Mensch, Harald… die doch nicht!

Ob Gladiolen oder Schlesische Gurkenhappen… es ist egal. Was Harald auch kaufen will, es ist falsch.

„Mensch Harald, die doch nicht!“ ist nicht selten das, was Renates stets bemitleidenswerten Ehemann entgegenschallt, wenn er beim Einkaufen tatkräftig Hilfe leisten will. Davon war hier schon öfter die Rede.
Und da Renate weiß, dass er das sowieso nicht hinbekommt, trägt sie ihm längst nur noch die Dinge zu besorgen auf, bei denen er nichts falsch machen kann… zumindest nicht nach ihrer Definition dessen, was falsch und was richtig ist.
Dann aber, an einem Wochenende, nimmt eine Neuauflage des Dramas Mensch Harald, die doch nicht! seinen Lauf. Vor dem Kühlregal stapelt Renate Joghurt, Butter, Käse und Quark in ihren Einkaufswagen. Offensichtlich hat sie es eilig.
„Harald“, weist sie ihren Mann an. „Geh doch schon mal Salatnudeln holen.“
Ich fange ihre Anweisung auf, derweil ich direkt neben den beiden stehend Buttermilch in unseren Wagen umschichte (wie immer rein zufällig), und folge Harald diskret, denn ich bin gespannt, was passieren wird. Was er holen soll, macht mich neugierig:

Salatnudeln.

Das wird ihn überfordern, das weiß ich jetzt schon.
Salatgurken. Das wird er kennen. Da kann man sich nicht vertun. Die sind ja nicht eingelegt, so wie die sauren Gürklein, schlesischen Senfgurken und sonstige Mixed Pickles.
Ich überlege: „Salatdressing oder Salatsoße, das wird er kennen. Salatkräuter vielleicht auch. Da ist die Auswahl zwar üppig, da kann man schnell mal das Falsche greifen, aber sicher kennt er die Flasche, die daheim auf dem Esstisch steht.
Aber Salatnudeln?“
Hilflos steuert Harald das Nudelregal an, ich folge. Er starrt auf die Waren, wie das nur Harald macht, und wartet auf eine Inspiration. Oder bis Rettung naht. Und die kommt in Gestalt einer mitleidigen Mitarbeiterin  des Supermarkts, die ihn anspricht, ob sie ihm helfen könne.
„Ich suche Salatnudeln“, antwortet er, was die Supermarktverkäuferin kurz das Gesicht zu Fragezeichenform verziehen lässt.
Salatnudeln…
Aber die Frau ist klug – oder auch eine Renate.
„Sie meinen Nudeln für einen Salat“, erkundigt sie sich bei ihm, aber es klingt weniger nach einer Rückfrage als nach einer Belehrung, sich doch bitte in Zukunft präziser auszudrücken, wenn ihm geholfen werden soll.
Salatnudeln – hat man so einen Blödsinn schon mal gehört…
Er nickt.
„Und was nehmen Sie denn immer für welche?“ fragt sie ihn und verfällt dabei in einen betüdelnden Tonfall, so etwa, wie manche Menschen mit kleinen Kindern oder leicht hilflosen alten Leuten reden.
„Die Blauen. Die im Karton“, antwortet Harald.
Die Frau zeigt ihm das Barillaregal. Harald bedankt sich, es fehlt nur, dass er sagt, dass er es ab hier alleine schafft.
Aber das schafft er nicht. Das Regal ist förmlich ausgeplündert. Spaghetti gibt’s. Aber Harald weiß: Die braucht er gar nicht anzubringen.
Was er sonst noch im Regal findet, sind Maccheroni und Lasagnenudeln. Keine Farfalle, keine Penne, keine Fusili. Nichts Anderes. Jedenfalls nichts, was er sich in einem Nudelsalat vorstellen kann.
Harald und die MaccheroniMit der Packung Maccheroni kehrt er zurück.
Nachdem er Renate endlich gefunden hat, die schon auf dem Weg zur Kasse ist, legt er behutsam das Paket in den Einkaufswagen. Dabei achtet er darauf, die Schachtel bloß nicht auf das Obst oder die Tomaten zu legen. Das hat er mittlerweile gelernt.
Aber es kommt, wie es kommen muss… und da ist es auch schon:
„Mensch Harald, die doch nicht! Du willst doch nicht ernsthaft Maccherroni in den Nudelsalat tun?“
Natürlich will er das nicht. Denn er kocht ja nicht. Das macht Renate. Er hätte das gut gefunden, aber sie eben nicht.
Auf den Einwand, letztlich schmecke doch eine Nudel wie die andere, verzichtet er. Das hat er einmal beim Italiener gewagt, da war aber was los.
„Andere gab es nicht!“ rechtfertigt er sich. „Nur Lasagne. Und Spaghetti.“
„Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass es außer Lasagne, Spaghetti und Maccheroni keine anderen Nudeln gab?“ braust die Gattin auf.
„Doch. Zumindest nicht die in der blauen Schachtel“, erwidert er trotzig.
„Dann hättest Du halt ne andere Marke nehmen sollen. Soviel Intelligenz hätte ich Dir ja eigentlich schon zugetraut.“
Es ist nicht so, dass Harald diese Intelligenz fehlt. Im Gegenteil. Denn hätte er Nudeln von Buitoni, von Birkel oder wem auch immer genommen, dann hätte es sicher geheißen:
„Mensch Harald, Die doch nicht! Was soll das denn? Wir kaufen doch immer nur Barilla-Nudeln. Warum schleppst Du die denn jetzt an?“
Wie er’s macht, er macht es falsch.

Und das macht er von Anfang an. Vielleicht hätte er vor dreißig Jahren, als er Renate gerade kennengelernt und sie seinen Freunden vorgestellt hat, auf seine Kumpel oder vielleicht seine Mutti hören sollen, als die zu ihm gesagt haben: „Mensch Harald, die doch nicht!“

_________________________________________

renate-und-das-dienstagsarschloch-klein wk-124Mehr Boshaftigkeiten und Genörgel vom Autor finden Sie in 66 Geschichten in dem Buch RENATE UND DAS DIENSTAGSARSCHLOCH. Das Buch kann für € 9,90 direkt hier , bei Amazon oder mit Geduld und Glück im stationären Buchhandel bestellt werden. Auch als Kindle-eBook erhältlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.