Peter nörgelt

Ort des Grauens…

Dass Peter nörgelt, ist nicht weiter ungewöhnlich. Er ist halt so. Nachdem unser Verhältnis nach Peters Stuhlgangproblemen etwas abgekühlt war, wagen wir wieder einen Neuanfang. Außerdem sucht Peter jemandem, dem er seinen großen Kummer erzählen kann.
Zu seinem großen Unglück hatte ihn sein Arbeitgeber für eine Woche auf eine Schulung in ein Tagungshotel in eine Großstadt irgendwo im Norden geschickt. Dramatisch für jemanden, der es daheim am schönsten findet, weil jeder Winkel seines Zuhause genauso ist, wie er sich das vorstellt. Denn es ist sein Zuhause, er hat es geschaffen und gestaltet, alles nach seinen Vorstellungen, alles nach seinem Geschmack. Und nur deshalb kann es nirgendwo sonst auf der Welt so schön sein wie dort.
Zudem musste Peter, so seufzt er, eine Woche lang die Tage vor allem aber die geselligen Abende mit seinen Kollegen verbringen. Das ist nichts für jemanden, dessen Interesse an innerbetrieblichen Sozialkontakten nicht besonders ausgeprägt ist.
Dann zückt er plötzlich sein iPhone raus, wählt die Bildergalerie und grantelt: „Ich muss Dir was zeigen!“.
Die Dusche nämlich, so erzählt Peter, sei das Allerletzte gewesen. „Da fängt der Tag schon mit ner Sch…laune an!“ Peter wird richtig unflätig, so kenne ich ihn gar nicht, als er sich über die Einhandmischbatterie aufregt. „Dieses Mistteil. Nie kannst Du die Wassertemperatur so einstellen, wie Du es brauchst. Daheim drehe ich an und das Wasser kommt exakt so aus dem Duschkopf. Und zwar ein ordentlicher Strahl. Nicht so ’ne Plörre wie in….“

Ein dunkler Saum umschmiegt Peter

Er nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. „Und das Schlimmste…“ Unwillkürlich muss ich an Norman Bates, seine Mutter und die legendäre Duschszene aus Alfred Hitchcocks Psycho denken. Kommt jetzt das Messer hinter dem Vorhang? Aber bei Peter muss man mit Scherzen behutsam sein, vor allem, wenn er wütend ist. Also behalte ich das für mich.
„Entweder heiß oder kalt. Was dazwischen ging gar nicht. Mal macht Dich die Dusche zum Hummer, ne Sekunde später läuft Dir das Wasser vom Beringmeer über den Schädel. Und dabei hab ich die ver…. Amatur nicht mal angefasst. Natürlich genau dann, wenn Du Shampoo auf’m Kopp hast und die Augen zu.“
Jetzt ist Peter in Rage.
„Weißt Du, da ist Wand an Wand das Bad vom Nachbarzimmer. Steht dann da so’n Depp unter der Dsuche, bekommt man das erst recht ab. Und wenn der Idiot nebenan dann dauernd an der Mischbatterie herumspielt…“
Ich nicke verständnisvoll und frage mich, wie oft er denn versucht, das Wasser anders zu temperieren.
Peter tobt sich aus: „Aber das Beste kommt erst noch. Die Dusche hat nur so’n einfachen Vorhanglappen. Und der hängt nicht nur  senkrecht runter. Der zieht sich immer in die Dusche rein. Und befingert dich. Gräßlich. Immer grabscht der einem an die Beine und sonstwo.“
Jetzt hat er endlich das Bild gefunden. „Und dann schau Dir das mal an.“ Stolz hält er mir sein iPhone unter die Nase. „Schimmel und Siff“. Peter ist noch immer sichtlich verärgert.
„Wie eklig!“ pflichte ich ihm bei. „Und was machst Du mit den Bildern?“
„Die mail ich Dir, Du schreibst was in Dein Blog und ich schicke den Link dann mal meinen Kollegen und mach ein bisschen Stimmung. Dann werden wir ja sehen, ob wir nächstes Jahr noch mal in diese Bruchbude müssen.“
Den Gefallen tue ich Peter gern. Bitte schön.

Corpus Delicti.

„Und jetzt schau Dir das mal an“. Er zeigt mir einen Hotelflur mit einem zauberhaft gemusterten Teppichboden.
„Da lag so ne Plastikverpackung. Fünf Tage. Weißt Du, wie oft ich an der vorbeigegangen bin? Zig mal am Tag. Und immer lag der Müll dort unbewegt. Das heißt: Da wurde nicht aufegräumt, nicht gesaugt, gar nichts. Was für ne Dreckhütte.“
„Ähm“, räuspere ich mich und signalisiere, dass ich Peter etwas antworten möchte. Tatsächlich unterbricht er seinen Redefluss.
„Es wäre doch gar kein Akt gewesen, das Plastikteil hochzuheben und wegzuwerfen. Sicherlich weniger aufwendig, als es zu fotografieren.“
Zwei Augen starren mich fassungslos an. Mit deutlicher Empörung in der Stimme fragt er mich: „Ich? Wie komm ich denn dazu? Ich war doch zahlender Gast und nicht der Hausmeister oder die Putzfrau.“
Da hat er recht. Das führt nun wirklich zu weit.

1 Antwort

  1. 8. Mai 2014

    […] in dem Hotel ist…“ sagt er und ich weiß, dass gleich wieder die große Litanei über das Drama im Hotel losgeht. Ein tagelang auf dem Hotelflur herumliegendes Papierchen, was für ein Indiz über […]

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