Nicht schon wieder, Hinrichs!

„Ahhhhh….“ seufzt Herr Hinrichs wohlig. „Das tut gut.“
Er räkelt sich.
„Weiter so. Nicht aufhören… Jaaaaaaaa. So ist es gut.“

Betretenes, eisiges Schweigen im Dampfbad und ich denke: „Nicht schon wieder!“
Wieso ist der Depp denn heute hier? Heute ist Donnerstag, warum kriechen die Dienstagsarschlöcher jetzt auch schon donnerstags aus ihren Löchern?
Kann man nirgendwo mehr hingehen, ohne von solchen Individuen belästigt zu werden?
Mag ja sein, dass er begeistert davon ist, wenn andere im Dampfbad das Handtuch schwingen und Dampf und Wärme verwedeln. Aber muss er sich deshalb derart eindeutig pseudo-orgasmisches Gestöhne anstimmen?

Merkt er gar nicht mehr, dass er sich in der Öffentlichkeit befindet und niemand – wirklich niemand – das witzig findet?

„Ahhhhh….“
Hinrichs Gestöhne ist die pure Provokation. Warum macht der Mann das?

Und warum fragt er den Schwarzen, der seit Jahren sonntäglicher Stammgast in der Sauna ist, ob er sich nicht richtig wohl fühle bei der Hitze?
„Toll oder? Da, wo Du her kommst, ist es doch bestimmt auch immer richtig schön heiß, oder?“
Auch das soll witzig gemeint sein, ist es aber nicht, wird aber von dem so Angesprochenen weggegrinst. Er antwortet, dass er aus Frankreich aus der Geged von Paris kommt. Da wäre das Klima wohl auch nicht viel anders als hier.
Worauf ein paar Minuten peinlich berührende, aber doch wohltuende Ruhe herrscht, mal abgesehen davon, dass Hinrichs sich wieder aufs Stöhnen verlegt hat und fortwährend einfach jeden wissen lässt, wie „supergeil“ er das Wedeln findet und in einer weiteren verbalen Entgleisung kund tut, dass wenigstens das ihn richtig heiß macht.
Nie hat man Menschen angestrengter ihre eigenen nackten Füße anstarren sehen als in diesem Moment.

Die Tür öffnet sich, eine ältere Dame, der es nicht an Körpervolumen mangelt, tritt herein. Sofort rutscht Herr Hinrichs zur Seite und weist die anderen Besucher des Dampfbads an, es ihm nach zu tun. „Geh, ruckt’s amoi z’samme!“
Wieder hockt er seiner Nachbarin fast auf dem Schoß.
„Da, hock di her“, ruft er der neu hinzu Gekommenen zu, die unentschlossen mitten im Dampfbad steht. Seine Pranke klatscht auf die freigewordene Stelle.
Die Frau aber reagiert irritiert.

„Kennen wir uns?“ fragt sie und lässt damit keinen Zweifel, dass sie von Herrn Hinrichs nicht geduzt werden will.
Schwer ächzend lässt sie sich schließlich auf die geflieste Sitzbank nieder. Im Moment, da Fleisch, Lycra und Fliesen aufeinander treffen, entsteht ein Geräusch, das man mit etwas Phantasie der Flatulenz zuordnen könnte – vorausgesetzt, man ist pubertätig albern oder ein Idiot. Wer das ist, kann kichern, alle anderen hören dezent darüber hinweg. So will es das Gesetz.

Nur Hinrichs nicht.
„Ja Mahlzeit“, grunzt er, durchbricht Schweigen und Tabu in einem. „Wen haben wir denn da?“
Zustimmung heischend starrt er die Anwesenden an.

War die Stille schon frostig, ist sie jetzt beim absouluten Nullpunkt angekommen – trotz kräuterfrischen Dampfschwaden. Schwer atmend richtet die ältere Dame sich auf der Bank aus, zu beschäftigt, um auf diese plumpe Unverschämtheit zu reagieren.
Da durchbricht eine Stimme von der anderen Seite des Rondells das kollektive Schweigen: „Also ehrlich, das hätt es jetzt nicht gebraucht. Wie wäre es, wenn Sie jetzt einfach mal den Mund halten?“

Das ist der Moment, in dem ich erkenne: Es gibt einen Saunagott, der die Eier in der Hose hat, im richtigen Moment das Richtig zu sagen. Und er heißt Nicole. Stammgäste kennen einander mit Namen.
Gut gemacht Nicole, Zeit wurd’s.


 

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1 Antwort

  1. Günter sagt:

    Danke fürs Fremdschämen! Das ist ein echtes Dilemma: man hofft, das Arschloch hört von selber auf, aber macht einfach weiter…

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