Mathe kann doch jeder…

Angeblich, so behauptet die FAZ ironisch, kann jeder Mathe. Also ich nicht, aber ich bin auch nicht jeder. Und Brittas Tochter auch nicht.
Hä?
Genau: die Tochter von Britta. Die kennen Sie nicht?
Dann tummeln Sie sich noch nicht genug in den sozialen Netzwerken. Die nämlich sind ja sowas von großartig. Man erfährt nicht nur höchst persönliche Dinge, die man nie wissen wollte, von wildfremden Menschen, die man nie kennenlernen wollte. Britta zum Beispiel:

Eine vier in Mathe - Oh mein Gott

Wenn ich über solche Posts stolpere (ja, ich folge bisweilen Twitterlinks und stoße so auf sonderbare FB-Gruppen), juckt es mich geradezu in den Fingern, zu antworten:

EINE 4 IN MATHE? UND NUR EINE 3 GESCHICHTE?
DAS IST JA GRAUENHAFT… WIR WERDEN ALLE STERBEN!!!

Ich weiß, das ist furchtbar ungerecht. Ich nehme die Sorgen und Nöte dieser Muttis (gendergerecht sind Vatis hier mit einbezogen) einfach nicht ernst, jedenfalls nicht ernst genug. Denn ich bin weder Reh- noch Seelenstreichler, vielleicht fehlt es mir hier an genügend kognitiver Empathie. Ein Tässchen Oxytocin könnte weiterhelfen.
Praktische Ratschläge an die Hilfe suchende Britta erspare ich mir. Ich wüsste ohnehin nicht, was man solchen Menschen empfehlen kann. Allerhöchstens könnte ich Britta raten, es mit der Wahrung des Persönlichkeitsrechtes ihrer Tochter ernst zu nehmen. Die scheint nämlich niemanden mehr sonderlich zu interessieren und ich kann mir nicht vorstellen, dass Brittas Tochter über den Beitrag ihrer Mutter amused ist.
Die einen Eltern pumpen unentwegt Fotos ihrer Fratze ins Netz, obwohl sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass das keine so gute Idee ist. Andere Eltern erzählen freimütig von Schulproblemen, pubertären Ausfällen, Beziehungskrisen und Streitigkeiten ihres Nachwuchses. Und niemanden scheint das zu stören.
Manchmal aber stelle ich mir die Frage, ob die betroffenen Kinder ihren Eltern nicht ganz gewaltig den Arsch aufreißen würden, wenn sie wüssten, was ihre Eltern da alles über sie in Umlauf bringen.
Hätten meine Eltern damals einen solchen Vertrauensbruch begangen (in diesem berühmten früher), ich glaube, ich wäre mehr als ausgerastet. Aber zum Glück gab es ja weder Foren noch FB-Gruppen, in denen sie sich hätten tummeln können. Es war eben doch nicht alles so schlecht damals.

Ich frage mich, was eigentlich in den Köpfen solcher Eltern vorgeht? Ist da überhaupt irgendetwas drin, in dem etwas vorgehen könnte? Wie können Eltern so naiv sein zu glauben, ihre Kinder bekommen nicht irgendwann mit, was ihre Muttis so über sie digital herausposaunen?
Klar, die Muttis suchen in ihrem Frust Trost und Zuspruch von anderen Muttis, die in der gleichen Lage stecken: „Du bist nicht allein! Bei unseren Kindern war das auch so…“ Und zack: Trötet die nächste die Schulprobleme ihrer Kinder in die digitale Gemeinschaft. Dann die dritte, die vierte…

Und überhaupt: Was wäre ich früher froh gewesen, mal eine Vier in Mathe heimzubringen. Ja genau, früher: Damals, in der Zeit, in der wir nichts hatten – nicht mal gute Schulnoten. Dann hätte ich stolz sagen können: „Was wollt ihr eigentlich? 4 das heißt ausreichend, reicht also…“
Nur leider hat es bei mir meistens nicht mal dazu gereicht. Ein Blick auf mein gymnasiales Halbjahreszeugnis, als ich 16 war, zeigt es mehr als deutlich:
Ganz beschissenes ZeugnisVier mal mangelhaft, und ein sehr gut in Geschichte. Eine drei wäre eine echte Katastrophe gewesen. Ein Albtraum. Fürwahr. Da hat Brittas Tochter Recht.

Na und?
Ich bin trotzdem nicht sitzen geblieben. Kein mangelhaft hat bis zum Sommer durchgehalten, so groß war der Aufwand gar nicht. Eigentlich nur ein Umverteilen, etwas weniger Physik und Chemie (zack runter auf 4 – reicht doch), etwas mehr Zuhören in den anderen Fächern. Arsch gerettet. Zumindest für dieses Mal.Nicht ganz so beschissenes Zeugnis

Also reißt Euch mal zusammen, Muttis. Hört auf Eure Kinder: Chillt mal.

 


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1 Antwort

  1. Relativierend muss ich hier anfügen, dass es sich bei den hier abgebildeten Zeugnissen des Chronisten um solche aus dem Bildungsverliererland Nordrhein-Westfalen handelt, die keinerlei Vergleich mit unseren bayerischen Verhältnissen zulassen.

    Allein die Tatsache, dass die wichtigsten Fächer „Kunst“ und „Musik“ wegen Lehrermangels nicht erteilt wurden, spricht Bände. Mein bayrisches Abitur, welches ich in den Achtzigern mit Kunst, Religion und gutem Betragen (mit ach und krach) bestanden habe, hätte in NRW zu einem hochbegabten Stipendium gereicht. (Allerdings gibt es ja dort gar kein Maximilianeum, hörte ich)

    Damals galt auch schon die „4“ als die „1“ des kleinen Mannes. Der Unterschied war allerdings, dass unsere Eltern stets überzeugt waren, dass wir diese schlechten Noten auf jeden Fall immer verdient hatten, anders als Schackeline und Mändy, die ihre Dummbratzen auch noch für hochbegabt halten … aber das ist eine andere Geschichte …

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