Definiere Deutschland: Eklat im Naherholungsgebiet

Oft und gern schreibt die Münchner Bloggerin Kraulquappe übers Schwimmen, schon der Name ihres Blogs verrät, dass sie eine Leidenschaft, über die ich normalerweise im Wasserfrosch-Blog schreibe, mit mir teilt. In ihrem Beitrag Hundstage erzählt sie einmal mehr von einer anderen Leidenschaft: Ihrem goldigen Zamperl Pippa.
Nun bin ich nicht so sehr von Hunden fasziniert wie sie, mein Verhältnis zum besten Freund des Menschen würde ich als angstfrei, kühl, distanziert bezeichnen, was nicht bedeutet, dass ich mit Hunden und ihren Haltern ein Problem habe, so lange weder die einen noch die anderen nicht mit mir spielen wollen. Ich will nämlich nicht spielen.
Wenn ich etwas nicht mag, dann sind das Begegnungen mit Hunden im Wasser, egal, ob kläffende Grundstücks-/Revierverteidiger am Wörthsee  nebst ihren neurotischen Besitzern noch Entenjäger im Zustorfer Weiher, die mich mit dem Federvieh verwechselt haben. So lange sich die Hunde aber nur um sich selbst und nicht um mich kümmern, ist alles gut. Kein Grund, wegen eines Hundes einen Volksaufstand zu initiieren.

Zeuge eines solchen war ich in der vergangenen Woche am Heimstettener See, östlich von München. heimstettener2Den See, eine vormalige Kiesgrube im Osten von München, zeichnet alles aus, was sich für ein Naherholungsgebiet gehört: Er ist umsäumt von einem Spazier-/Radl-/Walking-/Joggingweg, der auch als solcher genutzt wird. Ein Biergarten lädt zum Verweilen ein. Am Kioskfenster wird das obligatorische Steckerleis oder die Schale Pommes verkauft.
Es gibt reichlich Liegewiesen, Sitzbänke, Mülleimer, Spielplatzfläche. Alles ist trotz der Massen, die sich dort im Sommer die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, ganz wunderbar aufgeräumt – so ganz anders als an den von wilden Horden „okkupierten“ Stränden diverser nichtoffizieller Badeseen und -weiher oder den vermüllten Kiesbänken an der Isar.
Als marschierte nachts eine Horde Heinzelmännchen über die Wiesen liegt einfach nichts herum, was da nicht hingehört – will sagen: Handtücher, Decken, Taschen, Garderobe, Leiber ja; Kippen, Leergut, Taschentücher, Chipstüten: Nein.
So soll es sein, der Deutsche legt Wert auf die Ordnung. Nirgendwo geht es deutscher zu als in einem Naherholungsgebiet zwischen Minigolf und steinernen Tischtennisplatten, ordentlich kurz geschnittenem Rasen, geharkten Kieswegen, Bildzeitungslesern auf Karodecken und Tupperdosen-Picknick-Muttis, die ihrem Nachwuchs Karottenspalten reichen.
Um das Ganze in richtige Bahnen zu lenken, gibt es große Tafeln mit der obligatorischen Benutzerordnung und Regeln, was man zu tun, und vor allem, was man zu lassen hat. Denn der Großteil dieser Regeln besteht aus Verboten. Aber ohne selbige wäre der Anarchie Tür und Tor geöffnet, etwas, vor dem der Deutsche noch mehr Angst hat als vor jedweder Reglementierung durch die Obrigkeit. Würde jeder machen, was er wollte, am Ende wäre alles heruntergekommen. Und das geht ja gar nicht.
Der Deutsche will und wird sich seine Idylle im Naherholungsgebiet nicht nehmen lassen. Zu lange und zu hart hat er dafür gekämpft, dass alles schön ist.
Ein junges Paar also hat es nicht ge- oder hat es überlesen, dass man in der Zeit von Mai bis September an den See keine Tiere mitbringen darf. Ihr Hund erregt einigermaßen Aufsehen und Widerwillen. Schlagartig weckt der Regelverstoß das typisch Deutsche in den anderen Nutzern der Liegewiese.
Empörung macht sich bei einigen Menschen breit. Worte wie „Unerhört“ und „Die können wohl nicht lesen“ wehen laut über die Wiese. Andere zitieren das Regelwerk, dass Hunde hier verboten sind. Kleingartenmentalität und -erregung machen sich breit.
„Es gibt Leute, die wissen einfach nicht, was sich gehört. Die scheren sich um gar nichts. Typisch!“ geifert irgendwer. Es geht nicht um den Hund, es geht ums Prinzip.heimstettener
Nicht lange dauert es, bis das Geschwader der selbsternannten Ordnungshüter über die jungen Leute herfällt. Da das Pärchen auf das Gezische und Gemurmel nicht reagiert hat, meinen, einige dickbeleibte, runzlig-braune ältere Dauergäste sich erheben zu müsse und ein Machtwort zu sprechenn. Sie machen dem jungen Mann, der gerade seine Decke ausbreitet, klar, was hier keinesfalls gestattet ist: Der Hund.
Das Ganze passiert laut und kasernenhofartig, damit alle anderen drum herumliegenden Gäste zustimmend nicken, wenn nicht gar klatschen.
„Ist ja gut“, antwortet der Mann. „Das nächste Mal bringe ich ihn ja nicht mehr mit.“
Sein Beruhigungsversuch scheitert kläglich.
„Wenn das jeder macht… unverschämt! Den interessiert das doch gar nicht“ ist die erste Reaktion eines Rufers aus der Menge. Sie soll den besorgt-bedrohten Badebürger anfeuern. mit dem Hundehalter noch mehr ins Gericht zu gehen.
Von dem Vorstoß des Älteren mutig geworden, kommt eine Familienmutter hinzu, die sich bisher nur allein auf ihrem Handtuch echauffiert hat und faucht den Mann an, der Hund sei eine Bedrohung für die spielenden Kinder. Der müsse sofort verschwinden.
„Sofort!“ kreischt sie.
Ein anderer führt die armen bedrohten Enten und Blässhühner an, die zwischen den Badegästen umher laufen und um Brot, Pommes und Chips betteln.
„Stellen Sie sich doch mal vor, der Hund schnappt nach so einem armen Vogel“, doziert er. Dabei vergisst er dass die Ernährung  mit Speiseresten, die sie von den Besuchern erhalten, eine viel größere Gefahr für die Gesundheit der Wasservögel darstellt als ein stoisch dreinblickender Hund.
Lediglich die ohrverstöpselnden, sich sonnenden Teenager interessieren sich rein gar nicht für das ganze Szenario in unmittelbarer Nähe. Und auch der türkische Familienclan lässt es an Integration vermissen. Statt gebührend in die Diskussion einzugreifen und zu wettern, beschäftigen sie sich ausschließlich mit sich selbst und ihren Angelegenheiten. Wie wohltuend.
Doch was jetzt passiert, schlägt dem Fass den Boden aus.
Der Hund – friedlich, hechelnd und ungläubig starrend, was da gerade für ein Gezeter gemacht wird – geht einfach ein paar Schritte weiter und scheißt buchstäblich auf das Ganze – nämlich auf die Liegewiese.
Jetzt ist Polen offen. Während der Hundehalter in stoischer Ruhe mit einem Plastikbeutelchen die Hinterlassenschaften einsammelt muss er sich von der mittlerweile hyperventilierenden Mutti Schimpfkanonaden anhören.
„Widerlich, unverschämt, wenn da jetzt jemand reingetreten wäre…“ prasselt es auf ihn nieder. „Oder der Kleine hätte das angefasst und danach die Finger in den Mund… ich will gar nicht daran denken!“ Ihre Stimme bricht.
Auch auf die junge Frau, die unsicher, ob sie überhaupt bleiben wollen, begonnen hat, das Mitgebrachte aus der Tasche zu holen, prasselt der Volkszorn nieder. Und niemand steht ihr bei. Bis der Hund, ihr Freund und Beschützer, plötzlich scharf bellt und die Zähne fletscht.
„Sehen Sie, sehen Sie“, kreischt einer. „Der Hund bedroht uns. Fehlt nur noch, dass der gleich beißt. Verschwinden Sie endlich mit ihrem Drecksköter. Sie wissen doch, dass das hier verboten ist…“
„Und ihren Hundekot, den werfen sie mal ja nicht hier in die Mülltonnen. Den nehmen sie mal schön mit,“ keift die Nächste. Warum? Ich weiß es nicht.

Derweil bauen drei osteuropäische Männer, die sich ein Stück weiter niedergelassen haben, unter lebhafter Unterhaltung mit viel Gelächter einen kleinen Grill auf. Sie werden wohl die nächsten sein, die sich die Masse vornehmen wird.
Denn grillen ist natürlich auch verboten. Wo kommen wir denn dahin, wenn hier jeder…

Trotz der 35° Außentemperatur kann es in diesem Land ganz schön kalt sein.

 

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7 Antworten

  1. Peter sagt:

    Sehr gut kann man die deutsche Seele auch als Anwohner einer Einbahnstrasse studieren. Wer- zumeist ja versehentlich – in falscher Fahrtrichtung unterwegs ist, wird erbarmungslos alle paar Meter in bestem Kasernenhofton angeherrscht. Ein-Bahn-Straaaaassseeee!!!!! Ein Wort wie Donnerhall. Und die Mimik der kleinen schreienden Führerverschnitte am Strassenrand deutet darauf hin, dass es sich keinesfalls um einen freundlichen Hinweis handelt, sondern sich hier tiefste Empörung über diesen unglaublichen Regelverstoß Luft macht.

  2. Kraulquappe sagt:

    Hallo Lutz,
    vielen lieben Dank fürs Verlinken und Lanzebrechen für die Vierbeiner, die dir nicht mal ein besonderes Anliegen sind. Dein Beitrag ist klasse und schildert die Situation „Mit Hund am See“ vortrefflich.
    Ja, so läuft das leider ab… – deshalb recherchiere ich schon vor dem Ausflug zum See haarklein, ob mich da wieder solche Anfeindungen erwarten. Das macht wirklich keine Freude, selbst wenn du einen noch so gut erzogenen und angeleinten Hund dabei hast.
    Und aus diesen Gründen landete ich letzten Sonntag am Mallertshofer Weiher bei Eching, dem einzigen See, an dem Hunde nicht verboten sind – stattdessen aber gleich so reichlich vorhanden, dass du nicht mehr wirklich Lust hast, selbst in den Tümpel zu steigen (der ohnehin aufgrund seiner Größe nicht zum richtigen Schwimmen animiert).
    Wünsche dir ein schönes Wochenende mit erfreulicheren, wärmeren Beobachtungen!
    Die Kraulquappe.

  3. Asmaa sagt:

    Wer keine Probleme hat, der sucht sich welche.
    Meine Hochachtung für die Geduld, diese Szene derart lang zu verfolgen. Ich hätte schon lange die Flucht ergriffen

    • Lutz Prauser sagt:

      In der Summe hat das Ganze nicht mal 10 Minuten gedauert – etwa die Zeit, die ich brauchte, um mich nach dem Schwimmen abzutrocknen, aufzuwärmen und meine Sachen zu zusammenzupacken… und zu gehen mit dem festen Vorsatz, solche Naherholungsbadestrände fortan zu meiden, sofern möglich.

  4. .Genau auf den Punkt getroffen. Deshalb fühle ich mich in Dänemark auch so wohl.

  1. 1. September 2016

    […] Zum Originalbeitrag ….. außer vll, dass es noch was Deutscheres gibt, wie den reglementierten Badesee. Das wäre dann nämlich der Campingplatz ? ? ? […]

  2. 1. September 2016

    […] Zum Originalbeitrag […]

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