Schwarz sehen, wo doch alles weiß ist

Da standen sie nun, oben am Gipfel, am Brandstadl und wussten nicht weiter: Renate und Harald.
Die schon wieder.
Renate im himmelblauen, gesteppten Anorak, die Hose schwarz. Harald in hellgrau.
Warum nur, frage ich mich, trifft man auf die zwei einfach überall? Selbst auf über 1.500 Metern Höhe in den Bergen Tirols?
Die Antwort liegt auf der Hand – Typen wie Renate sind omnipräsent, es gibt einfach zu viele davon. Wen wundert es also, dass die Renates längst auch die Skiorte erobert haben. Und auch dort führen sie ihr eisernes Regiment, gängeln und kommandieren ihre stets bemitleidenswerten Haralds herum, dass den unbeteiligten Zeugen nichts anderes übrig bleibt, als sich fremdzuschämen – oder sofort zu verschwinden, bevor es noch peinlicher wird.
„Die doch nicht, Harald“, tobt also Renate und deutet mit der Spitze ihres Schistocks auf die rechte Abzweigung.
„Da müssen wir lang.“
Harald weiß, dass das falsch ist, aber was würde es ihm nützen?Ab hier schwarz... Pistenbegutachtung
Eine weitere unsinnige und vor allem ergebnislose Diskussion würde folgen, Renate würde ihren unter einem weißen Helm verborgenen Dickschädel durchsetzen – am Ende würden sie doch machen, was sie sagt. Nicht zuletzt, weil Harald weiß, dass Renate solche Diskussionen über den richtigen Weg kreuz und quer durch ein Skigebiet damit beendet, dass sie einfach losfährt. Und da bleibt Harald also nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Direkt hinein in den Abgrund.
So ist es auch dieses Mal.16684213_10206844326981520_5503695883719637057_n
Denn wenige Minuten später finden sich die beiden im Dauerclinch liegenden Eheleute mitten auf der schwarzen Piste hinunter nach Scheffau wieder. Und die ist – im Gegensatz zu den anderen schwarzen Pisten im Gebiet – wirklich etwas schwieriger. Denn sie geht nach Norden, ist daher hart, manchmal abgefahren und schattig, was wiederum nicht besonders hilfreich ist, um die Beschaffenheit des Untergrunds zu erkennen. So landet man gerne mal unverhofft auf einer Eisplatte, einem kleinen Buckel oder ein paar Bodenwellen. Zumindest, wenn man das Gelände nicht kennt.
Und genau das ist bei Harald und Renate der Fall.
Hilflos, überfordert, ängstlich kleben sie im Hang. Die Piste ist eben schwarz.salve-03

Nächste Woche vielleicht?
Harald hatte Recht behalten. Zur blauen Piste, die ihrem Fahrvermögen weitaus mehr entsprechen würde, hätten sie weiter oben den Ziehweg nehmen müssen.
Aber Renate, die nie einsieht, dass sie einen Fehler gemacht hat, ranzt ihren Mann nur an, als er es wagt eine Bemerkung zu machen.
„Hilft ja nichts, da müssen wir jetzt durch“, kommentiert sie und tastet sich langsam den Berg herunter. Sie fährt quer zum Hang von einer zu anderen Seite bis ganz an den Pistenrand, traut sich keinen Schwung zu und bleibt unentwegt stehen. Als sie dennoch einen Schwung wagt – was bleibt ihr übrig – fällt sie, rutscht drei Meter den Hang runter, was ihr nicht ungelegen kommt, bevor sie sich umständlich wieder in die Vertikale bewegt.
Harald versucht es mit Seitabrutschen, schabt den Schnee vom Hang und grummelt wütend in sich hinein. Warum nur kann seine Frau ihm nicht einmal glauben. Schließlich war er es doch, der in Vorbereitung auf den Skitag Pistenplan fast auswendig gelernt hat. Und der ihr vorgeschlagen hat, die Abfahrt ins Tal mit der Gondel zu machen, sie seien schließlich schon lang genug unterwegs gewesen.
„Nichts da“, hatte Renate geantwortet. „Die Abfahrt machen wir auch noch! Stell Dich nicht so an. Außerdem ist die ja ganz leicht…“

Da hat sie sogar recht – wenn man nur die richtige Piste nimmt. Statt dessen sehen sie eben schwarz…salve-08
Der Chronist oben am Berg lächelt in sich hinein. Wie weggeblasen war die Scham, wieder die Skipiste dem Schwimmbad vorgezogen zu haben. Statt 3 oder 4 Kilometer zu schwimmen lieber 50 Kilometer, 26 Lifte, 7.000 Höhenmeter und über 330 Minuten Spaß.

„Auf geht’s“, ruft er seiner Begleitung zu, wendet die Spitzen seiner funkelnd roten Skier Richtung Tal und lässt sich in den Hang fallen.
Wolken feinsten Schnees steigen bei jedem Schwung, den er macht, hinter ihm auf. Auch wenn die Oberschenkel zu glühen beginnen – er nimmt den Steilhang in einem Stück.
Denn er genießt das Tempo, den Rhythmus der Schwünge und das Gefühl, wie sich die Skier unter ihm elegant und fast wie von selbst über den Schnee drehen. Und die neidischen Blicke Renates. Da ist er ehrlich.


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2 Kommentare


    1. Danke – die Bilder stammen allesamt aus dem Skigebiet am Wilden Kaiser. Und sind „nur“ Handy-Fotos.

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