Potemkins Dorf heißt Albaching

Albaching ist auch so ein Ort…Albac3

Wie… das Dorf kennen Sie nicht?

Dabei zählt meiner persönlichen und unmaßgeblichen Meinung nach Albaching zu den größten Mysterien, die unser Land zu bieten hat. Laut Wikipedia lebten dort im Dezember 2013 1.708 Einwohner, damit immerhin 94 Personen pro km2. Die Einwohnerdichte ist deutlich höher als in Schweden, den USA oder Brasilien. Es gibt eine Kirche, schön groß, wuchtig und barock, wie es sich für einen oberbayerischen Ort gehört, eine Schule, eine Pizzeria, zwei Bankfilialen, eine Bäckerei, einen kleinen Supermarkt, einen Fußballplatz und eine Schule.
Es gibt außerdem einen Maibaum, einen Dorfteich und mehrere Kreisverkehre, die ja mittlerweile bis in die winzigsten Dörfer Einzug gehalten haben. Albaching hat also alles, was ein Dorf braucht – nur eines nicht: echte, lebende Einwohner. Denn entgegen den Angaben von Wikipedia kommt uns Albaching jedes Mal vor wie ein potemkinsches Dorf.
Wenn wir – was mit schöner Regelmäßigkeit passiert und das zu den unterschiedlichsten Tages- und Jahreszeiten – Albaching durchqueren, sehen wir kaum Menschen auf den Straßen. Pferde hingegen gibt es en masse. Aber Menschen nicht. Egal ob im Sommer oder Winter, morgens oder abends, werktags oder am Wochenende. Wenn nicht gerade ein Fußballspiel läuft oder an einem lauschigen Sommerabend ein paar Gäste im Garten vor der Pizzeria sitzen, dann ist das Dorf etwa so lebendig wie die mexikanischen Grenzstädte in den Spaghetti-Western der 60er…. nachdem die Banditos dagewesen sind.
Vermutlich ist das ganze Dorf eine einzige Kulisse für irgendeine Vorabendserie. Anders lässt es sich nicht erklären, warum dieser Ort überhaupt exitiert. Denn wenn man mal mehr als drei Menschen auf der Straße sieht (Radfahrer inbegriffen), dann ist das viel. Und wer von uns das richtig prognostiziert hat, gewinnt den Preis des Rechthabers.
Das bedarf einer Erklärung:
Seit wir vor vielen Jahren in die Gegend östlich von München gezogen sind, fahren wir mit schöner Regelmäßigkeit durch Albaching. Das Dorf liegt auf dem Weg in den Chiemgau, der mit allerlei lohnenswerten, touristischen Zielen ausgestattet ist – und mit Verwandtschaft, die wir gelegentlich besuchen. Im Winter kürzen wir den Weg zu den Skigebieten nach Tirol ebenfalls ab und vermeiden den Umweg über Autobahn und Irschenberg. Ob der Weihnachtsmarkt in Wasserburg oder auf der Fraueninsel, das Herbstfest oder eine Ausstellung im Lokschuppen in Rosenheim – Albaching liegt immer auf dem Weg… Selbst in den Urlaub oder nach Rom.
Und da uns seit Jahr und Tag wundert, dass wir bei der Durchfahrt nie Menschen auf den Straßen sehen, haben wir uns gefragt, ob da überhaupt jemand wohnt. Irgendwann haben wir angefangen, die Menschen auf den Straßen bei der Durchfahrt zu zählen. Mal ist es einer, mal drei oder vier, oft auch gar keiner. Und spätestens beim Passieren der Ortstafel muss jeder im Auto seine Schätzung abgeben, wie viele es dieses Mal sind. Das ist fester Programmteil einer jeden Tour – so wie wir uns jedes Mal freudig darüber streiten, wo uns vor Jahren im Großhaager Forst eine Schlange fast vor’s Auto gekrochen wäre, oder uns erinnern, wo der Blitzer stand, der mir 30 €uro Bußgeld eingebracht hat und wo wir mal, als die Kinder klein waren, für eine Pause anhalten mussten… usw. usw.
All das dient der Kurzweile bei der etwa einstündigen Fahrt – und man wird erfinderisch, wenn man Kinder im Auto hat. Einmal werden alle Kirchtürme gezählt, einmal die Unfalltoten-Kreuze am Wegrand (es sind über 40 auf 68 Kilometer) – was macht man nicht alles, wenn man die Strecke in- und auswendig kennt?
Irgendwann hat es sich ausgezählt und gespielt, die Kinder sind groß. Aber die Menschen in Albaching zählen wir immer noch. Das hat gute Tradition. Wir haben uns angewöhnt, vorher Tipps abzugeben, kakulieren Wetter, Wochentag und Uhrzeit (Kirche ist gerade aus, Supermarkt-Einkaufszeit, Fernsehabend…) ein und schätzen. Doch meistens liegen trotz jahrelanger Erfahrungen all unsere Schätzungen daneben – und es ist einfach niemand auf der Gass (Gruß nach Hessen).
Aber auf den Weiden sind es mehr als 20 Pferde…

Albac2Vermutlich tue ich der Gemeinde fürchterlich unrecht. Es gibt ganz sicher ein blühendes Dorf- und Vereinsleben mit zahlreichen Festi-, Akti-, Kuriosi- und Attraktivitäten. Nur ist für den Durchreisenden davon nicht viel zu sehen. Ich möchte auch ganz besonders betonen, dass ich nichts, aber auch rein gar nichts gegen diesen Ort oder seine Bewohner, wenn es denn tatsächlich welche gibt, habe. Wie käme ich auch dazu? Ich kenne Albaching im wahrsten Wortsinn nur en passant, ein einziges Mal haben wir angehalten um den Geldautomaten der Bank zu benutzen. Vielleicht liegt da der Fehler. Vielleicht sollten wir öfter mal Stopp machen und eine Runde um den Dorfteich flanieren. Oder wieder mal zum Fußballplatz fahren. Denn da – man höre und staune – war ich schon mal. Vor vielen Jahren als begleitender und chauffierender Spielervater unserer E-Jugend. Und die Albachinger haben die unsrigen in Grund und Boden gespielt. War es 22:0? Irgendwo in dieser Größenordnung endete das Spiel.
Damals waren sogar neben den gegnerischen Spielern, dem Trainer und dem Schiedsrichter ein paar Eltern der Gastmannschaft dort. Sie waren zum Zuschauen gekommen. Ob die allerdings tatsächlich aus Albaching stammten, ließ sich nicht ergründen.
Und ich habe einmal angehalten, um als Beweisbild die Ortstafel zu fotografieren. Vier Kinder waren in der Ferne mit ihren Schlitten unterwegs. Kritisch beäugte uns ein Einwohner, der gerade seinen Kofferraum entlud. Zwei Kinder kamen aus einem der Häuser.
Da waren’s dan schon sieben. Am Ende waren es 14. Geschätzt haben wir vorher nicht, es wäre sowieso völlig falsch gewesen…

albac1

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1 Antwort

  1. rollinger sagt:

    hehe Albaching ist überall. Evtl. haben die Verkehrstote was mit dem Dorf zu tun?

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