Senf und Paprika

Gibt es eigentlich noch Poesiealben?

Damit möchte ich nicht die Frage aufwerfen, ob man sie noch käuflich erweben kann. Dass man das kann, beantwortet mir Google sofort.
Die Frage lautet: Wird dieser wunderbare Brauch noch gepflegt?
Offen gestanden: Ich habe keine Ahnung.

poesiealbum2Poesiealben waren immer ein Thema, das mir einigermaßen fremd geblieben ist. In meiner Kindheit hatten Jungs soetwas ohnehin nicht zu haben. Das war Mädchenkram. Und die Mädchen, die eines hatten, gaben mir ihre Poesiealben schon mal gar nicht, damit ich etwas Sinnhaltiges a la Sei sauber wie ein Hase und putz Dir oft die Nase oder Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur hätte hineinschreiben können.
Nur in Ausnahmefällen kam das vor. Zum einen wollten die Mädchen nicht, dass ich mit meiner Krakelschrift das schöne Album verunzierte. Da halfen auch die zuvor mit Bleistift und Lineal gezogenen Linien nicht, die man nach dem Eintrag und bitte um Gotteswillen erst nach (!) dem Trocknen der Tinte wieder wegradieren sollte.
Zweitens waren in meiner Grundschulzeit Jungs sowieso doof. Das dachten zumindest die Mädchen. Als wenn die das wüssten, diese doofen Gänse – dachten die Jungs.
Damit waren die Fronten geklärt und die Poesie blieb mir erspart.

Lehrer wurde ich nie, dass ich in die Verlegenheit gekommen wäre, zahnlückigen Grundschülerinnen irgend etwas von Goethe, was über das mittlerweile sprichwörtliche Fack Ju, Göthe hinausgeht, in ein Album schreiben zu müssen. Und das Fack Ju wäre wohl bei den sicherlich gegenlesenden Eltern auf besorgniserregte Befremdnis gestoßen.
poesiealbum1Als ich Pate wurde und anfing, unablehnbare Angebote zu machen, gab es schon kaum mehr Poesiealben. Sie wurden verdrängt von Steckbrief- und Freundschaftsbüchern. Glanzbildchen mit Silber- und Gold-Glitzer wurden durch Sticker ersetzt, zumeist mit Disney-Motiven statt mit Biedermeier-Röschen. Den Kindern war’s recht.
Was will eine Siebenjährige auch mit dem unverwüstlichen Edel sei der Mensch, hilfreich und gut anfangen, das seit Generationen in Poesiealben und Sinnspruchkalendern am Leben erhalten wird? Wobei ich wette, dass auch nur ein Bruchteil der Zitierenden weiß, wie denn eigentlich Goethes Das Göttliche weitergeht. Warum auch? Zu viel Bildung lenkt nur ab vom Wesentlichen.

In dem Alter, als meine Tochter ein Poesiealbum füllen ließ (Ja, sie hatte eins. Ja, es ist fast voll) kursierte allerdings ein sonderbarer Vierzeiler, den zu memorieren sich wirklich lohnt. Zwar steht er nicht in ihrem Büchlein, aber in anderen Alben, die bisweilen kurzzeitiger Gast auf unserem Esstisch waren und zum Schmökern verführten, konnte man ihn lesen. Eingetragen von Mitschülerinnen (Grundschule 2. oder 3. Klasse) in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts:

Wenn Du bist in Afrika
Zwischen Senf (*) und Paprika
Wenn Dich erst die Neger fressen
Dann erst will ich Dich vergessen

Stich von Théodore de Bry, 1562

Ich wiederhole: Frühes 21. Jahrhundert!
Beeindruckend, diese kulturelle und intellektuelle Reife im Land von Laptop und Lederhosen.

Vielleicht war das doch gar nicht so blöde, statt Poesiealben Freundschafts- und Steckbriefbücher in Umlauf zu bringen. Da bleibt einem mancher Unfug erspart.
Vielleicht würde dazu noch ein wenig Poesie Goethe in Langform den hiesigen Eingeborenen gut tun – vor allem, denen, die sich so vehement auf die Fahnen schreiben, vehemente Verteidiger der abendländischen Kultur zu sein.

Goethe? Kann man das essen?
Ja? Na, dann n’Guadn.

(*) Eine alternative Lesart erstetzt Senf durch Speck. Das macht es geschmacklich zwar anders, aber nicht besser.

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5 Antworten

  1. Martina sagt:

    Sehr schöner Beitrag, zu dem mir ein Spruch aus meinem Poesiealbum einfällt:

    „Wenn Dummheit klein machen würde, müssten manche Leute mit Stelzen unter dem Teppig (!) laufen“.

    Herrlich, oder?

  2. Ingwer sagt:

    … hilfreich und gut,
    denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.

    Wind und Stürme, Donner und Hagel
    rauschen ihren Weg und ergreifen vorübereilend einen um den andern.

    Auch so das Glück tappt unter die Menge,
    fasst bald des Knaben lockige Unschuld,
    bald such den kahlen, schuldigen Scheitel

    … oder so ähnlich

  3. Ulrike sagt:

    Zu meiner Poesiealbum-Zeit ging der Spruch noch so:

    Wenn die Flüsse rückwärts fließen,
    und die Hasen Jäger schießen,
    und die Mäuse Katzen fressen,
    dann erst will ich Dich vergessen.

    Das war auch keine große Poesie aber immerhin politisch korrekt…

  1. 14. Juli 2016

    […] vielen Jahren mal wieder zur Hand genommen, nachdem ich bei Lutz Prauser, dem Zwetschgenmann, einen Beitrag über genau dieses gelesen habe. Beim Durchblättern kam doch so einiges Erstaunliches zu […]

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