Tobender Tobias

Tobias, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, ist ein wenig anstrengend. Kinder in dem Alter können das sein, vor allem, wenn sie samstags von ihrer Mutti zum Familieneinkauf mitgeschleppt werden. Nun gibt es immer wieder diese Situationen, dass es eben nicht anders geht, und wenn dann der Nachwuchs aufdreht und lautstark von seinen Begehrlichkeiten Kunde gibt, dann ist Stimmung pur im Supermarkt.
Objekt der Begierde sind die Weihnachtsmänner, die er vom Einkaufswagen, in dem er sitzt, entdeckt hat. Vielleicht war es keine so gute Idee, dass Mutti ihn mitsamt Einkaufswagen bzw. eher genau andersherum vor dieser gondelkopfplatzierten Ware geparkt hat, während sie samt ihrer eigenen Mutti aus dem Kühlregal Joghurt und Butter herbeischleppen.
„Mama“, verkündet er, als die Mutti beladen zurückkommt, „So einen will ich… So einen grünen.“

Spricht’s und zeigt auf einen der Nikoläuse vor seiner Nase.
Mutti will aber keinen kaufen. Da ihr pädagogischer Anspruch ist alles, was sie tut, zu begründen, macht sie eben statt eines klaren „Nein“ und so beginnt sie mit Sohnemann zu diskutieren.
„Aber Tobias“, meint sie. „Den magst Du doch gar nicht!“
„Doch!“
„Ganz sicher nicht, Schatz. Du weißt doch gar nicht wie der schmeckt. Du hast doch noch nie so einen gegessen. Der ist nicht nur mit Schokolade. Der ist mit Minze.“ tobias
Begehrlichkeiten lassen sich aber nicht wegdiskutieren und Einsicht ist von dem Spross auch nicht zu erwarten. Ein klares Nein hätte vielleicht geholfen, aber jetzt ist es zu spät.
„Ich will aber!“
Tobias‘ Ton ist scharf. Er trampelt zornig mit den Füßen gegen den Einkaufswagen. Er will nicht diskutieren. Er will den After-Eight-Weihnachtsmann, von dem er nicht weiß, wie er schmeckt, und demzufolge Mutti nicht wissen kann, ob Tobias ihn wirklich nicht mag, was sie bisher lediglich vermuten kann.
„Ich will aber!“ wiederholt das Kind seine Forderung und donnert mit der Ferse gegen das Gitter des Einkaufswagens. Die im Wagen stehenden Flaschen klirren aneinander.
Die altgebärende und stets auf pädagogisch sinnvolle Handlungen bedachte Mutti fährt das nächste Argument auf: „Außerdem ist der gar nicht gesund. Du weißt doch, wie schlecht Schokolade ist, das habe ich Dir doch alles schon mal erklärt.“ Natürlich weiß Tobias das. Welches Kind solcher Eltern kennt nicht die Vorträge über das Schokoteufelszeugs Von der Gefahr für die Zähne, über Blutdruck bis zu Adipositas, von der Ausbeutung der dritten Welt, dem Herunterbrennen der Regenwälder und der Zerstörung des Lebensraums wilder Tiere, dem Eingriff in das Weltklima und was nicht alles, wenn es nur ein Stück Schokolade geschenkt bekommen will?
„Mir doch egal!“ bockt er auf und macht das, was Kinder in dem Alter klugerweise tun: Einfach auf stur stellen.
Mutti – mittlerweile etwas angestrengt, denn auch andere Kunden bekommen langsam mit, was sich vor den Süßwaren abspielt – beginnt langsam, den Einkaufswagen von dort wegzuschieben; mitsamt dem Sprössling, der das gar nicht gut findet. Da kommt endlich auch Muttis Mutti, sie schleppt erbeutete Grundnahrungsmittel von der Sonderverkaufsfläche herbei. Das lenkt Tobias aber nur kurz ab.

„Du bist Scheiße“, faucht er seine Mutter in einer Lautstärke an, dass man ihn bis hinüber zur Tiefkühlkost brüllen hört. „Scheiße!“ „Scheiße!“
Er wiederholt das Wort gleich mehrfach: Spitz, schrill, laut, wütend.
Mutti findet das nun gar nicht gut und das sagt sie Tobias auch. Hilft nur nichts. So sehr sie sich auch beschwert, dass sie das nicht in Ordnung findet, wie er mit ihr redet, und er solle doch mal überlegen, wie sehr sie das verletzt: Tobias bleibt davon gänzlich unbeeindruckt „Scheiße!“ schreit er mit hochrotem Kopf.
Muttis Mutti beendet die Diskussion eher pragmatisch und hemdsärmelig: „Was ist denn mit Dir los? Spinnst Du jetzt oder was!“ herrscht sie ihn an,  „Jetzt hörst aber auf. Sonst nimmt Dich am Nikolaustag am Ende der Krampus mit.“
Diese seit Generationen pädagogisch eher rustikale Strafandrohung lässt sowohl Tobias als auch seine Mutter schlagartig verstummen.„Gruss vom Krampus“ von Unbekannt - Historie čertů KrampusUploaded by Kohelet. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons
„Ich will den Weihnachtsmann!“ antwortet er noch immer zornig, aber deutlich ruhiger.
„Den grünen?“ fragt die Oma.
„Ja!“ erwidert das Kind.
„Geh – so ein Schmarrn. Grüne Weihnachtsmänner. So was gibt’s doch gar nicht. Richtige Weihnachtsmänner sind rot.“ Damit greift sie den smartiesgefüllten, roten Weihnachtsmann aus dem Regal. „Und wenn Du Ruhe gibst, dann kauf ich Dir den nachher.“
Sie winkt mit dem Schokoweihnachtsmann vor Tobias‘ Nase hin und her. Das Kind greift danach. Oma hat gewonnen.
Mutti steht da wie ein Idiot. Ihre Autorität wurde soeben zuerst mit dem Prügelknecht und Kinderschreck untergraben und jetzt mit dem Smartie-Mann.
„Nee“, sagt sie zu ihrer Mutti. „Der wird jetzt nicht gekauft. So geht das nicht!“
Aber Muttis Mutti lässt sich nicht von ihrem Plan abbringen.
„Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“, sagt sie zu ihrer Tochter. „Gell, Tobias!“ Dabei zwinkert sie verschwörerisch.
Das Kind nickt. Muttis Mutti triumphiert und legt den Schokoladennikolaus in den Einkaufswagen.
Jetzt herrscht Ruhe – aber ich bin sicher, dass es später ein paar (er)klärende Worte zwischen Mutti und Muttis Mutti geben wird.
Ich würde zu gerne wissen, wer dann wen so lange anfaucht, dass sie  „Scheiße“ ist, bis der Krampus sie heute Abend einkassiert.

Bild unten: „Gruss vom Krampus“ von Unbekannt – Historie čertů Krampus. Uploaded by Kohelet. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

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