Wenn Herr P. in der DOB-Abteilung geparkt wird…

Herr P., der es in diesem Blog mit der Wahrheit bisweilen nicht ganz so genau nimmt, möchte versichern, dass sich das nachfolgend Geschilderte tatsächlich genauso zugetragen wie beschrieben hat. Das tut Not, bedient er sich in diesem Blog ansonsten doch eher der satirischen Veränderung der Wirklichkeit – oder wie wir seit vergangenem Wochenende wissen: Alternativer Fakten, wie Kellyanne Conway, Spitzenberaterin des US-Präsidenten es nennt, wenn die Realität nicht opportun ist. Hier also weder Post- noch Alternativ-Faktisches, es ist die blanke Wahrheit:

Männer, da macht Herr P. keine Ausnahme, werden bisweilen von ihren Frauen abgestellt. Gewissermaßen geparkt wie ein Auto.
„Warte einen Moment hier…“ heißt es noch, was jeder intelligente Mann freiwillig tut, weiß er doch, dass er irgendwann an gleicher Stelle wieder abgeholt wird. Zumindest hofft er das.
Solche Aufforderungen gehören sicher zu den meistgetätigten in der unmittelbaren Nähe von Anprobekabinen in den DOB-Abteilungen aller Textilfachgeschäfte und Modekaufhäuser unseres Landes. In der DOB geparkt. Herr P.Kaum sind sie ausgesprochen erstarrt der Mann zu einer Art Skulptur, salzsäulenartig wie weiland Frau Lot nachdem sie sich umdrehte und auf Sodom und Gomorrha blicke. Nur, dass Männer vor Kabinen natürlich nicht in einen dem Zorn Gottes anheimfallenden Sündenpfuhl starren. Sondern ins Leere. Herr P. macht dies zumindest so, während seine liebreizende Gattin ein blaues Blüschen anprobiert.

Dabei kann sich Herr P. glücklich schätzen, eine so charmante Frau zu haben. Harald, eine in diesem Blog immer wieder auftauchende Figur, muss sich in solchen Momenten sicher noch den Zusatz seiner kneifzangigen Renate gefallen lassen:
„Und rühr Dich ja nicht vom Fleck! Nicht, dass ich am Ende wieder durch den ganzen Laden rennen und Dich suchen muss…“ Was hat Herr P. Glück, aber er hatte auch die Augen bei der Partnerwahl ganz weit geöffnet.

schfpuppe02Herr P., also, der wie angewurzelt vor dem Zugang zu den Kabinen steht, beobachtet, wie seine Frau hinter dem Vorhang verschwindet, und eine Verkäuferin ihr nachruft, sie solle sich melden, wenn sie Hilfe braucht.
Herr P., der viele Dinge einfach eine Spur zu wörtlich nimmt, sinniert darüber, wie denn das gehen soll, bzw. wieso seine Gattin Hilfe beim Anziehen einer Bluse benötigen würde. Das schafft sie, so weiß er aus eigener Anschauung von daheim, doch durchaus allein.
Erst später wird er belehrt werden, dass damit natürlich nicht das Ankleiden gemeint ist, sondern dass die Verkäuferin sich anschickt, gegebenenfalls die ausgesuchte Textilie eine Nummer kleiner zu holen, weil das gute Kleidungsstück einfach zu groß ist und wie ein Kartoffelsack am Körper ausschaut.
(Randnotiz: Herr P. ist sich der teuflischen Klippe dieser Textpassage durchaus bewusst. Daher vermeidet er, darauf hinzuweisen, dass das ausgesuchte Kleidungsstück rein theoretisch auch eine Nummer zu klein sein könnte und dann ausschaut wie… So etwas ist nämlich ganz dünnes Eis).

Derweil Herr P. herumsteht und wartet und wartet und wartet, gibt er dem Leser zur Überbrückung der Zeit eine kurze Skizze seiner Körperhaltung und seiner Kleidung. Er steht dort ein wenig breitbeinig, sehr stabil und reglos und starrt – wie bereits erwähnt – ins Leere und durchsiebt mit seinem stechenden Blick die Luft, bis sie ganz löchrig ist. Was bleibt ihm auch übrig?
Jeder interessierte Blick, egal wo auch hin, könnte angesichts des Terrains sonst von anwesendem Weibsvolk als Spannerei fehlinterpretiert werden. Da jede Bewegung Energieverschwendung wäre, stellt Herr P. Bewegungen bis auf die seiner inneren Organe komplett ein. Der Kopf hat er zur Seite gewandt, dort ist mehr Leere als im direkt gegenüber im Flur mit den Kabinen. Fast möchte man meinen, Herr P. habe Posing von Eidechsen gelernt.
Herr P. trägt an diesem Tag schwarze Schuhe (knöchelhoch, mit schwarzweißen Schnürbändern, Marke Dockers), eine Jeans (blau, sehr eng am Bein anliegend, Marke Quicksilver), eine Winterjacke (Blouson-Schnitt, gesteppt, schwarz-graues Muster, oranges Innenfutter, Marke Milestone) und einen Schal (Cashmere, blau türkis, Marke Hugo Boss). Damit die Arme nicht einfach durch die Gegend baumeln und sich eventuell zu Schlenkerbewegungen hinreißen lassen, hat Herr P. auf Oberschenkelhöhe die Finger locker ineinander gehakt. Zwei schwarze, zusammengeclippte Handschuhe baumeln zwischen den Fingern. Nur, dass Sie’s wissen.

Wie er so da steht, mit sich und der Welt im Reinen, weil er selbige komplett ignoriert, geschieht schier Unfassbares. Schräg von hinten nämlich nähert sich, was Herr P. zunächst nicht bemerkt, ein älteres Ehepaar. Die Frau vorneweg, der Mann trottet hinterher. Das an sich ist nicht unfassbar, das ist der Normalzustand in der Abteilung vor Damenoberbekleidung. Als die Frau an Herrn P. vorbei gegangen und somit in seinem Sichtfeld ist, dreht sie sich abrupt um. Schlagartig  wird Herr P. aus der inneren Versenkung herausgerissen.
„Ja wo bleibst Du denn?“ herrscht die Frau an Herrn P. vorbei ihren Gatten an. „Jetzt komm halt!“
„Ich komm ja schon“, raunzt der Gatte dicht hinter Herrn P. zurück und schickt sich an, an ihm vorbei zu gehen.
„Ach“, meint er plötzlich zu seiner Frau just, da er Herrn P. umrundet und dessen Handschuhe herunterbaumelnd hat hängen sehen „Nach neuen Handschuhen könnte ich auch mal schauen.“
Der Mann streckt die Hand aus und greift nach den Handschuhen, die Herr P. noch immer regungslos in den Fingern hält.
„Da sind ja schon mal welche“, meint er, zieht an den Handschuhen, die sich zu seiner Verwunderung aber nicht aus ihrer Halterung lösen. Herr P. will sie nämlich nicht hergeben.
„Das sind aber meine…“, weist Herr P. den Mann zurecht während er ihm sein Gesicht zudreht. Das ist der Moment, in dem der Mann erkennt, dass er es mit einer real existierenden Person aus Fleisch und Blut zu tun hat und nicht mit einer Schaufensterpuppe.
„Oh“, stammelt er. „Sie standen so unbeweglich…“ Er wird rot. „Da dachte ich… sie wären eine Figur. Entschuldigung.“schfpuppe01
Dann beeilt er sich, weiterzukommen und stapft der drohenden Schimpfkanonade seiner Frau entgegen, die missbilligend ihr Gesicht verzogen hat. Schnell entfernen sie sich.
Kurz darauf kommt die Frau P. aus der Kabine. Das blaue Bommelblüschen war’s wohl nicht. Es wird Zeit zu gehen – und sich wieder zu bewegen… bevor Herr P. am Ende noch mit der Frühjahrsware dekoriert wird.
Im Gehen erhascht Herr P. einen Blick in einen Spiegel. „Nein!“ befindet er. Wie eine Schaufensterpuppe sieht er ganz und gar nicht aus.


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5 Kommentare


  1. Ich wurde zwar noch nie für eine Schaufensterpuppe gehalten, werde jeodch sehr regelhaft als vermeintlicher Verkäufer angesprochen, speziell in Bau- und Elektronikmärkten. So oft, dass es wirklich nervt. Lange habe ich mich gefragt, ob es wohl an meinem Kompetenz ausstrahlenden Äußeren liegen mag. Letztens kam mir endlich die Erleuchtung: Ich pflege – auch im Winter – mich stets ohne Jacke in solche Geschäfte zu begeben, vor allem aber immer äußerst schnellen Schrittes, zudem sehr zielstrebig, ohne nach links und rechts zu schauen. Weil ich es zumeist recht eilig habe. Und genau das ist vermutlich der Schlüsselreiz: Ein schnell weglaufendens menschliches Wesen, welches jeden Blickkontakt vermeidet. „Das“ so lehrt offenbar die Erfahrung den langjährigen Kunden „kann nur ein Verkäufer sein“.

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  2. Grossartig, Danke für diese Geschichte!
    Vielleicht hättest du doch in die Sitzecke mit den öden Motorsportmagazinen gehen sollen, die sie normalerweise für die Herren der Schöpfung bereit halten. Sozusagen als Smaland für Männer …

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    1. Das hätte ich sogar gemacht, wenn der Akku nicht schon auf 14% gestanden und die intensive Handynutzung damit unmöglich gemacht hätte 🙂

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