Männer, die auf Waren starren…

Vor mir steht… Harald. Ich erkenne ihn auf den ersten Blick. Leicht vorgebeugt, die Hände hinter dem Rücken gefaltet steht er mitten im Gang im Supermarkt und schaut seiner Frau zu, wie sie die Waren des Wochenendeinkaufs prüft. Längst hat er aufgegeben, sie dabei zu unterstützen. Nicht erst seit dem Drama um die Schlesischen Gurkenhappen weiß er, dass er sowieso alles falsch macht. Also stellt er sich geduldig mit dem Ausdruck größtmöglicher Entspanntheit und interessierter Beobachtung hinter seine Frau. Sonst denkt sie am Ende noch, er drängelt, und das kann Renate gar nicht leiden, es sei denn, sie macht es selbst. Also starrt er auf die Waren, aber eigentlich geht sein Blick ins Leere. Gebe ich unserem Einkaufswagen einen kräftigen Stoß, dann fahre ich ihn buchstäblich über den Haufen. Aber so etwas gehört sich ja nicht.
Harald im Supermarkt auf Waren starrend
Peter, mein stets grantiger Freund, ist da ganz anders als der bemitleidenswerte Harald. Er ist Einkaufsprofi und arbeitet mit seiner Frau im Teamwork. Jedenfalls sieht er das so. Während seine Frau die Obsttheke absucht, scannt er vor allem die Sonderangebote und Aktionsware, die nicht dauernd verfügbar ist. Dazu verkrümelt er sich als Erstes in den Tchibo-Shop, was mich immer wieder stutzig macht, denn Peter schwört Stein und Bein, nie wieder irgendein Elektrogerät oder Werkzeug dort zu kaufen. „Das geht doch sowieso sofort kaputt“, schimpft er, gleichzeitig aber lenkt er ein: „Aber schauen kann man ja mal…“
Hernach schlendert er an den Regalen vorbei und sucht vornehmlich das zusammen, was er benötigt – zum Essen oder im Bad. Denn Zahncreme ist nicht gleich Zahncreme und Müsli ist nicht gleich Müsli. Da hat seine Frau schnell mal was Falsches im Wagen… so wie Harald mit den Gurkenhappen. Und Peter entdeckt immer etwas, bei dem seine Frau zwar anfangs die Augen rollt, warum er das denn jetzt kauft. Aber am Ende putzt sie ihm doch die ganzen Leckereien fast im Alleingang weg.
Heute aber ist Peter unzufrieden und das merke ich ihm an, als ich ihn zufällig auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt treffe. Er geht, ich komme.
„Du findest da drin nichts mehr, es ist eine Katastrophe“, empört er sich, denn der Supermarkt seines Vertrauens hat die Ware umgeräumt. „Da gehst Du dahin, wo früher das Frühstückszeugs stand“, damit meint er die Cerealien. „Und Du steht vor eingelegten Oliven und Peperoni!“ Er regt sich auf. „Aber es steht noch immer fett ‚Müsli‘ oben über dem Regal!“ Ich stelle mir vor, wie Peter empört und verärgert feststellt, dass sich sein geliebtes Seitenbacher-Müsli plötzlich nicht mehr am angestammten Platz befindet. „Du suchst und suchst, rennst die Gänge rauf und runter und nichts ist mehr da, wo es hingehört.“
Ich ahne Schlimmes. Dosentomaten, die Peter ja so wahnsinnig gerne sucht, stehen vielleicht da, wo früher Babynahrung war. Selbige hat das Toilettenpapier aus den Regalen verdrängt und so sucht sich Peter dumm und dämlich. Nur das Kühlregal ist aus zwingenden Gründen am angestammten Platz geblieben.
„Dann musst Du eben wieder zum Marken-Discounter fahren, wo Du sonst auch immer alles eingekauft hast“, rate ich ihm.
Doch er wehrt ab. „Eben nicht. Hör mir bloß auf mit denen.“
Ich kann mich nicht erinnern, dass dort alles umgeräumt wurde und frage irritiert nach.
„Nein, umgeräumt haben sie nicht. Aber jede Woche habe ich Theater mit dem Leergut-Pfand.“
Das lasse ich mir näher erklären. Peter, so erzählt er mir, schiebt Frust, weil seine bevorzugte Mineralwassermarke nicht nur den Preis erhöht hat, sondern auch die Flaschenform gewechselt hat. Das an sich ist kein Drama. Aber jetzt steht Peter mit dem Leergut im Laden und es geht nicht weiter.
„Die neuen Flaschen akzeptiert der Leergutautomat nicht. Jedes Mal wirft er Flaschen oder Kisten wieder aus, weil er die nicht erkennt und daher nicht annimmt.“ Peter wird hektisch. Vermutlich erinnert er sich gerade, wie er vor dem Automaten gestanden hat. „Das geht jetzt seit Monaten so…“
„Jedes Mal Also musst Du klingeln. Irgendwann bequemt sich dann jemand, zu kommen. Du weißt ja, wie wenig Leute bei den Discountern arbeiten. Dann nehmen sie dir den Kasten ab. Mal schieben sie einfach einen von einer anderen Sorte durch den Automaten. Mal schreiben sie Dir einfach einen Bon mit der Hand.“
„Und dann?“ Damit müsste doch eigentlich das Problem gelöst sein.
Peter schaut mich an. „Wie… und dann?“ fragt er zurück.
„Dann stehst Du an der Kasse und musst wiedermit den Leuten rumdiskutierten, weil natürlich ein handgeschriebener Bon nicht von dem Scanner einlesbar ist.“
Das verstehe ich. Ich verstehe auch, dass er das Wasser nicht einfach beim nächstgelegenen Getränkemarkt kauft. Das ist nämlich eine Fahrt extra. Und die führt in die Fremde. Und außerdem kostet das Wasser da, wenn sie die Marke überhaupt haben, vielleicht 20 Cent mehr. Was ich aber nicht ich verstehe und ihn frage, ist:
„Warum wechselst Du dann nicht einfach die Marke, wenn du jedes Woche den gleichen Automatenstress hast; und das seit einem Dreivierteljahr?“
Als ich ihn das frage, starrt er mich an, als habe ich ihm gerade ernsthaft vorgeschlagen, sich ein Piercing durch die Brustwarze stechen zu lassen – ungläubig und fassungslos angesichts so großer Menschenunkenntnis und mangelnder Sensibilität. Wie konnte ich nur?

Entschuldigung.

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