Jenga in der Abstellkammer

Kennen Sie das Geschicklichkeitsspiel Jenga?

Natürlich kennen Sie das. Aus 60 Klötzchen wird ein Turm aufgebaut. Anschließend entfernen die Mitspieler der Reihe nach eines der Klötzchen nach dem anderen aus dem Turm. Dieses wird dann wieder oben auf die Spitze gelegt. Der Turm wird dabei zunehmend instabiler, irgendwann gerät er ins Wanken und fällt um. Verloren hat der Spieler, bei dem das geschieht. Meist reicht am Ende eine ungeschickte Bewegung, eine nervöse Hand, ein falscher Atmer oder ein ganz sanfter Stoß am Tisch durch einen perfiden Gegenspieler. Nicht im Regelwerk festgehalten ist, dass der Verlierer der Runde unter Tischen und Stühlen herumkriechen und alle heruntergefallenen Klötzchen wieder einsammeln muss.

Eine Variante von Jenga spielen wir seit geraumer Zeit in unserer Abstellkammer. Neben der Heizung lagern wir Schuhe, Putzmittel, allerlei Zeugs und eben den beliebten und berüchtigten gelben Sack. Der steht in einer Plastiktonne, die den zauberhaften Namen Oscar trägt.

Oscar?

Die Älteren erinnern sich: Oscar ist ein Monster in der Sesamstraße, lebte in einer Mülltonne und gebärdete sich gelegentlich etwas ungebührlich. Oscar liebt Müll und ist ein übellauniger Griesgram. Seit 1978 ist Oscar in der deutschen Sesamstraße nicht mehr zu sehen, die Rahmenhandlung des deutschen Ablegers wird seit dieser Zeit in Hamburg produziert. Oscar, für viele Eltern ein Ärgernis und Grund heftiger Proteste, war eliminiert.

Nun, um zurück zum Thema zu kommen, steht eine solche mintgrüne Tonne der Firma Curver auch in unserer Kammer. Curver ist wie TupperWare emsig bemüht, für alles uns jedes in unserer mit Geraffel vollgeladenen Welt, Plastikaufbewahrungsbehältnisse zu entwickeln. Und das meinen die Ernst. Auf deren Website heißt es: Mögen Sie Aufräumen? Dinge aussortieren? Organisieren? Ist Ihr Motto “Ein Platz für Alles und Alles an seinem Platz”? Wir bei Curver wissen, dass das Organisieren Ihres Haushalts keine leichte Aufgabe ist! Um Ihnen zu helfen, haben wir eine breite Palette an Zubehör und Aufbewahrungslösungen entwickelt, die sowohl praktisch als auch dekorativ sind. Ein eigenes Unternehmens-Blog liefert Hilfestellung, Ideen und Tipps für ein perfekt organisiertes Zuhause.

So ganz klappt das aber bei uns nicht. Im Oscar-Eimer nämlich steht der Gelbe Sack. Alles, was dort hinein gehört, wird in die Kammer getragen und in dem Sack versenkt. Der aber ist 90cm hoch, die 90er zeitgeistig mintgrüne Tonne selbst aber kaum mehr als 60cm. Die Folge ist klar: Irgendwann ist so viel grün bepunkteter Müll im Gelben Sack, dass der Tonnenrand erreicht ist.

Das ist dann der Moment, in dem das Jenga Spiel beginnt. Noch eine Milchtüte, noch ein Joghurt-Becher, eine Shampoo-Flasche, eine leere Zahncremtube… Was, und vor allem wie viel kann man in den Gelben Sack hineinstapeln?

Der Turm wird immer höher und instabiler. Der gelbe Sack bietet als Außenhülle kaum Halt. Aber eine Haribotüte passt vielleicht noch. Und ein leeres Creme Fraiche Töpfchen?

Uff. Der Turm hat gewackelt. Jetzt die Tomatenmark-Tube. Die ist klein und leicht. Anders als die leere Waschmittelflasche, die zudem so viele Rundungen hat, dass sie prädestiniert ist, gleich abzustürzen.
Nein. Tut sie nicht, das ist ja noch mal gutgegangen. Der Turm wird immer höher und instabiler. Der gelbe Sack bietet als Außenhülle kaum Halt. Aber eine Haribotüte passt vielleicht noch. Und ein leeres Creme Fraiche Töpfchen? Den Müll beherzt zusammenzupressen ist keine Option, die scharfen Kanten der zusammengefalteten Milchtüten lassen den Gelben Sack im Nu einreißen und spätestens, wenn man ihn aus der Tonne zieht, entleert er sich nach unten. Lieber locker stapeln – so richtig wie bei Jenga eben.

Dann die leere Graniniflasche… („Wer hat das Zeug eigentlich gekauft? Also ich nicht!“) Sie rutscht kopfüber ab, jetzt wird es gefährlich. Glück gehabt, sie bleibt hängen. Noch ist nichts verloren. Schnell die Kammertür schließen und das Aufstapelproblem dem Nächsten hinterlassen. Gottseidank kommt die leere Weißblechdose zum Altglas und landet im Sammelcontainer…

Tags drauf ist wieder eine Milchtüte leer, dazu vielleicht eine weitere unsägliche Umverpackung, die zu vermeiden man stets bemüht ist, was allerdings meist eher ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Also weiter. Das Ganze nimmt langsam eine bedrohliche Instabilität an. Den Sack am oberen Ende zu lupfen und zu schütteln, dass alles zusammenrutscht, verschafft nur kurzfristig Erleichterung. Und den Müll einfach heimlich in die Restmülltonne zu versenken ist ein grober Regelverstoß. Also weiter. Die Kunststofffolie ums neu gekaufte Buch (was für ein Stuss…), der Plastiksack, in dem sich das Müsli befindet – easy. Fast ein Homerun. Keine Gefahr.
Dann aber: Die Flasche vom Klarspüler – das ist echt eine Herausforderung…

Das Spiel kann Tage dauern. Aber eines ist klar: Wer das Müllstück hineinlegt, bei dem der Gelbe Sack umkippt, der hat verloren. Und das gleich mehrfach. Denn der Verlierer muss nicht nur den Gelben Sack schließen und nach draußen bringen, der muss auch vorher in der Kammer den verstreuten Müll einsammeln. Und er muss die letzten Joghurt- oder Milchspritzer vom Boden wegwischen. Denn natürlich geht die Verteilung des Verpackungsmülls auf den ollen Fliesen in der Kammer nicht glimpflich ab. Das tut es nie!

Und wer will schon Milchspritzer in einem Raum, in dem sich die Heizung befindet und es immer muckelig warm ist?

Niemand. Also frisch gewischt!

Dann den neuen Sack in die Tonne, alles auf Null, die nächste Runde kann beginnen.

Wie heißt es bei Friedrich Schiller so schön?
„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

(Schiller, Friedrich von: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen. [2. Teil; 10. bis 16. Brief.] In: Schiller, Friedrich von (Hg.): Die Horen, 2. Stück. Tübingen, 1795. S. 45-124)

Spielen wir also Jenga.

Inspiriert von zahlreichen Tweets zum Thema „Müll Jenga“ auf Twitter.


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