Starkregen

Starkregen, so nennt es der Bayerische Wetterdienst und warnt eifrig davor, ist das, was vom Himmel fällt, als ich heute zum Weiher komme. Es schüttet aus Kübeln, wie ich es selten erlebt habe.

Heute gilt’s. Die erste, ernsthafte Bewährungsprobe für meinen Neo. Lufttemperatur etwa 15°, wie warm oder kalt das Wasser ist, weiß ich nicht. Die Kreidetafel am Kiosk zeigt eine Temperatur an, die nicht stimmen kann. Sicher ist sie vom Vortag, der Kiosk ist verschlossen. Es ist ganz einfach niemand da. Also hat’s auchniemand gemessen und die Tafel aktualisiert.

Das macht nichts, im Gegenteil. Heute gehört der Weiher mir, mir ganz allein. Nicht mal ein paar Spaziergänger oder Jogger, keine Radler, geschweige denn irgendwelche Badegäste.
Schnell bin ich umgezogen und in den Neo geschlüpft, schnell sind die Klamotten in einer Plastiktüte verstaut und regensicher unter dem Vordach der Wasserwachthütte verstaut.
Ein wenig Aufwärmen und dann rein ins Wasser. Es fühlt sich an den nackten Füßen nicht wirklich kalt an, aber auch lang nicht mehr so warm wie an den Vortag. Ich schätze mal, es hat so rund 19°, vielleicht auch 20°. Ein erster Gedanke: Nur in Badehose würde ich jetzt sagen: Keinen Schritt weiter. Aber im Neo? Ich bin gespannt, ob der Anzug hält, was die Verkäuferin, die angeheftete Produktbeschreibung am Kragen und die einschlägigen Kommentare im Internet versprochen haben.
Dicke Regentropfen klatschen um mich ins Wasser. Es ist fabelhaft.
Ich lasse mich ins Wasser gleiten und schwimme die ersten Züge. So kalt ist es gar nicht, merke ich am Kopf, der ja bis auf die Schwimmbrille komplett ungeschützt ist.
Selten kam mir das Wasser so angenehm vor, so weich, so sauber. Die ewtas unangenehmen Klumpen aus Algen und Schwebstoffen, die sich bei warmem Wasser bilden und auf der Oberfläche treiben, sind allesamt verschwunden. Der Regen hat sie buchstäblich zerschlagen. Wunderbar. Nicht, dass mich diese Klumpen besonders stören, aber ich gebe zu, dass ich auch nicht gerade ein Fan davon bin.
Die erste Runde geht zügig, zwischendurch lässt der Regen etwas nach und setzt dann ganz auf.
Ich muss an den ersten Tag mit Neoprenanzug zurückdenken, An die Gesichter der anderen Badegäste, das Grinsen, das mitleidige Lächeln. Wo sind denn heute eigentlich die ganzen Leute, die das so komisch fanden?
Von den amüsierten Schönwetterplanschern ist natürlich keiner da. Von den Grillhähnchen auf ihren mitgebrachten Badeliegen, die sich den ganzen Sommer auf der Wieser herumtreiben, auch keiner. Das ist verständlich, denn die Wiesse gleicht heute eher einem Schlammfeld. Das Wasser steht zentimeterhoch an den unebnen Stellen.
Vermutlich sind all die Grinser heute daheim auf dem Sofa. Sollen sie, ich vermisse sie nicht. Ich ziehe allein, aber nicht einsam meine Bahnen und bin wieder einmal aufgepumpt mit Glückshormonen. Das sind die Momente, bei denen sich der Sport lohnt, die Erfahrungen, die man gern mit Muskelkater bezahlt.
Ich höre, als der Regen aussetzt, dass da etwas plätschert. Sehr regelmäßig. Ich halte einen Moment an, ein anderer Schwimmer ist ins Wasser gestiegen und kommt mir entgegen. Er nickt kurz, ich auch, dann setzen wir beide unsere Bahnen fort. Eine Sekunde stille Übereinkunft, eine Gemeinsamkeit mit einem wildfremden Menschen, kein Grund zu reden, kein Grund „Servus!“ über’s Wasser zu rufen. Wir sehen uns, registrieren einander – fertig.
Der Neoprenanzug hält angenehm warm, ich bin überrascht, wie warm es ist. Die Zufriedenheitsgarantie kommt mir in den Sinn. Kein Grund zu klagen.Aber schauen wir mal, wenn’s drei bis vier Grad kälter ist
Zug um Zug schwimme ich meine Runden und bemerke erst gar nicht, dass das Wasser im Weiher einen immer dunkler werdenden Grünton annimmt. Ein trübes Smaragdgrün, und das ist nicht übertrieben. Dann öffnet der Himmel erneut seine Schleusen.
Ein weiterer Starkregenguss. Nicht, dass mich das stören würde. Aber der

 

grollende Gewitterdonner gibt mir dann doch zu denken. Keine Ahnung, ob der andere Schwimmer noch da ist. Falls nicht, wäre ich wohl das einzige lohnenswerte Ziel auf der Wasseroberfläche für einen Blitz. Das behagt mir nun ganz und gar nicht.
Vor Gewitter habe ich keine Angst, aber Respekt. Und Schwimmen ist bei Gewitter nun mal lebensgefährlich.
Ich bleibe in Ufernähe und beobachte, den immer schwärzer werdenden Himmel. Doch Blitze bleiben aus.
Vorerst.
Es gibt keinen Grund – und auch keinen Zuschauer – sich oder sonstwem irgendetwas zu beweisen. Also raus aus dem Wasser, sobald die ersten Blitze in der Ferne zu sehen sind.
Mittlerweile schüttet es wie unter einer hart eingestellten Dusche.Unter dem Vordach der Wasserwacht finde ich neben meinen Sachen ein weiteres Handtuch und Anziehsachen, der andere Schwimmer muss akso doch noch im Wasser sein. Während ich mich

abtrockne und anziehe suche ich mit den Augen die Wasseroberfläche ab.Ein Mann schwimmt in Ufernähe. Kein Neo. Also wieder ein anderer. Entweder interessiert ihn das herannahende Gewitter nicht, oder er hat es noch gar nicht mitbekommen. Klug finde ich das nicht, aber es ist seine Entscheidung.
Auf der Fahrt nach Hause dreht irgendwer oben den Hahn noch ein Stück weiter auf. Regen in dieser Stärke habe ich selten erlebt.
Die hundert Meter vom Parkplatz bis zur Haustür reichen, dass ich – diesmal in normalen Klamotten, wieder bis auf die Haut nass bin.
Schnell ins Haus, raus aus den nassen Klamotten, abtrocknen, frische trockene Sachen.
Mann, ist das gemütlich.

1 Antwort

  1. 20. September 2012

    […] im Wasser als es ohne Anzug möglich gewesen wäre. Und es ist immer wieder großartig, egal ob Starkregen oder Wochenendhochbetrieb. Es macht mir nichts mehr aus, am Ufer beim Anziehen des Neoprenanzugs […]

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