Ohne Renate wäre Ethno-Essen viel entspannter

Essen ist weitaus mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es geht nicht nur darum, dem Körper lebenswichtige Proteine, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralstoffe zuzuführen. Essen ist auch Lustgewinn. Das sinnliche Verspeisen eines hervorragend zubereiteten und liebevoll angerichteten Mahls ist Genuss pur – vorausgesetzt, man nimmt sich die notwendige Zeit und Ruhe. FastFood, gieriges Schlingen und Essen zwischen Tür und Angel gehören nun mal nicht zum Luxus.

EssenFür Renate aber ist Essen – zumindest aushäusiges – noch viel mehr. Es bedeutet immer, in einen interkulturellen Dialog zu treten. Geht sie zum Beispiel mit ihrer Freundin Heidrun zu ihrem bevorzugten Italiener Gaetano, dann kramt sie all ihre VHS-Kenntnisse zusammen und parliert Schmeicheleien auf Italienisch.

Gaetano versteht nur wenig von dem, was Renate ihm sagt. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass Renates Sprachkenntnisse aus einer Zeit stammen, als die Selbstverwirklichungstruppe noch busladungsweise in die Toskana aufbrach, um ihr Olivenöl selbst zu pressen. Das war, bevor das Wort „Nachhaltigkeit“ erfunden wurde. Damals fuhren Renate und Heidrun in Kreativ-Workshops und waren so erpicht darauf, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen, dass sie einen VHS-Kurs nach dem anderen belegten. Lang ist das her.

Aber es gibt auch einen weiteren Grund. Gaetano ist Enkel italienischer Zuwanderer aus dem 19. Jahrhundert, Tagelöhner, die über die Alpen kamen, um sich im Süden Deutschlands beim Eisenbahnbau und Ziegelbrennen zu verdingen. Sein Italienisch ist ebenso lückenhaft wie das von Renate. Italien kennt er nur von den Urlauben im Ferragosto, und da nennen sie ihn den Tedesco, den Deutschen.

Auch an Gaetanos Servierkraft Sophia arbeitet sich Renate auf italienisch ab, doch Sophia ist in Kiew geboren, was REnate aber nicht weiß. Für sie sind alle dunkelhaarigen Menschen Südländer. Sophia aber versteht italienisch noch weniger als deutsch. Woher sollte sie auch, denn Gaetanos Spülkraft stammt aus Indonesien und der zweite Kellner, der auch die Bar schmeißt, heißt Rudi und stammt gebürtig aus der Niederlausitz. Renates „per favor“ quittiert Sophia mit einem schwachen Lächeln, immerhin ahnt sie, was die umfassend gebildete Dame ihr sagen möchte.

Beim Asiaten verwickelt Renate Herrn Wu, der ein chinesisches Restaurant führt, gern in einen Dialog über die asiatische Philosophie und die asiatische Küche. Sie, die so weit gereist ist, erzählt, dass sie mal in Indien Urlaub gemacht hat. Und in Vietnam. „Das war eine wunderbare Rundreise“, ergänzt Renates Freundin Heidrun. „Nicht ganz China“, lacht sie Herrn Wu an, der gleichbleibend stoisch zurücklächelt. „Aber immerhin doch Asien“.

Herr Wu nimmt’s gelassen, serviert das Essen ohne merkliche Veränderung im Gesichtsausdruck, beantwortet brav die Frage nach der Zusammenstellung der Gewürze, die seine Mutter verwendet und presst sogar das Wort „Familiengeheimnis“ hervor, als Heidrun nicht aufhören will zu fragen.

Heidrun notiert sich, kaum, dass Herr Wu den Tisch verlassen hat, alles in ein kleines Moleskin-Notzibuch. „Das kochen wir nach“, entscheidet sie. „Ich kenn da einen wunderbaren vietnamesischen Supermarkt. Da bekommen wir sicher alles.“

Thailand, Vietnam, Indien, China, Japan – das ist für Heidrun alles eins. Mein Gott, wie kann man denn da so kleinlich sein.

Der interkulturelle Austausch von Renate geht aber durchaus noch weiter. Unlängst steuerte sie mit Heidrun, deren Mann und ihrem gebeutelteten Gatten Harald eine Tapas-Bar an.

Unnötig, zu erwähnen, dass Harald flaschengrüne Cordhosen trug, Renate aber keine Trekking-Sandalen. Das macht sie schließlich nur im Urlaub, dann aber konsequent vom Frühstück im Hotel bis zum Abend am Strand.

Mexikanisch, erklärt sie der Runde, müsse sie ja unbedingt einmal probieren. Und Mexiko wolle sie sowieso mal bereisen. Es folgt, während das Quartett sich der Jacken entledigt, ein Vortrag über die Atzeken, die Ruinen von Tenochtitlan, das alles habe sie noch auf der Liste…

Und jetzt, da die Welt ja offensichtlich nicht wie den Maya-Prophezeiungen angekündigt untergeganen sei, könne man ja wieder Pläne schmieden. Dabei lacht sie schelmisch. Während das Quartett sich mit den Gebräuchen der Tapas-Bar vertraut macht, platzt es plötzlich aus ihr heraus.

„Wenn nur, ja wenn“, schränkt sie ein, „in Mexiko nicht so viele eklige Tiere zum Essen angeboten werden.“

Ups, das war etwas zu laut. Das haben mehr Leute gehört als nur ihre drei Begleiter.

Oder war das etwa Absicht?

Der Kellner schaut etwas indigniert. Harald schweigt, Heidrun pflichtet ihr bei. „Ich habe mal im Fernsehen einen Bericht gegessen, die essen doch tatsächlisch gegrillte Heuschrecken.“

„Die gibt’s hier aber hoffentlich nicht“, seufzt sie. „Und weiß man eigentlich, aus was die scharfe Wrust gemacht ist? Am Ende ist es Pferd oder Esel.“

Heidrun kichert: „Oder Hund?“

Harald schaut sie erschreckt an.

„Ach nein, das ist ja in China, da essen sie Hunde. Aber hier doch nicht. A propos China: Wir könnten aber das nächste Mal auch wieder zum Asiaten gehen.“

Mr. Wu, auch wenn seine Familie aus China kommt, wird’s freuen.

Mich auch.

Ich esse derweil bei Gaetano eine ordentliche Pasta mit Ragout nach dem Rezept von Nonna Maria.

Das hat sie persönlich und zu Fuß über die Alpen gebracht. Vermutlich ist das Ragout auch aus Pferd gemacht.

Wie die Salami gegenüber in der Tapas-Bar.

Und die acht Schätze bei Mr. Wu.

Überhaupt ist alles Fleisch aus irgendwelchen Tieren zu bereitet. Meerschweinchen, Krokodil, Schlange oder Leguan inklusive.

Aber erzählen Sie das bitte nicht Renate…

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1 Antwort

  1. Annika sagt:

    Apropos Buch: bei Amazon vor Wochen bestellt und es kommt und kommt nicht. Das bedrückt mich sehr, denn ich will alles über die notorische Renate wissen.

    Es gab übrigens mal ein Wäschegeschäft in Tempelhof mit dem schönen Namen „Renate“. Wir nannten es nur „Schlüpper Nati“.

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