Leoparden grüßt man nicht

Ich habe keine Ahnung, warum die Frau, die mir im Dampfbad gegenüber sitzt, mich so empört anstarrt. Und das geht nicht nur einen Augenblick so, das dauert jetzt schon eine ganze Weile. So, dass man es irgendwann bemerken muss. Ich schaue zurück, aber sie weicht meinem Blick nicht aus. Sie starrt mich weiter an – böse.
Was will die Frau von mir?
startblockIch kenne sie gar nicht. Heute sehe ich sie zum ersten Mal. Ich gebe allerdings zu, sie ist mir schon im Schwimmbecken aufgefallen. Ich habe mein Trainingsprogramm abgespult, es war angenehm leer, so konnte ich Bahn um Bahn schwimmen, bis ich die erwünschten vier Kilometer voll hatte. Sie, also die Frau mit dem bösen Blick, war auf der anderen Seite, direkt hinter der Absperrleine zur Sportbahn unterwegs. Gemächlich.
Meter um Meter stapft sie durch’s Wasser, ein Schwimmgürtel mit harten Schaumstoffplatten stabilisierte dabei ihre Körperhaltung. Sie trägt einen Bikini, der totunglücklich ist, das er nicht eine Nummer größer ausgefallen ist. Dass die Frau einigermaßen hager und knochig ist, macht das Ganze nicht unbedingt sehenswerter. Das Oberteil ist dunkelbraun, die Hose im wenig dezententen Leopardenmuster gefärbt, dazu an der Seite eine goldene (!) Schleife. Die Bikinihose schämt sich und fühlt sich offensichtlich so unwohl auf ihrer Haut, dass sie fortwährend versucht, sich zwischen ihren Hinterbacken zu verstecken, was sie jedes Mal am Beckenrand ungeschehen macht. Gnadenlos wird das Textil wieder herausgezerrt. Das Ganze geschieht unter Wasser, ist aber für Träger von Schwimmbrillen trotzdem glasklar zu sehen, auch wenn man es nicht möchte. Und Kippwender sehen noch mehr als Rollwender.

Ich bin dieser Leopardendame im Wasser nicht zu nahe gekommen (meine ich jedenfalls). Auch nicht, als ich das Dampfbad betreten habe und mich ihr direkt gegenüber hingesetzt habe. Ein älterer Mann und eine weitere Frau sind ebenfalls im Dampfbad. Zu viert üben wir das Prinzip der Elektronen in einem Molekül: Jeder verucht, zu jedem den größtmöglichem Abstand einzuhalten. Und es funktioniert. Also kann es nicht daran liegen, dass ich der Frau auf die Pelle gerückt bin. Aber das hätten meine Höflichkeit und mein guter Geschmack ohnehin nicht zugelassen. Und davon abgesehen: Ich bin glücklicher Eigentümer weitereichender Distanzzonen. Leer, hab ich es am liebsten… ganz leer:

liege
Und Augen habe ich auch: Die fuchsia-farbenen Haare kleben ihr auf dem Kopf, wie das in Dampfbädern nun mal passiert. Die Farbe aber ist dann doch etwas zu gewagt und etwas zu künstlich, als dass es gut aussähe. Ich frage mich, was diese Frau, die ich auf Ende 60 schätze, an Fünfzig ist das neue Dreißig nicht verstanden hat, dass sie so herum läuft, noch mehr aber, ob sie noch gar nicht bemerkt hat, dass ihr 50ster auch schon wieder knapp 20 Jahre vorbei ist.
Trotzdem ist mir unklar, warum die Großkatze mich so böse anfunkelt. Natürlich suche ich den Fehler zuerst bei mir. Hängt mir ein Popel aus der Nase? Ist wieder einmal meine Badehose gerissen und ich habe es nicht bemerkt? Biete ich einen peinlichen, verstörenden, unangenehmen, belästigenden Anblick? Oder  passt der Frau vielleicht nicht, dass ich ein Handtuch mit ins Bad genommen habe? Vielleicht vermutet sie in mir einen Terrorwedler, der allen gleich mal gehörig einheizen wird. Nun habe ich selbiges mitnichten vor, auch wenn wir uns in dem rechten Dampfbad befinden, in dem Wedeln erlaubt ist. Wenn ihr das nicht passt, dann muss sie in das andere, das linke Dort ist das nämlich verboten.
Vielleicht empfindet sie das Durchwirbeln von Luft-, Hitze- und Dampfschichten als körperliche Bedrohung. Andere mögen das ja sehr und bedanken sich bei den Wedlern, zum Teil gibt’s ausufernden Applaus. Wedeln ist eine höchst uneigennützige und soziale Tat, die ausschließlich dem Wohlergehen der anderen Menschen dient. Der Wedler selbst ist nämlich der Einzige, der gar nichts davon hat, wenn er den anderen Dampfbadbesuchern die heiße Luft (heute Aroma: Fichte) zuführt. Nicht selten bezahlt er seine Anstrengung sogar noch damit, dass ihm der Sitzplatz genommen wird. Da soll die Leopardin mal schön ruhig sein.

Leoparden

So wäre es ja noch in Ordnung…

Ist sie auch. Sie sagt ja nichts. Sie starrt immer noch, grimmig und böse. Und ich denke überhaupt nicht daran, mein kleines, graues Handtuch durch die Luft sausen zu lassen. Für die doch nicht…
Vielleicht, das ist die letzte Möglichkeit, die mir noch durch den Kopf geht, ist sie auch nur so empört, weil ich das Dampfbad betreten habe, ohne ein „Grüß Gott“, „Servus“, „Guten Tag“ oder „Hallo“ in den Nebel zu rufen. Jetzt fühlt sich die Leopardin ungegrüßt, missachtet und beleidigt.
Keine zwei Minuten später springt die abrupt auf. Noch einmal zerrt sie die hintere Stoffpartie ihrer Leopardenhose zurück ans Licht, dann schlupft sie in ihre mit Glasperlen beklebten Flipflops und stapft an mir vorbei. Im Gehen dreht sie den Kopf zur Seite. Ein letzter vernichtender Blick.
Was will die Frau von mir?

Knapp zwanzig Minuten später sehe ich sie, wie sie auf ihrer Liege die Sachen hektisch zusammensucht. So sehr sie sich jedoch beeilt, die Schulklasse, die gerade die Schwimmhalle verlässt, ist schneller. Etwa 20 Mädchen drängen sich im Pulk Richtung Dusche. Wie das Leopardenweib es auch anstellt, sie kann nicht vorbei. Die Kinder werden vor ihr in der Dusche sein.
Alle.
Da kannst Du jetzt aber gucken… böse.

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3 Antworten

  1. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es der Leopardenfrau nicht gefällt…

  2. Tobias sagt:

    Ich vermute, das Mysterium Leopardinnenhass lässt sich durch ihren Vornamen „Renate“ erklären. Man macht sich eben nicht nur Freunde.

  3. Annika sagt:

    Ich nehme an, du hattest mal eine Affaire mit ihrer Tochter, der du das Herz nachhaltig gebrochen hast. Schlimmstenfalls ist sie deine frühere Lehrerin und du hattest eine Affaire mit ihr. Aber das hast du verdrängt und sie ist nie über dich hinweggekommen und heute hast du sie nicht mal erkannt, schlimmer noch, du hast nicht mal für sie gewedelt. :))

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