige Eau de Toilette“. Und schon ist die Kassiererin verschwunden. Renate ist fassungslos. Mit so viel Kundenfreundlichkeit hat sie nicht gerechnet
„Warum haut die denn jetzt einfach ab?“ geifert sie. Ein weiterer Wechsel der Kassenschlange ist mittlerweile sinnlos geworden, denn jetzt steht ein anderer Kunde hinter mir, hinter den Renate sich einordnen müsste.
Jetzt bin ich dran. Ich lasse mir Zeit. Das Körbchen ausräumen, ein persönliches Wort wechseln, die Kreditkarte aus dem Portemonaie nesteln, dann wieder einstecken, weil es die falsche ist. Dafür die EC-Karte herausholen, vorsichtig die vierstelligen PIN eingeben, damit ich mich nur ja nicht vertippe. Ich will ja das Ende des Dramas an der Kasse neben mir miterleben. Aber so sehr ich trödle, ich schaffe es nicht. Zwar ist die Kassiererin wieder zurück, aber jetzt fängt sie an, die Bonrolle zu wechseln. Das klappt aber nicht. Also wird es dauern, denn das macht die gute Frau offensichtlich zum ersten Mal. Hilfesuchend schaut sie sich nach ihrer Kollegin um. Renate, die es wohl eilig hat, stöhnt laut auf. Als ich bezahlt habe und die freundliche Kassiererin, bei der ich bezahlt habe, endlich Zeit hat, ihrer Kollegin beizuspringen, geht es endlich auch in der Schlange neben uns weiter. Ich zwänge mich an Renate und Harald vorbei und zucke kurz die Schultern.

Wenn die Kohlen glühen, auf denen Renate ganz offensichtlich sitzt, dann haben sie jetzt die 400°C Marke deutlich überschritten. Gut, wenn man in solchen Fällen das richtge Deo aufgelegt hat – natürlich als Mann passend zum Aftershave. Hauptsache, es riecht nicht zu süß und nich… lassen wir das. Solche Äußerungen sind heutzutage nicht mehr korrekt.

Frohe Weihnachten, liebe Renate und lieber Harald. Im nächsten Jahr sehen wir uns sicher wieder und ich schreibe was über Euch…

 


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