Flashback – Ferien in der Zeitschleife

Natürlich kann man seinen Sommerurlaub im Süden verbringen, ein anderes Land, andere Leute und andere Gebräuche kennenlernen.
Warum aber nicht einfach mal einen Urlaub oder zumindest einen freien Tag in eine andere Zeit reisen?
Sie meinen, das geht nicht?
Doch.
Suchen Sie sich einfach ein Strandbad an einem Badesee, der ein wenig abseits der touristischen Urlauberströme liegt und verbringen Sie eine Stunde auf der Terasse des Kiosks. Sie werden erstaunt sein, wie schnell sie zurück in den 80ern sind.80t-01
Ich weiß, wovon ich rede. Denn ich kenne die 80er und ich war vor Kurzem zum Schwimmen im oberbayerischen Klostersee bei Seeon.
Schon eine knappe Stunde warten auf den Schwimmfreund reicht aus, um sich zu vergewissern, dass hier die Menschen zwar physisch altern, aber die Zeit sich trotzdem bis zum beinahen Stillstand verlangsamt.
Wären nicht die jüngeren Besucher am Seeoner Klostersee, die Zeugnis lebendiger Gegenwart sind, man könnte es kaum glauben, dass sich hier seit Jahrzehnten etwas verändert hätte. Willkommen in der Zeitschleife.
Weiße Monoblockstühle, die damals (Sie erinnern sich?) schwer in Mode kamen, stehen um Gartentische, die liebevoll mit rosa- und blauen, abwaschbaren Wachstüchern abgedeckt sind. Über den Köpfen schwebt eine Girlande aus bunten Glühbirnen, eine Sitzecke ist mit einem durchsichtigen Duschvorhang vor Wind und Regen geschützt. Überhaupt ist vieles hier noch do-it-yourself – eine Kreidetrafel, die täglich liebevoll wenn auch wenig schön geschrieben, beschriftet ist, weist die aktuelle Wassertemperatur aus. Zeitschleife

Im Schatten direkt an der Kioskwand tagt der Seeoner Stammtisch. Das tut er offensichtlich seit einem halben Jahrhundert, denn den Damen und Herren in leichter Badekleidung  sieht man ihre jahrezehntelange Erfahrung im Dauerbräunen an. Dunkelbraun hängt die ledrige Haut spannungslos an ihnen herunter. Alter und Sonne liefern hier ein perfektes Teamwork.
Sonnenschutz, UV-Belastung, Hautkrebs hat noch nie jemanden interessiert. Das gibt es nicht, und wenn, dann betrifft das höchstens die da unten in Australien.
Jeder kennt hier fast jeden, man grüßt sich, geht plaudernd von Tisch zu Tisch und erzählt sich etwas zu laut die aktuellsten Neuigkeiten.
Voller Genuss tauche ich und lausche ich mich immer tiefer in diese scheinbar vergangene Zeit hinein. Ich genieße meine Apfelschorle und freue mich über all das, was es zu sehen und zu hören gibt. Es ist so wunderbar retro.
Eine Frau erzählt einem Bekannten, der sich gerade ein Bier geholt hat, dass sie wieder Oma wird. Sie zückt das Smartphone, zeigt der anderen ein Ultraschallfoto des Familiennachwuchses. (Achtung Ausstattung: Fehler im Detail, Smartphones gab es in den 80ern nicht!)
Ihre Tochter ist in der 12. Woche, wohnt in Passau, hat schon zwei Jungs, „da warat jetz a Dirndl dro! Zeit werds.“
Dann merkt sie an, sie ginge sich jetzt noch ein wenig sonnen, bevor sie heim fährt und ihrem Mann das Abendessen bereitet.
„I woar scho, und schwimma woar ia a“, antwortet ein Endsechziger, stellt das Bierglas ab und zieht sich mit beiden Händen die karierte Kastenbadehose bis zum Nabel hoch.
An einem Nebentisch sitzt ein Mittfünfziger, der seinem Gegenüber erzählt, wie schön die Reise durch die USA war.
„Aber bitte: A Dosn Bier füra 2 Euro und a Fuffzgerl? A saubere Frechheit.“ Er echauffiert sich heftig. „Und dann schmeckt das Zeug nit amoi, das greisliche…“
Was jetzt kommt, ist schwer zu glauben, dass wahr ist, aber er sagt es tatsächlich:
„Dabei brauchn mia Bayern nix andres ois wia a guads Bier. Auf dahoam!“ Spricht’s und nimmt einen tiefen Schluck aus der FlaschZeitschleife
Kinder kommen und holen Cornetto, Frauen schleppen Eiskaffee (3 Euro der Becher) hinfort, die so groß sind, dass  sich jeder Münchner Namensvetter sich schamvoll dahinter verkriechen müsste. Der städtische Zwilling nämlich kostet doppelt so viel und ist nicht mal halb so groß.
Auf der Speisekarte des Kiosks steht Bewährtes: Pommes, Currywurst, Grillfleisch mit Kartoffelsalat, Käse- und Wurstsemmel, Wurstsalat. Eben das, was der heimische Magen kennt und verträgt. Wenigstens entdecke ich dazwischen Tomaten mit Mozzarella. Huch? Ein Hauch von Zukunft?
Die Currywurst ist elegant gezahnt – wir sind eben doch in der Zeitschleife. Fast ist mir, als liefe irgendwo eine Musikmischung aus Kim Wilde, Nena, Alphaville, Genesis und Tina Turner. Ach ja: Ein wenig Gianna Nannini vielleicht noch. Für die Exotik.
80t-04Männer Ü60 tragen zu knappe Badehosen, nämlich diejenige Größe, die ihnen auch damals schon zu eng war, aber da waren sie dreißig Jahre jünger, 20 Kilo leichter und vielleicht noch ein Hingucker für die Damenwelt.
Oder sie tragen mit verwegenem Bayernstolz Chiemsee-Shorts, die längst erodierte Trendmarke dieser Epoche. Als wären nicht seitdem Helly Hansen, Bruno Banani, O’Neill, Quicksilver, Hilfiger und viele andere Marken in und wieder out gewesen, als hätten nicht Bench, Abercrombie & Fitsch und andere neue Paradigmen aufgestellt.Aber hier muss es eben Chiemsee sein. Immer noch. Schon aus Regionalstolz.
Sie ignorieren einfach, dass die Firma nicht schon vor Jahren aus dem Chiemgau nach Norderstedt gezogen ist.
Ein paar Alt-68er tragen die Haare noch immer rebellisch lang, was bei der schütternen Dichte des Haarwuchses etwas tragisch, weniger Haare, dafür mehr Bauch. So läuft das hier. Und das Ganze wird aufs Trefflichste mit Achselhemdchen, Muscle-Shirt, Tanktop kombiniert.
Auf den Decken im Gras erweist sich, das die Bild-Zeitung noch immer (Urlaubs)lektüre Nr. 1 der Deutschen ist.

Dem Strand gegenüber befindet sich die obligatorische Pizzeria, die sinnigrweise Lido heißt und einen gensauo auf Italien getrimmten deutschen Präzisionsgastronomiecharme aufweist wie die Pizzerien am Gardasee oder in Bibione.
Zu glauben, dass es nur irgendein echtes und vor allem authentisches italienisches Gericht auf der Speisekarte gibt,  wäre vermessen.
Die Gastterrasse wird von Schirmen und einer weinüberwuchterten Pergola beschattet, die Konstruktion allerdings ist aus Stahlrohr mit dem Chame einer Wasserrohrinstallation. Wir sind schließlich in Deutschland, da muss das Gestänge mehr aushalten als im Süden, da ist Metall viel effizienter.
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Es fehlt an nichts – nicht mal an den Umkleidehäuschen am Ufer, falls die Leutchen sich nicht einfach ihr Handtuch um die Taille schlingen wollen oder sie balancetechnisch dazu nicht mehr in der Lage sind, auf einem Bein sehend aus der Unter-  heraus und in die Badewäsche hinein zu steigen. Ein Teil des Geländes ist mit einer mannshohen Hecke umzäunt. Gut möglich, dass früher mal dahinter die Nackerten dort der Ganzkörperlüftung und -bräunung fröhnten.
Dass dem heute nicht mehr so ist, zeigt, dass auch hier die Gegenwart Einzug gehalten hat. FKK ist auch sowas von durch.
Und noch etwas beweist, dass wir uns im Jahr 2016 befinden. Alle Frauen und viele männliche Wesen unter 25 haben ihre Achseln rasiert.
Die Zukunft kann kommen. Sehen wir ihr gelassen entgegen…
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3 Kommentare


  1. Cornetto und Pommes nach einem kompletten Tag im Freibad. Wie früher in meiner Kleinstadt im Norden. Die Zeitreise klappt hervorragend!

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  2. Wundervoll geschrieben! Während dem Lesen war ich mit am See und immer mit einem Lächeln im Gesicht.
    Wie schön, dass sich einiges nicht verändert.

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  3. Besser kann man diese Zeitreise nicht beschreiben, ich kenne die Achtzigern das war doch alles erst gestern. Ich kenne auch noch die Siebziger😂

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