Gesichter des Antifaschismus – eine Reihe auf meinem Twitter-Account

Dieser Beitrag ist zugleich Teil einer kleinen Serie über Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit beim Bloggen und im Social Media Bereich.

Heute ist der 9. April – heute vor 76 wurde Georg Elser im KZ Dachau in der Nähe des alten Krematoriums von SS-Oberscharführer Theodor Bongartz ermordet, seine Leiche unmittelbar darauf verbrannt.
Am selben Tag wurden im KZ Flossenbürg Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Karl Sack und andere Widerstandskämpfer sowie im KZ Sachsenhausen Hans von Dohnanyi ermordet. Sie bleiben unvergessen.

Mit Georg Elser fing alles an. Und mit Zorn; heiligem Zorn.

Seit längerem gefällt sich der rechte Rand unserer Gesellschaft Antifaschismus als Schimpfwort, als Beleidigung, als Stempel für alles, was links von ihnen ist, zu benutzen. Wortführer sitzen dabei beileibe nicht nur in der faschistoiden AfD. Auch die Werte Union der CDU stößt in das gleiche Horn, die Springerpresse von Poschardt bis Reichelt macht sich bereitwillig zu ihrem medialen Sprachrohr. Doch damit nicht genug. Sogar Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und andere FDP-ler samt ihrer immer pöbel- und flegelhafter in den sozialen Medien auftretenden Jungen Liberalen, die sich dort in ihren Konfirmationsanzügen rotzlöffelartig aufführen, gefallen sich darin, den Antifaschismus als Handlanger des Linksterrorismus zu stilisieren. So, als wäre Antifaschismus mit Teilen der Linksradikalen und ihren zur Gewalt bereiten Auswüchsen ein und das selbe.
Sie sind es nicht!

Da kann der rechte Rand unserer Gesellschaft und das reaktionär gefärbte Lager noch so schwadronieren und sich entsprechender Narrative bedienen. Das ist so gelogen wie schamlos. Es ist vorsätzliche Geschichtsverfälschung und damit bildungs- und intelligenzbeleidigend. So etwas macht mich wütend.

Deshalb habe ich im Januar 2020 auf Twitter einen Thread begonnen, der noch immer Woche um Woche wächst und einordnet, was und vor allem wer sich hinter Antifaschismus verbirgt. Der Erste war Georg Elser, ein Mensch, der nach wie vor viel zu wenig Beachtung findet. Und dessen Geburtstag im Januar gefeiert wird. Darum fing mit ihm alles an. Auf Elser folgte Willy Brandt, auf Brandt Erika Mann und so ging es weiter. Bis heute. Und darüber hinaus.

Zum Durchscrollen dieses Threads klicken Sie bitte den allerersten Tweet (die Reihe ist auch ohne eigenen Twitteraccount einsehbar).

Ich bin sicher, Sie werden dort auf viele Ihnen bekannte Namen und Gesichter stoßen. Und sicher entdecken Sie Namen und Personen, von denen Sie noch nie im Leben gehört haben.

Es „versammeln“ sich dort bedeutende Antifaschisten, Politiker, Künstler, Widerstandskämpfer, Nobelpreisträger, Überlebende des Holocausts aber auch ganz einfache Menschen. Viele haben für ihre Haltung mit dem Leben bezahlt. So zum Beispiel die Partisaninnen und Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg, bei denen ich mich auch nicht scheue, Fotos kurz vor ihrer Hinrichtung zu zeigen. Diese Frauen und Männer wurden von Faschisten ermordet, als sie ihr Land gegen den Einfall der deutschen Wehrmacht verteidigt haben. Gelegentlich stoße ich auf solche Bilder und nehme sie in dieser kleinen Reihe auf. Denn sie gehören in unser aller Gedächtnis: Nicht, um uns irgendeine Schuld zuzuweisen sondern um Verantwortung zu übernehmen, das so etwas nicht noch einmal von deutschem Boden ausgeht. Das ist etwas grundsätzlich Anderes. Und genau das ist Antifaschismus.

Antifaschismus lebt auch heute, ist wichtiger denn je, deshalb habe ich auch immer wieder zeitgenössische Künstler, Literaten, Medienvertreter, Musiker und Schauspieler in der Reihe – selbst Fußballer. Sie alle haben sich ganz klar gegen rechts positioniert und verdienen meines Erachtens das Ehrenzeichen „Antifaschist“.
Antifaschismus manifestiert sich aber auch in Liedern von BAP bis Kraftwerk, in Filmen von Chaplin bis ins Popcorn-Kino hinein (z.B. bei Indiana Jones) und Comics: Ob Superman oder Captain America, die Superhelden und Kämpfer für das Gute haben auch, sofern schon lange genug im Markt, gegen Nazis und Faschismus ihren Kampf ausgefochten. Comics haben sich immer schon geeignet, auf eine sehr plakative und doch subtile Weise, Werte zu vermitteln und schnell breite Bevölkerungsmassen zu erreichen. Ähnlich wie heute der Film.
Das Gute bekämpft das Böse, das Böse trägt eine Hakenkreuzbinde am Arm. Und es ist klar, wer am Ende gewinnt. So einfach. Das kapiert jedes Kind .

So, wie wir dem grölenden, rechten Parolen skandierenden Mob nicht die Straße überlassen und damit nicht der Öffentlichkeit das Bild suggerieren, es gäbe nur die da, die den Ton angeben, sollten wir das auch in den sozialen Medien nicht tun. Twitter wird sehr aufmerksam verfolgt (und genutzt) von der deutschen Medienlandschaft, auch, um Stimmungsbilder, Diskussionen innerhalb der Gesellschaft auszuloten und Themen aufzugreifen. Es wäre törricht, den rechten Rand dort allein krakeelen zu lassen und nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil: #Wirsindmehr!

Zwar war ich mir von Anfang an sicher, die Reihe ein Jahr mit antifaschistischen „Kronzeugen“ füllen zu können, aber ich habe mich ganz bewusst treiben und inspirieren lassen. So bin ich selbst immer wieder auf Menschen gestoßen, von denen ich noch nie gehört hatte: Wer war Hilde Ephraim? Wer Herbert Budzilawski? Wer Harald Pickert? Wer Maurice Bavaud oder Stjepan Filipović?
Das sind Namen, die Sie möglicherweise nie gehört haben. Mir waren sie bis zu diesem Projekt völlig fremd. Es lohnt, sich ihrer zu erinnern.
Die Liste derer, die ich in diesem Projekt noch erwähnen möchte, wächst zur Zeit schneller als ich sie im Wochenrhythmus leeren kann. Selten war sie kürzer als 40 weitere Namen von Personen, Liedern, Filmen, Bildern…

Das ist ein Garant, dass es die Reihe noch länger geben wird und zugleich auch ein Trost, dass auch heute viele lebende Künstler, Literaten, Politiker, Schauspieler, Musiker, Sportler dem Antifaschismus Gesicht und Stimme geben. Man muss nicht mal nach Namen suchen. Wer ein wenig wachsam ist, stößt von Ganz alleine auf ihre Namen.

Die Gesichter des Antifaschismus erinnern an Menschen, die unseren Respekt für ihren Mut, ihre Gradlinigkeit und ihre Haltung verdienen. Vor allem aber ihren Anstand, an dem es so viele Hetzer in den sozialen Medien heute vermissen lassen.

In welcher Tradition stehen die, die sich heute Antifaschisten nennen? In einer Tradition von Menschen, denen wir Denkmäler errichten, Gedenktafeln an Hausfassaden aufhängen, Menschen nach denen wir Straßen, Plätze, Schulen benennen: Carl von Ossietzky, Bertolt Brecht, Fritz Bauer, Willy Brandt, Marlene Dietrich, Herbert Wehner, Oskar Maria Graf, Hannah Arendt, Clemens von Galen, Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl – und eben Georg Elser.
Mit ihm fing dieses Projekt an, er war der Erste, den ich in dieser Reihe erwähnte.
Und die ist auch nach knapp 70 Tweets lange, lange nicht zu Ende.

Antifaschismus war und ist relevant.

Wenn Ulf Poschardt nach den unfassbaren Vorkommnissen in Washington im Januar 2021, der Erstürmung des Kapitols durch vornehmlich rechte Nationalisten unter anderem mit „Camp Auschwitz“-Hoodie und den weltweiten Reaktionen darauf in der Welt (keine Verlinkung in die Springer-Presse) eine Debatte über Antifaschismus anstößt und wie relevant das überhaupt noch sei, dann weiß ich um die Notwendigkeit einer solchen Serie, Antifaschismus historisch und gesellschaftlich einzuordnen. Und wenn die rechtsreaktionäre Werte Union innerhalb der CDU meint, den „Geschichtsvergessenen“, in Erinnerung rufen zu müssen, wer heute den Begriff Antifaschismus verwende, spiele dem Linksextremismus in die Hände, frage ich mich, was Pater Rupert Mayer, Dietrich Bonhoeffer, Marcel Marceau, Sophie Scholl oder Martin Niemoeller mit Linksterrorismus zu tun haben. So viel bzw. wenig wahrscheinlich wie die Werte Union innerhalb der CDU mit den von ihr immer wieder vorgetragenen christlichen Werten.

So lange es Menschen gibt, die die Jahre 1933 bis 1945 als Fliegenschiss bezeichnen, so lange es Menschen gibt, die Gedenktafeln und -steine schänden, im Winter über den Gräbern von Buchenwald rodeln, den Holocaust leugnen, faschistische Politiker vom Mahnmal der Schande reden, Camp-Auschwitz-Hoodies verkauft und getragen werden, werde ich zu diesem Thema nicht schweigen.
Versprochen.

Bilder: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, DC Comics, Paramount Pictures

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1 Antwort

  1. Joerg sagt:

    Vielen Dank sowohl für diese deutlichen und sehr wahren Worte als auch für die Twitter Serie. Ja, #wirsindmehr, wir sind zu still, und das muss sich ändern. Antifaschismus ist unser Auftrag, unsere Verantwortung. Und wahrer Antifaschismus ist kein Linksextremismus, sondern das Versprechen „Nie wieder“

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