Die trostlosen Sieben

Ich gebe zu, das Dreieck zwischen Schwindegg, Gars und Waldkraiburg nervt. Unendlich.
Sieben unfotografierte Bahnhöfe liegen an den beiden Strecken, die in Mühldorf zusammenkommen – und damit rote Punkte auf der Karte von Deutschlands Bahnhöfe. Ich hatte zwar im September gesagt, nun sei Schluss damit, Bahnhöfe abzuklappern, zu fotografieren und darüber zu bloggen. Aber was interessiert mich Adenauers Geschwätz von gestern? Von meinem eigenen ganz abgesehen…

Trostlosigkeit der Sieben
Trostlosigkeit der Sieben

Nun fährt man nicht einfach so nach Gars, Schwindegg, Ampfing und wie diese Nester zwischen Mühldorf und München heißen. Und nach Waldkraiburg fährt man sowieso und grundsätzlich nicht. Einheimische, also hier Geborene, bestätigen einhellig, dass Waldkraiburg eine absolute No-Go-Area bedeutet.
Trotzdem muss ich dahin. Ich habe keine Wahl, denn ein dort ansässiger Autohändler hat im Netz genau den Wagen zum Verkauf angeboten, denn ich unbedingt, zwingend und sofort haben muss.
Aber wenn ich schon mal nach Waldkraiburg fahre, dann kann ich diese sieben Bahnhöfe nun mal abklappern und meine Teilnahme an dem Open Source Projekt von 63 auf 70 erhöhen.
Gesagt – getan. Hier meine „Beute“:

 

Bahnhof Gars am Inn

Mir fällt auf, wie trostlos diese Ecke Oberbayerns auf mich wirkt. Das mag am winterlich-tristen Wetter gelegen haben, vielleicht auch an der Geschichte der Region, die ich nachgelesen habe, nachdem mich ein Schild Waldkraiburg – Vom Bunker zur Erlebnisstadt neugierig gemacht hat. Also recherchiere ich: Im Zweiten Weltkrieg bestimmte die in den Wäldern versteckte Rüstungsindustrie die Region; und Zwangsarbeit. Eine Außenstelle des KZ Dachau befand sich im benachbarten Mühldorf, Zelt- und Barackenlager für rund 8.000 Häftlinge. Über 4.000 Menschen sind während der Nazi-Zeit rings um Mühldorf unter unmenschlichen Bedingungen gestorben, Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Die Lager, Bunker und Massengräber waren im Wald versteckt. Nach dem Krieg wurde Waldkraiburg schnell zur Heimat sudetendeutscher Flüchtlinge. Der Ort wuchs rasant an, aus dem Bunkerlager wurde eine Stadt – eine Stadt der Geflüchteten und Vertriebenen. Und bekanntlich hat’s der Bayer ja nicht so mit Fremden. Jetzt verstehe ich auch, warum der Ort gelegentlich als No-Go-Area bezeichnet wurde.

Bahnhof Schwindegg

Als ich die Bilder an die Bahnhofsseite weitergebe, bemerke ich, wie sehr sich die Fotos ähneln: Viele Bahnhöfe sehen verdammt gleich aus. Ich klicke die alten Fotos durch: Tatsächlich. Ein bestimmter Bautyp hat sich in der Region durchgesetzt. Zwar variieren die Gebäude in Aufteilung von Türen und Fenstern und in der Fassadenfarb, aber die kastige Grundform ist immer die Gleiche.

Bahnhof Ampfing

Klotzförmige Funktionsarchitektur, phantasielos, zweckmäßig, langweilig.
Besonders trostlos wirkt die Architektur, wenn die DB es nicht geschafft hat, die mittlerweile funktionslos gewordenen Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen und der Zahn der Zeit diese lost places zernagt. Nach dem Sterben der Stationen kommt es auf dem Land auch zum Sterben der Gebäude. So zum Beispiel in Jettenbach:

Bahnhof in Jettenbach

Bemerkenswert ist auch, wie viele Bahnhofsgebäude nicht im Ortskern liegen sondern irgendwo draußen zwischen den Feldern. Die Bahnstrecken führen oft an den kleinen Städten und Dörfern vorbei, Stationen und Haltpunkte liegen ein paar Kilometer weiter irgendwo im Grünen, ein paar Häuser drum herum – und schon gibt es Gars Bahnhof oder Grafing Bahnhof. Das macht das Ensemble nicht gerade heimeliger.

Die größte Trostlosigkeit der sieben besuchten Orte liefert Weidenbach direkt an der im Bau befindlichen A94. Sollte es jemals zu einer Zombie-Apokalypse kommen, dann wird sie in einem solchen Ort den Ausgang nehmen. Denn hier scheint längst alles tot zu sein.
Nichts entlarvt den deutschen Verkehrswegeplan mehr als der Zustand der Bahnhöfe. Die CSU-Minister schwafeln seit Jahrzehnten von „Mehr Personen- und Güterverkehr auf die Schiene“. Und bauen stattdessen munter Autobahnen, Verbindungsspangen, Ortsumgehungen…
Ach ja: Und eine auf Renommee ausgelegte, nicht funktionierende Berlin-München-Schnellverbindung. In vier Stunden… heißt es.
Aber wie soll das gehen? Allein bis nach Weidenbach ist man ja schon über eine Stunde unterwegs. Gern auch mal länger…

 


 

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4 Kommentare


  1. Da hast du wirklich recht: Waldkraiburg ist eine absolute No-go-Area. Ich war da mal 3 Tage auf einer Art Dienstreise. Nochmal 3 und ich wäre depressiv geworden.

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  2. Der standarsierte Entwurf des „bayerische Würfels“ ist um 1860 – 1890 von der K.bay. Staatsbahn über das gesamte Bayerngebiet verbreitet worden. Die Größe wurde natürlich den jeweiligen Erfordernissen angepasst.
    Meist waren sie aus Backsteinen (heute leider verputzt) und die Fenster waren mehrsprossig.

    Außerdem waren sie bewohnt (durch die Bahnbeamten) und somit herrschte Leben in der Bude und auf dem Bahnhof.
    LG

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    1. Danke für die Info. Klasse.
      Es ist schon bezeichnend, wenn man Dutzende Bahnhöfe abgeklappert hat, selbst von dem einen oder anderen immer wieder losgefahren wird und einem irgendwann erst auffällt, dass es diese Ähnlichkeiten gibt 🙂
      Das sind so diese „A ha“ Effekte. Und plötzlich tauchen im Kopfkino Bilder auf, die vor Ewigkeiten entstanden sind, als ich Oskar Maria Grafs Roman „Bolwieser“ gelesen habe. Das ist ja die Geschichte eines Bahnhofsvorstehers, der in genau so einem Würfel lebte und arbeitete.

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      1. An Bolwieser muss ich bei den Würfeln auch immer denken. Da gab es ja auch eine kongeniale Verfilmung von Fassbinder mit Peer Raben (schaurig in seiner Unterwürfigkeit) und Elisabeth Trissenaar.

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