Überall nur Sex – und ich mittendrin

Sex hat etwas mit Genuss zu tun – und manchmal auch mit Gefühl. Ein Luxus, den wir Protestanten uns leisten, während die Katholiken sich immer noch der päpstlich bestätigten Vermehrungspflicht widmen sollten. Dessen sollte man sich zwischen Marktl und Freising, den Geburts- und Hauptwirkungsorten des aktuellen Papstes  bitte bewusst sein. Seid fruchtbar und mehret Euch. Und das geschieht. Dauernd, ständig und überall. Und ich mittendrin.

Gleich geht was ab hier.
Gleich geht was ab hier.

Vor rund siebzehn Jahren war Hamlet der erste, der in schamloser Selbstdarstellung die Flügel abspreizte, einen Balzgesang anstimmte und so lange hektisch auf der Stange hin und her lief, bis ihn Ophelia endlich aufsteigen ließ. Dass wir derzeit am Frühstückstisch saßen, hat die beiden Nymphensittiche noch nie gestört. Ist lange her: Der Vogel ist alt und will auch nicht mehr so oft. Kann er wohl auch nicht.
Jedenfalls längst nicht so oft wie die Frösche im Terrarium. Auch hier hockt das fortpflanzungswütige Männchen durch Gezirpe und Gezwitscher das willige Weibchen an. Balzgesänge, die fast wie die einer Meise klingen, hört man mehrmals in der Woche. Und Eiablagen gibt es auch zur Genüge.
Wesentlich gesitteter geht es ein Becken weiter zu. Die Antennenwelse wissen noch, was Diskretion bedeutet. Ihr Liebesspiel vollzieht sich in dunklen Höhlen und ist dem neugierigen Blick des Betrachters entzogen. Und schwupp sind es wieder ein paar Tiere mehr.

Der wilde Wiesenrammler.
Der wilde Wiesenrammler.

Ganz anders unsere Kaninchen, als sie noch lebten und wie wild über die Wiese sausten: Die trieben es nun wirklich immer und überall, schamlos und ohne Rücksicht auf eventuelle Zuschauer. Die operativ herbeigeführte Fortpflanzungsunfähigkeit tat dem Willen hierzu keinen Abbruch. Lediglich als ein durch die Nachbarschaft streunender, nicht kastrierter Rammler sich tagelang außen am Gartenzaun herumdrückte, war das „love interest“ des Weibchens plötzlich ein anderes. Da drückte sich das Mädel am Zaun entlang und beachtete den Kastraten mit keinem Blick.
Überhaupt: Das Liebesleben unserer Viecher zeugt von wenig Romantik aber viel Triebhaftigkeit. Da sind die wildlebenden Vögler wie die Amseln noch nicht mal mit eingerechnet.

Zügellosigkeit nach der Devise "ran, ruff, rein, raus, runter".
Zügellodigkeit nach der Devise „ran, ruff, rein, raus, runter“.

Am heftigsten treibt es eine unserer Schildkröten. Wer denkt, dass die Panzerträger gemütlich, langsam und eher stoischer Natur sind, der irrt gewaltig. Wenn der Kerl erst einmal eines der begehrten Weibchen entdeckt hat, dann gibt es kein Halten. Im Sommer klackt es draußen schon in frühen Morgenstunden, als spiele jemand direkt vor dem Schlafzimmerfenster Boule. Wäre nicht das markige Fiepen, das immer dann entsteht, wenn das Männchen stoßweise die Luft aus den Lungen presst, man könnte wirklich meinen, dass jemand die metallenen Kugeln auf eine Sandfläche wirft. Bei so viel Vermehrungswillen auf unserem kleinen Grundstück kann der Papst eigentlich beruhigt sein. Natur pur – so wie es sich gehört.
Das erinnert mich an den Elternabend in der Grundschule, der kurz vor dem Beginn des Sexualkundesunterrichts statt fand. Es war der Erste und Letzte, zu dem ich freiwillig gegangen bin, und bei dem ich als einziger Vater anwesend war. Als die Klassenlehrerin die Eltern der damals Achtjährigen fragte, welches der Kinder denn noch nicht aufgeklärt sei, hoben sich zaghaft die Hände einiger anwesender Mütter. Ein breites Grinsen wollte sich gerade in meinem Gesicht einnisten, auf dem Land kennt ja jeder jeden, und mir war klar, wie peinlich es ist, vor der versammelten Elternschaft zugeben zu müssen, dass ihre Kinder von Tuten und Blasen noch keine Ahnung hatten.
Da platzte die Gerdi heraus: „Also wir leben auf einem Hof mit Kühen und Ziegen. Da  weiß der Bub schon lange, woher die Viecher kommen und wie das gemacht wird.“ Wo sie recht hat, da hat sie recht.
Vielleicht, so dachte ich allerdings, wäre es aber angemessen, wenn im Unterricht den Kleinen klar gemacht würde, dass Sex nicht nur etwas mit Vermehrung zu tun hat, sondern manchmal auch mit Lust und Liebe. Und dass nicht der Viechdoktor kommen muss, damit die Mutti trächtig wird. Oder doch?

6 Kommentare


  1. Wieso muss ich beim ersten Absatz an Monty Python denken … ?!?

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  2. Wieso muss ich beim ersten Absatz an Monty Python denken … ?!?

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