Mama kommt nicht und Emma hört nicht

„Mama, komm schnell!“ schreit der kleine Jeremy, der vielleicht auch Cedric oder Jerome heißt, quer durchs Gewächshaus und läuft aufgeregt zu dem kleinen Wasserbassin. Der Knirps hat Recht.
In der Tat sind dort Schildkröten. Aber das weiß Jeremys Mama auch, denn sie hat bereits am Eingang zu dem Gebäude ein entsprechendes Hinweisschild gesehen. Und sie weiß auch, dass der künstliche Teich überfüllt ist mit Rotwangen- und Gelbwangenschmuckschildkröten. Die Tiere, die die Besucherströme des Münchner Botanischen Gartens gewöhnt sind, werden schon noch da sein, wenn sie am künstlichen Teich angekommen sein wird. Die Reptilien nämlich denken gar nicht daran, sich nur irgendwie geartet aus der Ruhe bringen zu lassen, von ihren Sonnenplätzen Reißaus zu nehmen, sich ins Wasser fallen zu lassen und abzutauchen, wenn sich jemand nähert. Sie werden also auch noch dort sitzen, wenn sie nicht mit den Pumps über die glitschigen Steinplatten hetzt. Warum also beeilen?
Schon gar nicht für so ein paar Viecher, die zu Dutzenden auf dem Ast und den Steinen der Beckenbegrenzung hocken. Die Fluchtdistanz der Reptilien geht hier gegen Null.
Was – so ehrlich muss ich sein – ich mir auch bei meinem Besuch dort zu Nutze mache, denn normal ist das nicht. Also fotografiere ich eine Gelbwangenschmuckschildkröte wie ein Irrer und versuche dabei, Jeremys an Hysterie grenzende Begeisterungsrufe bestmöglich zu ignorieren. Was ein Ding der Unmöglichkeit ist.
„Mama, schnell! Da ist eine! Komm! Komm! Mach schnell!“
Aber Mama kommt nicht. Erst nämlich muss sie noch in einem Schaukasten irgendwelches Grünzeug sichten.
Fast möchte ich der Mama zurufen, sie solle sich jetzt endlich mal her bewegen, damit das Blag Ruhe gibt. Das ist einer dieser Momente, in denen ich zwar nach wie vor der Meinung bin, dass Kinderlärm Zukunftsmusik bedeutet, aber trotzdem Eltern nicht aus der Pflicht entlassen will, ihren Kindern eine gewisse Erziehung angedeihen zu lassen und sich selbst nicht so zu benehmen, als seien sie allein auf diesem Globus.

Aber Jeremys Mama denkt gar nicht daran, dem Sohnemann zumindest zu antworten, dass sie bereits auf dem Weg sei und ihn somit ruhig zu stellen. Derweil aktiviert der Dritte im Bunde, der Vater der Familie schon mal die Handykamera, was seine Konzentration dermaßen fordert, dass er fast nicht mehr wahrnimmt, dass noch andere Menschen im Gebäude sind und er beinahe ein anderes Kind umrennt. Aber was tut man nicht alles für herzallerliebste Bilder?
Der Kronprinz und die Schildkröte; das werden Fotos, die der stolze Vater hernach erst per WhatsApp an die gesammelte Verwandtschaft und Paten schicken und mit denen er anschließend den Rest der Welt über die sozialen Medien beglücken kann.
Es sei ihm gegönnt.
Zum Glück halten die Schildkröten still – und auch sonst allerhand aus. Diese Tiere sind Kummer gewöhnt. Sonst wären sie nicht im Tropenhaus des Botanischen Gartens, denn allesamt sind sie Müllschildkröten.
Es sind buchstäblich Wegwerftiere, die eigentlich in Amerika daheim wären, hier aber über den Zoohandel in die Hände verantwortungsloser Idioten gelangt sind, die der Tiere irgendwann überdrüssig wurden und sie entsorgt haben. Meist geschieht das in heimischen Teichen, Seen oder Weihern, Erst im vergangenen Jahr wurden in München aus dem See im Westpark hunderte solcher Tiere geholt.
Oder eben im Botanischen Garten. Es kommt regelmäßig vor, dass Tiere in Rucksäcken in die Anlage geschmuggelt und dort „in die Freiheit entlassen werden“, 35 Tiere toleriert der Botanische Garten, der sich in einer Zwickmühle wiederfindet, denn eigentlich gehören die Tiere nicht hierher. Der Botanische Garten ist kein Zoo. Aber da sie zu den absoluten Besuchermagneten gehören, hat man sich arrangiert. Und wenn die Zahl die Obergrenze mal wieder überschreitet, werden Tiere gefangen und an die Münchner Auffangstation abgegeben.

"Emma, Emma! Komm!"
„Emma, Emma! Komm!“

Derweil Jeremy neben einer Schildkröte posiert und der Papa Dutzende Fotos macht, nähern sich zwei Frauen. Geduldig warten sie, bis die Familie mit ihrer Aktion durch ist, dann aber bricht es aus einer der beiden Frauen heraus.
„Emma, Emma!“ gurrt sie mit sopranösem Alterstremolo. „Emma! Komm!“
Aber ihr Locken bleibt ohne Erfolg. Keine einzige Schildkröte fühlt sich angesprochen, geschweige denn gemüßigt, sich der Frau zu nähern.

Man sieht ihnen ihre demonstrative Ignoranz förmlich an: „Emma? – Mich kann die ja wohl nicht meinen!“

Die komplette Verweigerung jeglicher Reaktionen aber ist nicht, was die Frau erwartet hat. Sie ist zutiefst enttäuscht, dass keine Schildkröte angepaddelt kommt.
„Emma!“ lockt sie ein ums andere Mal, geht in die Hocke und trommelt unaufhörlich mit dem Zeigefinger auf einen Stein der begrenzenden Mauer.
Wäre Emma ein Pudel, er wäre längst da, um in gewohnt devoter Art sein Frauchen anzuschleimen. Eine Katze würde vielleicht ein Futterversprechen in diese Körperhaltung hineininterpretieren und sich neugierig nähern. Die Schildkröten aber rühren sich nicht.
Warum auch?
Meine Frau fragt zu Recht, ob die Frau vielleicht auch mal heimlich ihre Schildröte „Emma“ hier entsorgt hat und sie nun inkognito immer wieder besucht? Von der Hand zu weisen ist dieser Gedanke sicherlich nicht.
Aber Emma, so denn überhaupt ein bestimmtes Tier gemeint ist, übt sich weiterhin in stoischer Ruhe.
Also fängt die Frau an, mit dem Finger im Wasser hin und her zu rühren. Ein kläglicher Versuch, den Schildkröten zu suggerieren, hier gäbe es gleich etwas zu fressen und auf den Instinkt des Beutemachens abzuzielen. Eine Schnappschildkröte wäre jetzt vielleicht interessiert – aber eine vornehme Schmuckschildkröte doch nicht. So blöde ist Emma nicht.
Keine Reaktion von Seiten der Schildkröten. Nicht Eine, nicht ums Verrecken.
„Emma!“ Die Frau hört nicht auf.
Und Emma nicht hin. Ein kluges Geschöpf. Da sage noch einer, Schildkröten hätten den Verstand eines aufgeweichten Milchbrötchens. Aber das behauptet ja auch keiner…

"Who the fuck is Emma?"
„Who the fuck is Emma?“

 


Weitere, etwas weniger polemische Eindrücke aus dem Münchner Botanischen Garten finden Sie in meinem anderen Blog in diesem Beitrag.

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