Offener Brief an meine Facebook-„Gefolgschaft“

Da ist es wieder, der Welttag der gesunden Ernährung. Schon zum zwanzigsten Mal wird er begangen. Ich nutze dieses Jubiläum, um diesen offenen Brief an meine Blogleser und vor allem an meine Facebook-„Gefolgschaft“ zu schreiben und etwas klarzustellen:
Ich möchte mich öffentlich dazu bekennen, dass ich mich nicht gesund ernähre – und auch keinerlei Ambitionen dazu entwickeln. Nicht, weil ich es nicht kann, sondern weil ich es nicht will.gutes-essen

Das bedarf einer Erklärung, denn es gilt mitnichten der Umkehrschluss, dass ich mich absichtlich, trotzig, fahrlässig und provokant ungesund ernähre. Ich verweigere mich der gesunden Ernährung nicht aus kategorischen Grundsätzlichkeiten heraus.
Die Regel ist viel einfacher: Ich esse dann das, auf was ich gerade Lust habe (und es mir aktuell zur Verfügung steht). Und wenn ich gerade keine Lust darauf habe, keinen Appetit oder mir etwas einfach nicht schmeckt – dann esse ich es nicht. Egal, ob es gesunde Ernährung, Superfood, vegetarisch, laktosefrei, regional erzeugt, moralisch erhaben oder sonst was ist – oder eben nicht.
Fertig.

Mittlerweile habe ich, weil diese Diskussionen immer wieder bei Facebook auftauchen und zu extrem starker Moralisierung neigen, eine weitere ganz simple Maxime entwickelt, wie mit diesem Thema umzugehen: Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob meine Essens- oder Konsumgewohnheiten bei irgendwelchen Mitmenschen Abscheu, Ekel, Anstoß oder Empörung verursachen oder einfach nur das, was ich beanspruche: tolerierendes Desinteresse.

Ich weiß: Viele Facebook-„Freunde“ meinen es nur gut. Sie teilen in nicht endenwollender Geduld und Bemühtheit proaktiv Links zu allerlei akzeptablen Seiten und Artikel im Internet, warum man dieses oder jenes nicht mehr essen soll. Mal aus gesundheitlichen, mal aus ethischen Gründen. Mal aus Empörung, mal aus Weltverantwortung.
Gelegentlich allerdings vergaloppieren sich einige und zitieren dabei Plattformen, die vor Unfug und Verschwörungstheorien, zusammengeklauten Halb- und Unwahrheiten nur so strotzen. Die Hetzfrauen wären da ein hervorragendes Beispiel.
Ich habe keine Lust mehr, das alles zu lesen. Ich klicke nicht auf die Links. Ich will das alles gar nicht wissen (vor allem nicht, was sowieso nicht wahr ist), ich will nicht beraten, nicht belehrt, nicht gebessert und nicht geläutert werden. Denn ich werde – wie gesagt – mein Konsumverhalten nicht ändern. Nicht deshalb.

Noch weniger aber beeinflusst es mich, wenn ich selbst bei Facebook oder Twitter Food porne, wenn mir in den Kommentaren oder Replies Menschen aus meiner Filterblase einreden wollen, ich dürfe ja wohl dieses und jenes nicht kaufen.
Nein Leute: Spart Euch die Mühe. Ich bin viel zu autistisch (oder zu zwanghaft?), um zum Beispiel auf mein samstägliches Baguette-Brötchen (pures Weizenmehl ohne Vogelfutterzusatz) mit Nutella zu verzichten.
Wenn es kein Nutellabrötchen gibt, ist der Tag gefährlich nah an der Schieflage. Was heißt: Schon um meiner seelischen Gesundheit willen werde ich meine Ernährung nicht ändern.
Und ja: Ich esse Nutella auch abends. Und trinke einen fetten, zuckerhaltigen Instant-Kakao dazu.
Facebook-Gefolgschaft: Wegschauen oder weggehen.Ich habe mir viel zu lange in meinem Leben anhören müssen, dass man abends kein Nutella essen soll – auch keine Marmelade. Und schon gar kein Weißbrot. Abends gehört eine ordentliche Scheibe Grau- oder Schwarzbrot auf den Teller, belegt mit was Herzhaftem (also Wurst oder Käse). So war das früher in meiner Kindheit. Aber solch totalitäre Ernährungsregeln und Prinzipienreitereien haben sich – man mag es nicht glauben – bis ins 21. Jahrhundert herüber gerettet. Ich kenne Fälle,da muss man sich nur noch wundern…

Aber wo wir gerade dabei sind. Es ist mir ebenfalls egal,

  • ob in Haribo-Weingummi Gelatine aus Knochenmasse ist,
  • ob die Kefir von einem Konzern stammt, der Arbeitsplätze ins Ausland verlagert und dessen Geschäftsführer angeblich die NPD unterstützt,
  • ob Palmöl in meiner/m Nutella ist,
  • ob die Krabben in Marokko geschält und die T-Shirts in Bangladesh genäht wurden,
  • ob mein Kakao aus dem Hause Nestle stammt,
  • ob mein Steak einem Rind aus Argentinien oder Oberbayern entnommen wurde,
  • ob die CO2-Bilanz der Bananen, die ich nach dem Schwimmen essen will, akzeptabel ist oder nicht,
  • ob für meine Zwiebelmettwurst eine Sau ihr Leben lassen musste (eine Zwiebel übrigens auch),
  • ob Guido Barilla hanebüchenes, homophobes Zeug von sich gegeben hat,
  • ob mein Medikament von einem Konzern stammt, das sich gerade im Monsanto-Geschäft umtreibt,
  • ob mein Lieblingsverein von einem Chemiekonzern gesponsert ist,

salatnudeln2Wenn ich das Zeug kaufen will, werde ich das tun. Und wenn nicht, dann nicht.
Was immer Sie an Gründen in Euren Kommentaren vorbringen mögen, mich davon abzuhalten, irgendetwas in Zukunft zu kaufen, um so die Welt vor dem Untergang zu retten, es interessiert mich nicht.

Wer nun ein moralisches Problem mit meiner durch und durch verkommenen Art hat, für den besteht trotz des hiermit ausgesprochenem Belehrungs- und Missionierungsverbot was meine Person angeht, ein Rest Hoffnung. Denn es gibt zwei Auswege.

Tolerieren Sie es schweigend

oder

brechen Sie den Kontakt zu mir einfach ab.

Ich kann mit dem einen wie dem anderen gut leben.

4 Kommentare


  1. Achte mal darauf: Die Leute, die sich stets „gesund“ ernähren, sehen immer besonders krank aus. Das fiel uns schon vor 30 Jahren in der Unimensa bei den blässlichen und hageren Mädels* auf, die sich nur an der Ausgabestelle für den Salatteller und die Joghurtschale herumtrieben. Kein Wunder bei dem freudlosen Leben.
    *Kein. Chauvinismus! Männer sah man dort tatsächlich so gut wie nie….

    PS: Verdaue gerade immer noch mein Zigeunerschnitzel mit Pommes (ohne Salat!)

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    1. Viel anstrengender als die Gesundheitsfanatiker in der Ernährung finde ich die Menschen, die der Meinung sind, ich habe bestimmte Produkte bestimmter Unternehmen nicht zu kaufen, weil ich mich sonst wissentlich der Weltrettung verweigere…
      Diese moralisch motivierte Produktverweigerung hat ja etwas Asketisches, Selbstkasteiendes – denn derjenige, der das macht, fühlt sich in der Regel auch als der bessere, erhabenere Mensch. Weil er auf etwas verzichtet, was er gern essen würde, aber aus ethischen Gründen nicht tut. Und er belohnt sich dafür mit dieser Selbstaufwertung.

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  2. GUTEN APPETIT!
    Und DANKE fürs gesundheitsfördernde Lachen.

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  3. Seelische Gesundheit? Das ist ja wirklich dramatisch. Was wenn Nutella abgeschafft wird, oder die Firma Pleite geht?

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