Der Kampf um die Kränze- reloaded

Der Kampf um die Kränze ist für dieses Jahr entschieden. Zumindest gab es keine Toten, was angesichts der derzeitigen Weltlage fast schon ein zynischer Witz ist. Aber bekanntlich darf Satire alles. Und darum verkneife ich ihn mir nicht. Hat nicht Sigmar Gabriel erst vergangene Woche getwittert, nach Paris solle sich nichts ändern? Na also. Dann bleibt’s dabei, zynische Witze machen zu dürfen. Die Freiheit nehm ich mir.

Seit Jahr und Tag veranstaltet die hiesige kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) einen Adventsbasar. Mitunter geht es dort etwas rustikal zu, wenn es um die Durchsetzung der Interessen der Kunden geht, den schönsten Kranz zu ergattern. Dazu gab es hier einen satirischen Blogpost, den ich voller Sorge vor einigen Tagen bei einer öffentlichen Lesung im Nachbardorf vorgetragen habe. Seitdem lebe ich unter einer gewissen Anspannung.
Ich rechne immer mit dem Schlimmsten, damit ich hinter sagen kann: „…hab ich Euch doch gleich gesagt“ und anzuschließen, dass es sogar noch schlimmer kam. Also erwarte ich nach dieser öffentlichen Bloßstellung meiner lieben Dorfmitbewohner, dass wir entweder fortziehen müssen, oder sich die Männer des Dorfes blau und mit weißen Mützen vor unser Haus stellen (und damit meine ich nicht Schlümpfe) und brennende Kreuze aufstellen. Im Süden mag man die besserwisserischen, hochnäsig-(ein)gebildeten Hooverboys aus dem Norden nicht. Rednecks sind da eigen. Das bezieht sich jetzt zwar auf das Mississippi der 50er Jahre, aber ich sehe da gewisse Analogien. Aber nichts dergleichen ist hier passiert – zumindest noch nicht.kranzkampf1
Beim diesjährigen Basar geht es überaus gesittet, fast friedfertig zu. Zumindest, als wir ins Pfarrheim kommen. Keine Pfiffe, keine Buh-Rufe, keine faulen Eier gegen den Nestbeschmutzer, den Zugroasten: Unerkannt und ungehindert darf ich eintreten, mich umschauen und einkaufen. Niemand nimmt Notiz von mir – und das ist gut so.
Die beschauliche Stille hat einen guten Grund Es gibt fast nichts mehr. Denn wir sind zu spät. Um 13.30 Uhr hat der Basar seine Pforten geöffnet, doch da waren wir ungefähr 20 Kilometer vom Dorf und damit von der ungebremsten Flut (auch Wolfgang Schäuble kann sehr inspirierende Bilder liefern) der Käufer entfernt. Die nämlich donnert in den ersten fünf Minuten in den Basar, dann ebbt es ab. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei. Wenn keine Kränze mehr da sind, um was soll man sich schlagen?
Als wir um 14.00 Uhr – also eine halbe Stunde nach Öffnung – vor Ort sind, bietet sich nur noch das Bild eines verwüstetenwaisten Basars; was zugegebenerweise etwas übertrieben ist.
Völlig entspannt kaufen wir den vorletzten Kranz zum Selberdekorieren, der dann in der Adventszeit an unserer Haustür hängen wird. Seit mir vor Jahren die liebe Annemarie den schönsten Kranz vor der Nase weggeschnappt hat, weil ich ihr als Gentleman der alten Schule den Vortritt gelassen hatte, hat sich die Fachabteilung für Hausdekorationen unserer Familie entschieden, die Kränze selbst zu schmücken, statt mich loszuschicken, um mich darum zu prügeln. Das ist unser Beitrag im Bemühen um gute Nachbarschaft und Integrationswillen in die dörfliche Gemeinschaft.turkranz

Vielleicht hat die friedliche weil mittlerweile nahezu besucherlose Basargemütlichkeit auch einen ganz anderen Grund. Die kfd hat mit der Tradition gebrochen und den Basar vom Sonntag nach der Heiligen Messe auf den Samstag vorgezogen. Damit ist am Sonntag zunächst der ungetrübte Besuch der Heiligen Messe frei von jeder Hetze, sich sofort danach dem Kampf um die Kränze stellen zu müssen, möglich. Hernach kann man ganz stimmungsvoll und gemütlich den Totensonntag genießen oder eine der vielen Adventsausstellungen der Gärtnereien im Umkreis besuchen. Dort gibt’s dann zur Not auch noch Kränze; und zwar in großer Stückzahl, so dass es wohl zu keinem Handgemenge kommen wird.
Solche Traditionsbrüche stellen die wackeren Landmenschen vor riesige Herausforderungen. Dinge, die seit Anbeginn der Zivilisation so waren, kann man eben nicht von heute auf morgen ändern. Das wäre ja beinahe so, als würde nach der nächsten Landtagswahl in Bayern die SPD… lassen wir das. Das ist lächerlich.
Also hat vermutlich ein Teil der Bevölkerung die Terminänderung noch gar nicht realisert und steht heute vor verschlossener Tür und starrt verzweifelt auf das einzig übriggebliebene Häufchen zusammengekehrter Tannennadeln. Gut, dass die Gärtnereien geöffnet haben.

Oder soll ich mir einbilden, dass die Terminverschiebung Folge meines Blogpost vor drei Jahren ist? Hach, wäre das schön. Da sage noch einer, Bloggen habe keine Wirkung…
Hooverboy – hochnäsiger.

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1 Antwort

  1. 26. November 2015

    […] ins reale Leben geschickt hat, ist die Bäckertheke geplündert und ungefähr so leer wie ein Adventskranzverkaufsstand auf dem heimischen Basar. Was heißt: Brot und Brötchen gibts zwar reichlich, auch Brezen und allerlei Kuchen, aber […]

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