Peter muss mal, aber er kann nicht…

Peter muss mal. Und es ist dringend…

Toilettengänge sind etwas Intimes. Nicht umsonst heißt es: Stilles Örtchen. Man will einen Augenblick für sich sein – völlig ungestört einmal loslassen können. Man spricht nicht darüber und man bloggt auch nichts. Eigentlich!
Aber bekanntlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Und Tabu, Diskretion und guter Geschmack sind dehnbare Regelwerke für jegliche Form der Veröffentlichungen. Heute also eine kleine Klogeschichte, die mir mein Freund Peter zugetragen hat. Peter arbeitet im öffentlichen Dienst, in der Verwaltung mit etwa 25 Kolleginnen und Kollegen. Man(n) teilt sich zu zehnt eine Toilette. Wohlgemerkt eine!
Zehn Kerle, ein Schacht, wie Freund Matze es ausdrücken würde, aber der ist ja auch im Fuhrpark beschäftigt. Da macht man nicht so viele Worte. Dazu kommen zwei Urinale und der Vorraum mit Waschbecken. Bei den Kolleginnen ist die Lage etwas entspannter. Statt der Urinale gibt es eine weitere Kabine. Nun ist – um zum Anfang zurück zukommen – der Toilettengang etwas sehr Privates. Das lässt sich in den eigenen vier Wänden sicher problemlos bewerkstelligen, zur Not prallen andere Familienmitglieder an der verschlossenen Tür ab. Egal, ob sie sich nun ebenfalls erleichtern wollen oder das Glätteisen benötigen, weil sie so, wie sie sind, auf gar keinen Fall aus dem Haus gehen können.

Matze auch, aber der stellt sich nicht so an…

Dass es auch ganz anders geht, zeigen z.B. die Toilettenanlagen im Fußballstadion. Der Einzelne versinkt in der Anonymität. Da einen dort niemand kennt, ist sowieso alles egal. Man wird zwar gern mal von den sympathischen Fans der gegnerischen Mannschaft, wenn sie denn hinter einem in der Schlange stehen angepöbelt: „Ey, ich schiff Dir gleich in den Nacken!“ Aber der Mann meint’s ja nicht so. Er kann’s halt nicht ertragen, dass seine Mannschaft in der ersten Halbzeit bereits ein paar eingeschenkt bekommen hat. Man dreht sich gut gelaunt um und sagt: „Beschissenes Spiel, beschissene Fans, so sind die Blauen“ und schaut zu, dass man Land gewinnt. Ich schweife ab. Wo waren wir? Stimmt: Bei Peters ganz persönlichem Klo-Trauma. Wenn jeder jeden kennt, letztlich aber doch wieder nicht so gut, dann möchte man auf dem Klo allein sein – ungesehen, ungehört und unberochen. Ja genau: unbeschnüffelt ist gemeint. Sie haben ganz richtig gelesen. Nun ist das auf Peters Amtsstube so eine Sache. Wenn ein öffentlich subventionierter Toilettengang ansteht, dann – so berichtet Peter – versichern sich die Kollegen gern, dass sie auch wirklich allein sind. Was heißt: Ist der Lokus verriegelt und seht auf rot, dann dreht der Nachrücker gleich auf dem Absatz um. „Jeder kennt hier jeden. Und ich will nicht hören, wie mein Kollege sich den Hintern abwischt“, meint er. „Das ist doch wohl selbstverständlich… “ Peter meint, er könne seinem Schreibtischgegenüber oder Büronachbarn nicht mehr unbefangen in die Augen sehen, wenn er fünf Minuten vorher Zeuge von dessen Duft ablassen gewesen ist. Meinen Einwand, er wisse doch gar nicht, wer seiner Kollegen hinter der Kabinentür hocke, lässt er nicht gelten. „Nee, das will ich auch gar nicht wissen. Lieber warte ich zehn Minuten und gehe dann noch mal auf’s Klo.“ Außerdem, so meint er, sehe er ja vom Flur aus, wer gerade an seinem Schreibtisch sitze und wer nicht. „Da ist doch sofort klar, wer gerade einen in die Pfanne drückt!“ Entschuldigung, Peter drückt sich manchmal etwas derb aus. Viele Jahre und Formulare haben ihn mürbe gemacht und wenig empfänglich für die schöngeistigen Seiten der Welt. Ich drehe den Spieß um und frage, was er denn mache, wenn er auf dem Klo sei und plötzlich jemand hereinkäme. Aber eigentlich ist es mir schon klar: Peter verfällt in Schockstarre, bleibt regungs- und geräuschlos so lange sitzen, bis der Kollege sein Geschäft verrichtet, die Finger gewaschen und die Toilette verlassen hat. Kein Gedanke, Klopapier von der Rolle zu reißen oder es zu benutzen oder gar die Spülung zu benutzen. Das wäre ja ein Eingeständnis: Ja, ich hocke hier… Vermutlich hält Peter sogar die Luft an – wenn möglicherweise auch aus anderen Gründen.
„Und das machen alle Kollegen so“, erzählt Peter. Aber ganz kann ich mir das nicht vorstellen, will ich auch gar nicht.
Seit ein paar Wochen hat sich die Situation dramatisch verschärft. „Die Türverriegelung der Kabine ist im A…“, seuft Peter. „Und der Hausmeister kümmert sich nicht. Obwohl wir ihm das schon zig mal gesagt haben.“ Nicht, dass man nicht abschließen könne, und plötzlich der Günni von Zimmer V243b in der Tür steht, wenn Peter mit heruntergelassener Hose und Papier in der Hand…  „Nein! Die Sache ist viel diffiziler“, klärt Peter mich auf.  Die Anzeige draußen steht dauerhaft auf „Rot“, egal, ob wer drin sitzt und abgesperrt hat oder nicht… Das heißt: Peter und seine Kollegen können nicht sehen, ob gerade jemand eine Sitzung abhält und die Tür abgeschlossen hat, oder ob die Kabine leer ist, solange die Tür zu ist. Was tun? Einhalten und auf dem Absatz kehrt machen? Trotzdem urinieren?

Schweigend in Starre verharrend… Der arme Peter

Für Peter ein großes Problem. Dabei wäre die Lösung so einfach: Einfach mal das Licht ausschalten. Bei fensterlosen Toiletten ohne Tageslicht ist das höchst effektiv. Beschwert sich aus der Kabine einer, welcher Idiot gerade das Licht ausgeknipst hat, sind die Verhältnisse klar. Beschwert sich keiner, dann ist die Luft rein… Im wahrsten Sinne des Wortes. Oder bleibt Peter etwa so lange im Dunkeln hocken, bis der Nächste kommt und das Licht wieder einschaltet? Probleme haben die Leut‘ – und das alles für unser Steuergeld…
Und warum erzähl ich Ihnen das alles? Damit Sie auf dem Klo etwas zu lesen haben. Oder lassen Sie ihr iPhone etwa während des Toilettenbesuchs auf dem Schreibtisch liegen?

7 Antworten

  1. Svenja Homölle sagt:

    ich finds herrlich und die Sorgen kann man durchaus ernsthaft verstehen :-)!

  2. Peter sagt:

    Interessante Beobachtungen. Ich kannte mal eine öffentlich-rechtliche Institution, die das wohl irgendwie anders zu lösen vermochten. Wenn Du da unangemeldet zwischen 8 und 9 Uhr morgens rein kamst, trafst du ausschliesslich auf verwaiste Büros. Die waren immer alle gleichzeitig beim Notdurf verrichten. Da die Dienstleister für Kommunen waren, nannten wir das immer den „Kommunal-Schiss“. Vielleicht ein Benchmark/Best Practice für Peter? Ansprechpartner wären dem Verfasser bekannt.

  3. Wusste gar nicht dass der Nachfolger des preussischen Beamten noch genauso verklemmt ist, wie sein Vorfahr, klingt aber durchaus plausibel.

    Ich könnte, würde ich mich je auf so ein Niveau herablassen, wie Sie verehrter Zwetschgenmann, einiges von der „Poop it loud, poop it proud“ Fraktion unserer Gesellschaft erzählen. Nur um diesem degoutanten Blogpost einen entsprechenden Kommentar zu geben, warst du je auf einer grossen Messe (CeBIT usw.) morgens auf dem Massenabort, wo Handelsvertreter und Standpersonal ihren Bierschiss von der Standparty am letzten Abend ….

    Da wünscht man sich die verkniffene Zurückhaltung von Peter und seinen Kollegen vom öffentlichen Dienst.

  4. Katharina Kolb sagt:

    so hat halt jeder seine sorgen heutzutag…

  1. 6. Mai 2012

    […] redet nicht mehr mit mir. Er findet, ich habe eine Indiskretion begangen, seine Stuhlgangprobleme öffentlich zu machen. Die ganze Welt – so meint Peter – lache nun über ihn. Meine […]

  2. 16. Juli 2012

    […] köllsche Robert ist mittlerweile hier angekommen, von ihm werden wir noch öfter lesen. Und auch Peter, der Schreibtischarbeiter mit dem Stuhlgangproblem, der im realen Leben durchaus eine Entsprechung […]

  3. 27. Oktober 2012

    […] nörgelt, ist nicht weiter ungewöhnlich. Er ist halt so. Nachdem unser Verhältnis nach Peters Stuhlgangproblemen etwas abgekühlt war, wagen wir wieder einen Neuanfang. Außerdem sucht Peter jemandem, dem er […]

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