Vor’m Loch

„Seit die Kinder aus dem Haus sind“, so erzählt Peter beim abendlichen Bier, „brauchen wir ja nicht mehr viel. Aber das wenige, was wir benötigen, das kaufen wir gemeinsam ein.“
Seit Jahr und Tag geht Peter gemeinsam mit seiner Frau samstags morgens einkaufen. Nicht, dass das nicht auch einer der beiden alleine könnte, nicht, dass einer den anderen abhalten möchte, unnützes Zeugs zu kaufen, das hinterher im Kühlschrank verschimmelt. So etwas kommt bei Peter, dem Sparfuchs und Organisator ohnehin nicht vor.
Die beiden woparken2llen einfach viel ihrer Zeit gemeinsam verbringen. Diese Einstellung ist mir vertraut, bei uns läuft es auch nicht anders.
„Einkaufen ist jetzt nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung“, verkündet Peter, nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas und schüttelt den Kopf. „Aber manchmal versaut es einem regelrecht den Taf. Du glaubst gar nicht, was für Idioten Dir da über den Weg laufen.“
Doch, das glaube ich. Aber Peters Erzählungsfluss zu stoppen, ist immer ein Fehler. Erstens wird er dann schnell grantig, zweitens verliere ich vielleicht ein schönes Blogthema. So wie dieses hier…
„Letztlich, am Samstag vor Heiligabend…“, beginnt er seine Klage über die Dummheit seiner Mitmenschen, während ich mich frage, wieso man unbedingt am Samstag vor Heiligabend zum Supermarkt fahren muss. Da muss doch die Hölle los sein.
Als könne er Gedanken lesen, unterbricht Peter den bereits begonnenen Satz: „Ich hatte Schlimmstes erwartet, aber es war total leer. Wir waren schnell fertig. Da sag ich zu meiner Frau ‚Ich bring schon mal die Sachen ins Auto‘, weil sie ja immer noch bei dem Bäcker im Eingangsbereich frisches Brot holt.“
Während Peters Frau also am Bäckerstand wartet, lädt er in aller Ruhe das Eingekaufte in die Klappkisten im Kofferraum.
„Und kaum habe ich damit angefangen, kommt so ein Typ mit ’nem Mini-Mercedes angefahren. Die Frau steigt aus und marschiert in den Supermarkt. Der Typ setzt den Blinker. Ganz offensichtlich möchte er meinen Parkplatz übernehmen.“
Während auf Peters Stirn die ersten Gewitterwolken heranziehen, ahne ich, was er jetzt berichten wird. Peter fühlt sich unter Druck gesetzt, er solle sich mit dem Einladen gefälligst beeilen. Druck aber mag Peter nicht, und schon gar nicht am Wochenende.
„Aber der hat vielleicht gedacht, dass Du gleich fertig mit Einladen bist und dann wegfährst,“ wage ich einen Einwurf.
„Schon möglich“, knurrt Peter. „Aber es ist ja nicht so, als ob nicht mindestens 100 Parkplätze frei gewesen wären. Ich sagte doch: Es war gähnend leer.“
parken1Der Ärger wächst. „Aber dieses Arschloch will unbedingt den, in dem ich stehe. Dabei ist fünf oder sechs Autos weiter auch ein Platz frei. Was heißt einer? Dutzende. Und dann fängt der auch noch an zu hupen und gestikuliert, ich solle mich beeilen.“
Peter, der sich in solchen Momenten schnell aus der Ruhe bringen läst, bebt noch bei der Erinnerung vor Zorn. „Fast wäre mir eine Flasche Olivenöl aus der Hand gefallen. Stell Dir mal die Sauerei vor. Ich hätt die wegmachen müssen, vor allem hätt ich ja wohl nicht beim Ausparken durch die Scherben fahren können. Am liebsten hätt ich diesem Typen gleich einen Joghurtbecher auf die Frontscheibe geworfen. Aber ich bin ja ein friedliebender Mensch, wie Du weißt.“
Ja, das weiß ich und nicke pflichtschuldig. Wie ich Peter kenne, wird er jetzt sein iPhone zücken, und da ist es schon. „Schau her, ich hab das mal fotografiert.“ Wusste ich es doch.
Erst zeigt er mir das Foto von ein paar Fahrzeugen, dann eines von einem gähnend leerem Parkplatz.
„Schau her, überall Platz. Aber nein, dieser …“ er schluckt ein unflätiges Wort herunter, „muss unbedingt meinen haben. Das ist doch Nötigung. Ich schick Dir gleich mal die Bilder. Kannst Du ja was drüber schreiben.“
„Mach ich“, versrpeche ich ihm und bestätige sogleich: „Stimmt. Hunderte von freien Parkplätzen“, überschlage aber, dass es kaum mehr als 30 sein können. Aber darum geht es ja nicht. Peter will sich einfach aufregen, das kenne ich von ihm nicht anders.
„Und so etwas passiert mir andauernd“, sagt er.
„Peter,“ sage ich milde, „jetzt beruhige Dich doch. Der Typ wollte halt direkt vor’m Loch parken. Das machst Du doch auch nicht anders…“

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