Von Bobby und der Namensdiebin

Friedhöfe können die wunderbarsten Geschichten erzählen – vor allem die alten, halb verfallenen. Sie sind nicht nur Orte der Stille, zumeist inmitten des Trubels der Großstädte. Sie sind auch Orte der Inspiration und des Gedankenfreilaufs. Das geht so lange, bis man dereinst selbst in der Gruft liegt – oder im Mausoleum, falls mein Plan von 2016 sich doch noch realisieren lässt. Auf jeden Falls bieten Friedhöfe faszinierende Betätigungsfelder für Fotografie, es ist fast schon zu einfach, schreit einen doch aus jeder Ecke ein dankbares Motiv entgegen.
Und manchmal stolpert man buchstäblich über Bildmotive.

Das gilt auch für den Friedhof rings um den Greyfriars Kirkyard im Herzen von Edinburghs Altstadt. Kein Zweifel – bei unserem Städtetripp müssen wir dahin. Ein Rundgang, und schon sind zig Bilder auf der Speicherkarte. Die Hälfte ist schwarzweiß, aus welchem Grund auch immer. Also mache ich aus der Not eine Tugend und konvertiere alle anderen auch in schwarzweiß. Ich halte das für eine gute Idee und für die Bebilderung dieses Blogtextes auch nicht verkehrt sondern im Gegenteil sehr stimmungsvoll.

Bobby GedenksteinIch gebe zu – ich bin ein großer Fan von Friedhöfen. Vielleicht ist das auch gar nicht verkehrt, man verbringt ja letzten Endes doch enorm viel Zeit dort.
Später mal. Irgendwann.
Seine gesamte.

Die wohl bekannteste Geschichte, die dieser Friedhof in Schottland zu erzählen hat, wäre eine Ausgeburt an klebrigsten Kitsch, wäre sie nicht wahr sondern ausgedacht.
So aber rührt sie Jahr für Jahr Tausende von Touristen, die vornehmlich aus zwei Gründen zum Kirkyard kommen: Das Grab des Polizisten John Grey, der im Alter von 45 Jahren an Tuberkulose starb, zu besuchen.

Bobby Skulptur

Und den Gedenkstein für Bobby, seinen Sky Terrier, der nach dem Tod seines Herrchens 14 Jahre lang auf dem Friedhof am Grab seines Herrchens wachte, unterbrochen nur von Mahlzeiten, die er vom Betreiber eines nahe gelegenen Coffee-Houses erhielt. Ein in der Nähe wohnender Soldat soll dem Hund beigebracht haben, pünktlich um ein Uhr, wenn der Burg ein Kanonenschuss erfolgte, ins Traill’s Coffee House zu laufen, wo man einen heißen Fleischkuchen für ihn bereit hielt.  Zwar sieht die University of Cardiff in dieser ganzen Geschichte einen Hoax. Das hinderte aber die Briten nicht, die Geschichte immer weiter auszuschmücken und die Touristen nicht, am Gedenkstein für Bobby Hundestöckchen abzulegen. Denn nach seinem Ableben wurde Bobby auch dort beerdigt, etwas anderes wäre wohl nicht in Frage gekommen, allerdings das Grab seines Herrchens, das im Bereich geweihter Erde liegt, ganz sicher auch nicht.

Das Ganze ist mittlerweile rund 150 Jahre her. Das ist genug Zeit, um eine Legende zu stricken, die heute einen wichtigen touristischen Faktor darstellt. Es gibt Bobby auf Tassen und Kissen gedruckt, auf T-Shirts und Küchenhandtüchern, als Plüschfigur, Kühlschrankmagnet… eben all das, mit dem man hundeverrückten Touristen Geld aus der Tasche ziehen kann. Es gibt ein „Bobby Kebab House“, ein „Bobby Cafe“ und natürlich den obligatorischen Pub. Davor ein Bronzedenkmal.

Mittlerweile ist die Legende vom treuen Bobby allerdings etwas ins Hintertreffen geraten. Da nützt es auch nichts, wenn der Gedenkstein anmahnt: „Let his loyalty and devotion be a lesson to us all“ und Touristen und einheimische der Bronzeskulptur im Vorbeigehen die Schnauze streicheln.

Bobby Pub

 

Ausgehend vom benachbarten Cafe „The Elephant House“ an der George IV Bridge  hat sich mittlerweile ein anderer und sehr viel mächtigerer Kult um den Friedhof an der Candlemaker Row entwickelt. In diesem Cafe, so wurde J.K. Rowling nicht müde, ihren eigenen Mythos zu inszenieren, habe sie die ersten Kapitel von „Harry Potter“ zu Papier gebracht. Damals alleinerziehend und so mittellos, dass sie sich lieber den lieben langen Tag im Cafe aufhielt, um daheim Heizkosten zu sparen.


Und welcher Terrier kann schon gegen die Gelddruckmaschine Harry Potter anstinken?
Der Blick auf die düsteren Mauern des Edinburgh Castle habe sie inspiriert, wie Hogwarts wohl aussehen könne, ließ sie wissen.

Und bei ihrem Schlendern zwischen den Gräbern auf Greyfriars Kirkyard habe sie sich von den Namen Verstorbener inspirieren lassen.
Im hintersten Eck zum Beispiel hängt ein Epitaph an der Wand, das an Schottlands tragischen Dichter  William McGonagall erinnert. Von ihm hat J.K. Rowling sich ebenso den Nachnamen ausgeliehen, wie von Thomas Riddell Esquire of Befsborough, der im November 1806 verstarb und für den ebenfalls ein Gedenkstein errichtet wurde, wie auch für dessen gleichnamigen Sohn, den es bereits 1802 im Alter von 26 Jahen auf Trinidad dahin gerafft hatte
Als Tom Marvolo Riddle taucht der Name ebenfalls im Werk Rowlings auf: Lord Voldemort.
Seitdem pilgern nicht nur Hunde- sondern auch Potterfans über den Greyfriars Kirkyard, stehen andächtig oder schaudernd vor einem Stein, der an Menschen erinnern soll, die nicht das Geringste mit dem zu tun haben, weshalb die Friedhofsbesucher hergekommen sind. Ihnen wurde nur der Name gestohlen, mittlerweile wohl auch ein wenig von ihrer Identität.

Längst wächst kein Grashalm mehr vor den steinernen Platten aus der Erde. Längst hat die Friedhofsverwaltung zur Stabilisierung des Bodens schäbiges Kunststoffrasengitter in den Boden eingearbeitet, damit die Fans bei Regen nicht im Matsch versinken.
Fiction covers Reality… spätestens, wenn am Ende wir Touristen kommen.

Und wie immer, wenn irgendwo ein Kult zelebriert wird, findet sich auch ein Witzbold, der das Ganze konterkariert. In dem Fall ein Unbekannter, der eine aufgelassene Grabstelle mit einem Edding einer weiteren Harry-Potter-Figur zugeschanzt hat:

Mag man witzig finden, muss man aber nicht.

Unbeachtet von den Besucherströmen und vom ganzen Zinnober um Potter und Bobby unberührt steht das Grab eines unbekannten Writers to the Signets aus dem 18. Jahrhundert auf dem Friedhof. Und es trägt einen durch die Literatur ebenfalls sehr bekannten Namen.

Ob sich wohl Arthur Conan Doyle, ebenfalls ein Sohn der Stadt Edinburgh auch eines Namens bedient hat? Ausgeschlossen ist hier gar nichts.


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