Gestern im Baumarkt: The ultimate Baumarktplaylist

Wer braucht schon Monitorbeschallung, wenn er eine Baumarktplaylist hat?Gibt es etwas, was mehr nervt als der Geräuschpegel in einem Baumarkt?
Schon vor Jahren habe ich mich an dieser Stelle darüber ausgelassen, wie entsetzlich nervtötend dieses fortgesetzte Gedudel aus den hunderten von Verkaufsmonitoren ist. Genutzt hat es freilich nichts. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten. Der Kunde ist eben nicht König. Er ist Goldesel.
Dabei ist es ja nicht so, dass es nur die verkaufsfördernden Monitore sind, die einen dauerbeschallen. Aus der Decke dröhnt das In-House-Radio irgendwelche Musik, unterbrochen von kleinen, inhalts- und bedeutungslosen Wortbeiträgen, Uralt-Nachrichten und weiteren Jingles, die verkaufsfördernd wirken sollen.
Gegen diese akustische Dauerbelästigung kann ich nur wehren, indem ich mir die Ohren verstopfe. Nun sieht es etwas bescheuert aus, mit Ohropax durch den Baumarkt zu laufen, nicht viel besser wären die Silikon-Earplugs aus meinen Schwimmutensilien.
Also mache ich, was viele Menschen machen, und stecke mir Earphones in die Lauscher. Das dämpft zum einen den Lärm und signalisiert zum anderen, dass ich nicht angesprochen werden will. Auch nicht vom eifrigen Verkäufer, der mich gegebenenfalls fragt, ob er mir helfen könne.
Denn ja: So etwas gibt es tatsächlich noch im Baumarkt meines Vertrauens. Freundlich nickt das Personal den Kunden zu und bemüht sich, suchende Blicke aufzunehmen um Hilfe anzubieten.
Freundlich nicke ich zurück und gehe weiter. Und damit erst gar kein Zweifel aufkommt, ich könne oder wolle akustisch irgendetwas wahrnehmen oder sogar kommunizieren, läuft mein eigenes In-House In-Ear Programm. Dazu habe ich eigens eine ganz spezielle Baumarktplaylist.
Klingt bizarr und unglaubwürdig, ist aber so.
Zumindest erntete ich fragende Blicke, als ich vor kurzem zu spätabendlicher Runde, bei der wir uns Baumarktgeschichten erzählten, davon berichtete:  „Ich habe eine Baumarktplaylist – und das ist gut so!“

Keiner glaubt mir.
Warum nicht?
Kennt denn niemand in dieser illustren Runde Nick Hornbys Roman HighFidelity oder James L.  Brooks‘ wunderbaren Film As good as it gets? Beide Werke erzählen unter anderem von Samplern, die man sich früher auf Cassette und später auf CD zusammengestellt hat, um für jede Situation die zur emotionalen Grundbefindlichkeit passende Musik parat zu haben… oder zu verschenken. Haben wir das früher nicht alle gemacht?
„Hier eine Casssette – speziell für Dich zusammengestellt!“
Gab es je persönlichere Geschenke für seine/n Angebetete/n?
Dazu die Cassetten fürs Auto, fürs Skifahren, für den Sport… Hallo? Wofür dient sonst der Soundtrack aus Rocky IV?
Warum also nicht auch eine Playlist für den Baumarkt?

Ich werde von den Anwesenden mit Fragen bedrängt, was ich denn auf der Baumarktplaylist für Titel hätte.
„Für die Schraubenabteilung was von Metallica, und in der Elektroabteilung was von AC/DC.“
Wäre naheliegend. Ganz so ist es aber nicht. Aber fast.
Tatsächlich sind sowohl Titel von Metallica als auch AC/DC auf meiner Playlist; aber auch Songs von Johnny Cash, Lee Dorsey, Queen, Kris Kristofferson, The Knack, Kiss, Uriah Heep, The Rolling Stones, Pink Floyd, Slade, John Bon Jovi und vielen anderen.
Etwas Rock, etwas Country, etwas Pop. Viel altes Zeug aus den 70ern, 80ern und 90ern.
Alles durcheinander und im Shuffle-Modus auch für mich immer überraschend und unberechenbar; Songs, die Kopfkino provozieren – oder tatsächliches Kino in Erinnerung rufen:

Manchmal fällt es schwer, sich zu beherrschen und nicht plötzlich zwischen Torx-Schrauben und Futtertieren zur Luftgitarre zu greifen und ein paar Riffs mitzuspielen. Und wer würde bei Shoot to thrill nicht an IronMan zu denken?

Und wenn zufällig Van Halens Jump losdröhnt, warte ich eigentlich nach dem Intro nur noch darauf, dass Nobby Dickel die Aufstellung unserer Mannschaft bekannt gibt, die Vornamen ins Stadion-Mikro brüllt und Tausende Schwarzgelber die Nachnamen der Spieler zurückbrüllen. Das klingt dann ungefähr so (auch wenn der Clip nicht mehr so ganz aktuell ist):

Genauso soll es sein.

Wer will schließlich im Baumarkt schon Kuschelrock oder gar Unheilig oder Nickleback hören?

Ich jedenfalls nicht. Aber ich kauf ja auch kein Terracottatöpfen, dazu ein Säckchen Erde und ein paar Küchenkräutersamentütchen. Und schon gar nicht ein Fläschchen Seramisdünger, eine Bastelschere, Meisenknödel, Handtuchhalter-zum-auf-die-Fliese-kleben oder bunte Plastikaufbewahrungsboxen für den Küchenschrank.

Musik an.
Wir sehen uns bei Spaten und Spitzhacken…

PS: Bitte sehen Sie mir nach, dass ich Ihnen keinen Link zur Baumarktplaylist zur Verfügung stelle. Denn erstens ist es meine ganz individuelle Auswahl (und die richtige Musik ist eine höchst intime Angelegenheit) und zweitens könnten Sie ja gemüßigt sein, über diesen Link weitere Listen zu den wechselnden Gemütslagen auspionieren zu wollen. Das könnte dann doch peinlich werden.


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7 Kommentare


  1. Na, mit deinem Musikgeschmack kann man ja gut leben :). Jedenfalls in der Elektro und Schraubenabteilung ;). Danke für die Aufklärung :).

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  2. Wie wahr! Man steht vor einem Regal und konzentriert sich auf Maße und Zahlen, addiert Längen und Breiten, und dann ertönt auf einmal Werbung für einen WISCHMOPP und bringt einen völlig durcheinander. Zum Glück gibts ja in jedem Baumarkt die Abteilung mit den Ohrschützern.

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  3. Mensch habe ich früher Convoy gern geschaut. Hab ganz vergessen, dass es diesen Film mal gab. Auch wenn ich den Song nicht mag.

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  4. Oh, wie sehr wünsche ich mir stets diese Deine Playlist, wenn mich allmorgendlich der WDR2 mit Joris, Bourani, Tawil, Namika und Silbermond quält und mir als Krönung der Jammerlappen Tim Bendzo entgegenquäkt, dass er doch „keine Maschiiiiiine“ sei und mich Sarah Connor wissen lässt, wie die Neue Ihres Ex wohl mit ihm „kommt“. Brrrrrrr…….

    Übrigens: Die Einlaufmusik von S04 ist „Whatever you want“ von Status Quo. Kann man auch hören – oder?

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  5. Yes. That’s the place, that’s the sound. Kopfkino: Mit ’shoot to thrill‘ zufällig im Gang mit den Elektrogroß[!]werkzeugen. Nehme mir den pneumatischen Bohr- und Abbruchhammer als Luftgitarre! That’s a machine! Will ich schon seit Jahren, und an der Kasse, stelle ich mir vor, sitzt Sonya Krauss und …

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    1. Bisher war das für mich lediglich Lärmabwehr.
      Aber hier entwickeln sich gerade ungeahnte Möglichkeiten.

      „Thunderstruck“ – was könnte man nicht für Szenarien im Baumarkt mit diesem Song als Soundtrack entwickeln. Mit einer Nagelpistole. Oder einer Kettensäge. Oder einer Spitzhacke… 🙂

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