Kein Schwein… und das ist gut so

Ich hatte mit einem Handwerker einen Ortstermin. Seitdem warte ich auf ein Angebot.
Seit Wochen.
Und ich warte und warte.
Auf meine Mailanfragen reagiert er nicht.
Meine Frau meint, ich solle ihn einfach anrufen.

Telefonieren?
Wie retro. Das ist doch die Art der Kommunikation, wie sie früher meine Mutter genutzt hat und heute vor allem von Menschen aus der Generation meiner Schwiegereltern verwendet wird…
Aber ich doch nicht. Ich telefoniere nicht, oder höchstens zwangsweise.

Da müsste ich ja mit jemandem sprechen, vielleicht sogar einem wildfremden Menschen. Ich finde, das kann man nicht von mir verlangen. Im Zug oder Flieger unterhalte ich mich schließlich auch nicht mit wildfremden Menschen… nicht mit Leuten am Biertisch und schon gar nicht in der S-Bahn oder Warteschlange irgendwo. Warum also sollte ich mit ihnen telefonieren?
„Schönen guten Tag, wir rufen an im Auftrag von…. und machen eine Umfrage über…“
„Auf Wiederhören.“
Klack.
Ich brauche keine neuen Fenster, Bausparverträge, keine günstigeren Handytarife und möchte Forsa, der GfK oder sonstwem nicht Auskunft über meine Schlafgewohnheiten, meine Lieblingseissorten oder bevorzugten Radiosender geben. Lassen Sie mich einfach in Ruhe, ok?
Ich gehe nicht ohne Grund am liebsten im Supermärkte, große Gartencenter, riesige Sport- und Klamottenläden etc., wo eben kein freundliches Personal auf mich zugeschossen kommt. Das Fachgeschäft mit seinen „Kann ich Ihnen helfen?“ Verkäufern strengt mich zu sehr an. Ich bin nicht zum Quatschen hier, sieht man das nicht?
Wahrheitsgemäß müsste ich antworten „Mir ist nicht mehr zu helfen.“
Statt dessen murmle ich „Danke, ich schau mich erst mal um“, was nichts anderes heißt als „Schau, dass Du weiterkommst und lass mich in Ruhe.“
Das sage ich daheim auch. Und zwar direkt dem Telefon wenn es klingelt: „Lass mich in Ruhe.“ Und ich lasse es klingeln. Das hat manchmal einen ganz banalen Grund. Nur die Basisstation klingelt, das schnurlose Telefon aber nicht, weil es seit Ewigkeiten keinen physischen Kontakt zur Basisstation hatte und demzufolge stromlos ist. Oder es klingelt irgendwo zwischen Decken und Kissen auf dem Sofa oder wo auch immer. Suchtrupps stehen keine zur Verfügung. Bis ich es gefunden habe, hat ohnehin der Anrufer aufgegeben. Da kann ich mir das Suchen gleich schenken. Warum also aufstehen?
Ganz abgesehen davon lasse ich mich durch das Telefon auch nicht hetzen oder stören: Weder im Bad noch beim Kauen und Essen, beim Müll rausbringen oder irgendeiner anderen Tätigkeit, die möglicherweise wichtiger ist: Schon gar nicht auf dem Klo aber allem nicht bei Fußballübertragungen im BVB-Netradio. Da schau ich nicht mal aufs Display, wer das sein könnte… Da kann es klingeln, so lange und so oft es will… und wer auch immer.

Der überwiegende Teil der Anrufe ist sowieso nicht für mich, da muss ich also gar nicht erst rangehen.
„Servus, hier ist der…. ist die…. da?“
„Nein, sorry. Ich weiß auch nicht wann sie nach Hause kommt. Ruf sie am besten auf dem Handy an.“
Das hilft dem Anrufer nicht, mir nicht und der gesuchten Person auch nicht.
Und wer was von mir will, der meldet sich schon wieder. Wenn er Glück hat, dann gehe ich beim nächsten Mal  ans Telefon – aber ein Sechser im Lotto kommt öfter. Kluge Menschen benutzen daher moderne Kommunikationsmittel: Messenger, WhatsApp oder von mir aus auch e-Mail. Vereinzelt versprengte Retro-Freunde schicken mir noch immer SMS und ich bin immer wieder überrascht, dass es so etwas noch gibt. Aber Vinyl-Platten, Faxgeräte und Flachspültoiletten mit Spülkästen unter der Decke gibt es ja auch noch. Nostalgiker haben ihre Daseinsberechtigung.kein schwein

Neben dem riesigen Vorteil, nicht mit anderen Menschen sprechen zu müssen, weiß ich bei elektronischen Textnachrichten sofort, was der andere von mir will und kann dann darauf reagieren  – oder eben nicht. Das kommt bei Nachrichten wie „Ruf mich mal eben an“ oder „Wann können wir telefonieren?“ meistens vor. Erstes wird ignoriert, letzteres würde ich mit „Am liebsten gar nicht!“ beantworten. Meine soziale Kompatibilität hat hier erhebliche Defizite.
Bei einem Anruf hat mich der Andere am Wickel und das will ich nicht. Ich könnte etwas gefragt werden, gegebenenfalls eine Entscheidung treffen oder zumindest eine Meinung zu irgendetwas äußern müssen. Es ist dabei nicht so, dass ich keine Meinung habe – aber das ist eben meine. Und wer die wissen will, der kann ja meine Tweets, Facebook-Posts oder Blogs lesen – so wie Sie gerade. Reicht das nicht? Muss er auch noch fragen?
Blogger Thomas Rosenhagen sieht das anders: „Trotz intensiver Nutzung sozialer Medien sind Telefonate mit lieben Menschen immer noch die deutlich effektivere und empathischere Form der Kommunikation“, schreibt er.
Aber er hat die Rechnung ohne Nerds, Emos, Hipster, Teenager und Handyfreaks gemacht… und ohne solche Misanthropen, Sozio- und Telefonphobiker und Kommunikationsverweigerer wie mich.
Schon als Kind hat meine Mama mir beigebracht „Sprich nicht mit Fremden.“ Also mache ich das auch nicht. Weil Muttis immer recht haben, man sie beim Wort nehmen darf und als folgsamer Bub eben das tut, was Mutti einem beibringt. Dass man nicht mit ihnen via WhatsApp, FB-Messenger, Twitter-DM, Threema oder SMS kommunizieren soll, davon hat sie nichts gesagt.

Ich frage Fremde nicht nach dem Weg, kaufe gerne gesprächslos im Internet, spiele lieber auf dem Handy was Digitales als am Tisch ein Brettspiel und betreibe nur Sportarten ohne Mannschaft, Trainer, Wettkämpfe und Verein. Auch das erspart viel Gerede… und so manches Telefonat.
Gute Freunde von mir können das vielleicht nicht nachvollziehen. Denn die rufe ich gelegentlich an und wir können stundenlang am Telefon miteinander reden. Da ist von meiner zunehmenden Telefonphobie gar nichts zu spüren. Aber meistens bin ich es, der anruft – und zwar genau dann, wenn ich die Zeit und die Stimmung zum Plaudern habe und plaudern will.
Das war’s dann aber auch. Don’t call me, I call you.
Pflichtanrufe sind nicht nur lästig, sie sind Stress pur und werden bis zum spätmöglichen Termin aufgeschoben – fast wie das Sortieren der Steuerunterlagen oder das Aufräumen des Gartenschuppens. Statt anzurufen schicke ich lieber schnell eine Textnachricht oder eine Mail. Und ärgere mich, wenn ich nicht bald eine Antwort bekomme.

Das Mimimi von Max Raabe kann ich überhaupt nicht verstehen: Kein Schwein ruft mich an / Keine Sau interessiert sich für mich / Solange ich hier wohn‘ / ist es fast wie Hohn / schweigt das Telefon.
Soll er doch froh sein.
Max, hast alles richtig gemacht!

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6 Antworten

  1. Dana sagt:

    Ja. Doch. Du sprichst mir aus dem Herzen.

  2. Marlene sagt:

    Witzig, mir geht es ganz genauso. Kann alles unterschrieben. Mich stresst es schon, wenn ich weiß, mich versucht jemand anzurufen und ich weiß nicht, worum es geht. Telefon hör ich eh nie und wenn dann zu spät. Wenn die Leute einfach eine Mail schicken würden, wüsste ich Bescheid, worum es geht und sie hätten schneller eine Antwort. Langsam empfinde ich es sogar als unhöflich, überhaupt von Fremden oder nur entfernt Bekannten angerufen zu werden. Leider scheint das bei manchen Menschen genau umgedreht zu sein ;-)

    Viele Grüße, Marlene

  3. Peter sagt:

    Erstaunlich, wie exakt Du hier auch mich bis ins letzte Detail beschrieben hast! Meine persönliche Höchststrafe ist – neben Anrufen – die schmierige Kontaktaufnahme durch gebräunte, gegelte und beanzugte Möbelverkäufer. Weshalb für mich nur der „Schwede“ für den Möbelkauf infrage kommt. Für den Rest gibts Amazon.

  4. Zeilentiger sagt:

    A bisserl ein schwieriger Charakter, aber da ist Bayern ja nicht das schlechteste Exil, das lässt sich gut als eine gesunde Portion Grant definieren.

    Sehr gelacht bei „den wenigen verstreuten Retro-Freunden“. Mir war gar nicht klar, wie retro ich bin.

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