Wir werden alle sterben – German Angst geht um

Gelegentlich zieht Gevatter Tod in diesem Blog vorbei und klappert mit dem Gebein. Das kommt nicht von ungefähr, das ist Absicht. Auch jetzt wieder, denn dieser Beitrag ist Teil der Blogparade Wo spaziert der Tod durch euer Bild?, die von Annegrets und Petras Totenhemd-Blog veranstaltet wird.
Bereits im vergangenen Herbst trieb mich eine Teilnahme an einer Blogparade der beiden auf den heimischen Friedhof . Der Tod, der nun mal unabänderlich zum Leben dazu gehört, hat auch in anderen Beiträgen in meinem Blog seinen Raum, so zum Beispiel auch der Beitrag „Wie gehen, wenn man gehen muss„.
Es fällt mir nicht schwer, über dieses Thema zu sprechen oder zu schreiben – normalerweise. Für diesen Blogeintrag allerdings winde ich mich lange zwischen Ideenlosigkeit und Überschwang, zwischen Unzufriedenheit mit meinen ersten Gedanken und intensiven Erörterungen vor allem in sozialen Medien, die einem Themen gerade schier aufdrängen. Stichworte sind Corona, Hanau, Sterbehilfe…

Vielleicht wird es Zeit, ein paar Gedanken dazu zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen, selbst wenn die Reichweite meines Blogs kaum geeignet ist, eine nennenswerte Wirkung zu entfalten.

German Angst geht um – und sie wird trefflich genährt. Es geht ums baldige Sterben. Drunter tun wir es ja nicht mehr.
Medien, Hysteriker, Kommentatoren in den sozialen Medien… sie alle tragen dazu bei, dass aus Mücken immer größere Elefanten werden, die Verhältnismäßigkeit nicht mehr nur nicht gewahrt bleibt, sondern vollkommen verloren gegangen ist. Aus allem wird das größtmögliche, prophezeibare Drama stilisiert. Ein Beispiel:

German Angst vor Orkanen

Ein normaler Orkan langt heute nicht mehr. Alles muss Mega sein, alles bedrohlich, möglichst lebensgefährlich. Damit wir sagen können:

Wir werden alle sterben.

Seit im Februar Sabine über unser Land zog und ihr weitere Sturmtiefs gefolgt sind, wird jede Warnung des Deutschen Wetterdiensts zur Ankunft der vier apokalyptischen Reiter aufgeblasen: Mega-Orkane, Monster-Stürme, Schneewalzen – was hat nicht alles unser Land überrollt, will man den immer boulevardesker werdenden Medien und Wetter-Apps glauben. Fällt das Thermometer um 2 Grad unter Null, werden wir vermutlich wieder das Gefasel von der Russenpeitsche zu lesen bekommen. Wann endlich wird endlich ein Sharknado angekündigt?
Erbarmungsloses Klickbaiting verleitet zu immer absurder überzogenen Dramatisierungen der Medien, mit German Angst lässt sich ein gutes Geschäft machen. Am Ende war alles immer nur halb so dramatisch.

Wir werden alle sterben.

Welch morbide Sehnsucht, welche Lust am Untergang treibt die Menschen um, dass sie sich von diesen Meldungen so gefangen nehmen lassen!

Das gilt in anderer Form auch für das Corona-Virus, das in seiner realen Bedrohung einzuordnen kaum jemand fähig oder willens ist. Beschwichtigungen auf der einen Seite, Hamsterkäufe (ich kann keine Witze über Hamsterkäufe mehr hören oder lesen, es ist einfach zu dumm) auf der anderen. Panikmache, Aktionismus, Horror-Schlagzeilen…

Sagte ich es schon? Wir werden alle sterben.

Hysterische Reaktionen auf Husten oder Niesen in der Öffentlichkeit, rassistisches, widerwärtiges Bedrängen von Menschen asiatischer Herkunft, Einkaufsexzesse in den Supermärkten,… es wird immer bizarrer. Sicher: Verharmlosen oder ignorieren ist auch keine Lösung – aber so lange das Corona-Virus weit unter der Gefährdung durch Influenza, multiresistente Keime, Lungenentzündung oder abbiegende LKW in den Innenstädten liegt, darf man sich doch getrost fragen, ob die gefühlte Bedrohung nicht deutlich höher ist als die tatsächliche – und deutlich niedriger als das Alltagsleben insgesamt.

Wie gesagt: Wir werden alle sterben.
So wie wir alle dereinst an BSE (Rinderwahn) und H1-N1 (Schweinepest) erkrankten, an SARS und EHEC und letztlich alle starben. Das ist nicht witzig gemeint, höchstens zynisch – und nein: Es soll nicht die Erkrankten und Toten verhöhnen, nicht das Leid der Angehörigen schmälern.

Was German Angst für Folgen hat, wurde mir vergangene Woche mehrfach im ganz Kleinen deutlich: Der Weg führte mich nach der Arbeit ins Schwimmbad. Wieder einmal gab es eine apokalypse-reife Sturmwarnung (Bianca im Anzug), dazu Schneefall, die Straßen könnten glatt werden, hieß es in den Nachrichten. Das reicht, dass sich kaum mehr einer aus dem Bau heraus traut.
Es gab Zeiten, da war das ganz normal und niemand hat deshalb sein Alltagsverhalten signifikant geändert. Und heute?

Während draußen nasse Schneeflocken vom Himmel herunterfielen und kaum, dass sie den Boden berührten, wegtauten, war es in der Halle leer – fast schon zu leer.

German Angst sorgt für leere Hallenbäder

So entvölkert kenne ich das Schwimmbad nicht mal, wenn der FC Bayern (fast jeder hier ist Fan) im Champions-League Halbfinale steht (beim Finale ist das Hallenbad bereits in der Sommerpause). Oder wenn der Schwimmmeister seine Durchsage macht, dass gleich Feierabend ist. Aber es war ja nicht mal 19.00 Uhr.
Ich fragte den Schwimmmeister, was da los sei: „Wo sind die denn alle? Normalerweise sind um diese Uhrzeit 6 bis 8 Leute auf der Sportbahn. Heute nur einer.“
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht haben die ja alle Angst vor Corona!“ antwortete er mit einem gequälten Lächeln, das signalisierte, wie vollkommen absurd auch er das fand.
„Ja mag sein. Mir soll’s recht sein! Ich mag es, wenn es leer ist.“‚
Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen. Hatte ich nicht gerade erst in einer Facebook-Gruppe die Frage gelesen: „Corona Virus. Geht ihr trotzdem schwimmen?“
Zwar waren einhellig die Antworten „Ja!“, aber ich denke, diese Frage stellt sich trotzdem so mancher und igelt sich ein. Tags drauf das gleiche Bild: Kaum wer da.
Und beim Asia-Imbiss, den ich gelegentlich mittags aufsuche, war es auch nicht anders. Gähnende Leere, wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch.

Aber nicht mit mir Freunde, nicht mit mir. Ja, wir werden alle sterben. Ganz sicher werden wir das.

„Aber so schnell stirbt man nicht“ pflegte meine Großmutter früher zu jeder passenden und manchmal unpassenden Gelegenheit zu sagen. Das klingt mir jetzt immer wieder im Ohr. Sie hatte für sich genommen recht, sie wurde fast 90 Jahre alt. Ganz falsch ist diese Lebenseinstellung nicht. Also gehe ich weiterhin schwimmen.

Ich werfe meinen Leib ins Becken, schwimme, atme falsch, schlucke Wasser – ups. Werde ich jetzt doch sterben?
Unfug.
Als sich eine halbe Stunde später zwei Schwimmer auf die Bahn gesellten, die jeden Donnerstag kommen und richtig Gas geben, war ich richtig froh. Normalerweise ist es nicht so prickelnd, wenn zwei weitere Vollgassportler die Bahn aufmischen. Aber an diesem Tag freute ich mich über jeden, der sich noch normal benimmt und nicht in Hysterie und Panik verfällt.

Wir werden alle sterben. Sicher. Das werden wir.
Aber ich wage zu behaupten: Die wenigsten von uns durch einen der Stürme, die medial zu Monster Orkan mutieren oder durch das Cornona Virus. Wie heißt es doch so schön in einem Song über einen, der sich mit dem Sterben wirklich gut auskennt und der alles andere spürte als German Angst?

When there are clouds in the skies and they are grey
You may be sad but remember they’ll all soon pass away
Oh, Django, after the showers
The sun will be shining
(Lyrics: Franco Migliacci)

Und wenn wir doch alle sterben – trotz Sonnenschein?
Dann werde ich meiner Großmutter auf ihre vielfach wiederholte Phrase pampig antworten: „Doch. So schnell stirbt man!“
Danach kann sie mir dann wieder Geschichten von diesem Früher und von ihrer verlorenen Heimat erzählen.
Ach – noch etwas: Ich möchte einen sau“blöden“ Spruch auf dem Grabstein stehen haben – obwohl ich nicht weiß, wer sich darum kümmern wird, wenn wir wirklich alle sterben. Ein Spruch ungefähr wie dieser, auf den ich vor zwei Wochen aufmerksam gemacht wurde, nachdem wir von einer Urnenbeisetzung zum Auto zurückliefen.

Da hat es jemand verstanden. Chapeau!
Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?
Und jetzt gehe ich wieder schwimmen. Gestorben wird dann später irgendwann.
So viel jedenfalls ist sicher.

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5 Antworten

  1. Wow, das ist ja mal ein Text! Der CEO meiner Firma hat heute eine Rundmail zu Corona rausgegeben und uns ganz offiziell Witz über diesen Virus und seine Begleitumstände untersagt (denn es könnte Betroffene geben). Die Welt steht Kopf – nicht nur in good old Germany…

  2. Anna-Lena sagt:

    Ein Beitrag ganz nach meinem Geschmack!
    Auf das Leben, so lange es uns noch wohlgesonnen ist.

  3. Petra sagt:

    Hallo Lutz, guten Morgen, wunderbar. Schwimmen im Winter im Hallenbad. Du hast es sichtlich genossen.
    Wir freuen uns, dass Du wieder dabei bist bei unserer Blog-Aktion. Herzlichen Dank für deinen Beitrag über die German Angst.
    Ja, wir werden alle sterben. Und wie deine Oma sagte: „Aber so schnell stirbt man nicht“ .
    Der Spruch auf dem Grabstein ist klasse, gell?
    Wenn du noch nicht weißt, wer sich um deinen Grabstein kümmert … dann wird es aber Zeit, dass Du das mal in Angriff nimmst. Wen wirst du fragen? ;-)

    Schönen Tag. Herzlicher Gruß. Petra

    • zwetschgenmann sagt:

      Ich werde mich ganz sicher nicht um die Frage meiner Grablegung kümmern, das war eher ironisch gemeint. Ich werde es den Nachgeborenen überlassen, zu entscheiden, welche Bestattungsform sie für mich wählen, ganz so, wie ihnen selbst das später angenehm ist. Mir ist alles recht.

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